Literatur

Bevor alles nicht mehr wahr ist

In Zeiten von Instant-Worten ist ein Schreibmaschinen-getippter Brief wie ein Drei-Gänge-Menü für die Synapsen. Der 2015 verstorbene Übersetzer, Hörbuchvertoner und Schauspieler Harry Rowohlt frönte dieser Leidenschaft – nachzulesen in „Und tschüs“.
Und tschüs. Nicht weggeschmissene Briefe III - Harry Rowohlt

Der Thesaurus Rex unter den Übersetzern, ein ganzes Stimm-Orchester beim Sprechplatten vertonen, ein großer Bär und Bärentreiber: Lobeshymnen auf diesen vielbeschäftigten Mann gibt es zuhauf. Kaum vorzustellen, dass in diesem viel beschäftigten Leben noch Platz war. Und dann auch noch für etwas scheinbar aus der Mode gekommenes: dem Briefeschreiben. Harry Rowohlt tat es, so möchte man meinen, täglich. Er machte Ablage, schrieb Brief um Brief. Und zwar an ganz unterschiedliche Menschen, ob nun enge Freunde, Journalisten, Autogrammjäger oder Veranstalter.

Liebe Gesine:

 

Bevor alles gar nicht mehr wahr ist, möchte ich mich rasch bei Ihnen und dem gesamten vorbildlichen Verkaufs- und Veranstaltungskollektiv bedanken.

„Bevor alles gar nicht mehr wahr ist …“ Wenn es um seine „zierlichen“ Dankesbriefchen geht, dann ist dies eine von Rowohlts bevorzugten Formulierungen. Vielleicht ist es der Drang, auch kurze Momente schriftlich festzuhalten und nicht der verbleichenden Vergangenheit anheimfallen zu lassen. Die richtigen Worte können Erinnerungen doch so viel aussagekräftiger machen als jedes Foto. Kurz und knapp lag diesem Wortakrobaten sehr gut. In der Absage an den Gerstenberg-Verlag heißt es da beispielsweise:

Liebe B.L.:

 

Für Gerstenberg habe ich schonmal was übersetzt und davon nur durch Zufall erfahren. Diese Zusammenarbeit reicht mir völlig. Wenn Sie das Buch zurückhaben wollen: Bis Samstag 14 Uhr liegt es in meinem Papierkorb.

 

Schönen Gruß, HR

Der dritte Band von Harry Rowohlts nicht weggeschmissenen Briefen deckt die Jahre 2010 bis 2014 ab. Seiner guten Freundin Anna Mikula gab er die Erlaubnis, in seinen Briefvorräten zu stöbern. Dafür musste sie 25 Aktenordner wälzen, bis sie eine Auswahl treffen konnte. Aus eben dieser Auswahl spricht ein rauer, aber doch sehr liebenswerter und selbstironischer Mensch. Rowohlt hielt sich zeitlebens für zu dumm für so einen neumodischen Computer. Umso fleißiger tippte er auf seiner Schreibmaschine.

Dieser Brief ist, weil ich zu blöd für einen Computer bin, leicht pastos, wegen Tipp-Ex Flüssig, und etwas eingesaut, weil die Farbbandkassetten von Drittweltlohnbeziehern zusammengeschraubt werden und deshalb mal so und dann so ausfallen. Die aktuelle Kassette staubt.

Die Lektüre von Rowohlts Briefen ist nicht nur amüsant und kurzweilig. Sie gewährt ebenso Einblick in einen vielseitigen Beruf – dem des Übersetzers. Er war ein wahrlich großartiger Übersetzer, der Haltung gezeigt hat und das gesamte deutschsprachige Gebiet bereist hat. Zumeist mit der Bahn, in der er dann auch Zeit zum Lesen fand. Jeder seiner Briefe ist, als würde man diesem rauschbärtigen Mann zufällig im Zug begegnen. Auch stößt man in diesen Briefen ganz unverhofft auf selten gebrauchte Wörter der deutschen Sprache. „Nebbich“ beispielsweise. Das bedeutet „leider, schade“ oder auch „nun, wenn schon“. Oder „Potlatsch“ – das bedeutet „rauschhafte Freigebigkeit“ und geht auf ein gleichnamiges Fest der nordamerikanischen Indianer zurück. So schrieb er an die Verleger Tania und Klaus Bittermann:

Liebe Tania, lieber Klaus:

 

Das war ja wirklich ein denkbar gelungener Potlatch (ja: nachgeschlagen; weiß gar nicht, zum wievielsten Male) voller Lichtgestalten, die dann auch teilweise noch was aufgesagt haben. […]

Und Klaus hat sich – Potlatch! – seinen indianischen Kriegsnamen redlich verdient: Der-wo-im-Adlon-kackt. Vielen Dank!!! Alles nur Erdenkliche! […] Euer Harry

Das mag detailverliebt und sprachbesessen klingen. Ist es auch. Aber gerade das macht einen guten Übersetzer aus. Abgesehen von dem umfangreichen Weltwissen, das sich unter der Rowohlt‘schen Wollmütze gequetscht haben muss. Und natürlich sehr viel Kreativität.

Und tschüs. Nicht weggeschmissene Briefe III sind kleine alltägliche Szenen voller kluger Gedanken, ironischer Anmerkungen und eben sehr viel Sprachwitz.

 

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Constanze Gräsche
10.11.2016 - 12:07
  Kultur

"Und tschüs. Nicht weggeschmissene Briefe III" ist im Kein & Aber-Verlag erschienen und für 20,00 € im Buchhandel erhältlich.