euro-scene 2015

Beim Zuschauen zuschauen

"Transforming Acts" will Tanzgeschichte erzählen zusammen mit Kresnik, Bausch und Bob Wilson. Dabei will es untersuchen, wie der Tanz ändert und verändert wird. Ein großer Anspruch, der zu viel Geduld von den Besuchern verlangt.
Die Installation "Transforming Acts" kann man kostenfrei auf der euro-scene besuchen

Fünf Leinwände sind im Halbkreis aufgestellt, auf denen teilweise Ausschnitte von wegweisendenden Stücken der vergangenen 50 Jahren zu sehen sind. Es sind vor allem Stücke, die Genregrenzen sprengen, wie das Tanztheater der 60er Jahre von Kresnik oder Bausch, Bob Wilsons stilisierte Opern, Schleefs rhythmisierte Texte oder Chetouanes choreographische Annährung an Heiner Müllers Anti-Theatertexte. "Transforming Acts" nennen ihre Installation ein Videokaleidoskop. Es ist eine interessante Frage, die an den richtigen Beispielen erläutert wird. Seit Jahrzehnten zeichnet sich gerade die Theaterszene durch Interdisziplinarität aus. Die Installation zeigt, dass das ganz unterschiedliche Gründe hat, wie die größere Offenheit für Künstler fremder Kunstformen, die Suche nach neuen Formen selbst und natürlich die Herausforderung einer komplexer werdenden Welt.

Auf der anderen Seite diskutiert das Stück nicht nur die Formen des Theater, sondern stellt auch Theatergeschichte dar. So besteht dieses Kaleidoskop nicht nur aus Aufnahmen der Tanzperfomances, es versammelt auch zahlreiche Künstler, denen der Besucher beim Zusehen zusehen kann, sodass ein anderer Blick auf diese Ausschnitte entsteht. In der Auswahl erscheint gerade durch die großen Namen die Geschichte des jüngeren Tanzes. Die ist durch eine ständige Selbstbefragung geprägt, wenn beispielsweise Kresnik  dieser wütende Choreograph  sich darüber aufregt, warum das Schauspiel schon höchst politisch sei und er im Ballett, wie seit hundert Jahren, im weißen Leibchen rumspringt. Auch Kontakte ins Jenseits haben die Künstler Penelope Wehrli und Detlev Schneider geschickt ermöglicht, indem sie Aufnahmen von Fernsehern zeigen, in in ständiger Wiederholung Gesichtern verstorbener Künstler wie Heiner Müller zu sehen sind.

Doch auch wenn die Auswahl gut gelungen ist und die beeindruckende Anzahl der faszinierenden Videoporträts  aufgenommen von Sirko Knüpfer  äußerst spannend ist, wird diese Installation schnell ermüdend. Viele der Schnitte zwischen Aufführung und Interviews sind dilettantisch umgesetzt. Darüber hinaus haben sich die Künstler zu wenig getraut: Beinahe linear laufen die Videoausschnitte meist hintereinander, überschneiden sich nur selten und werden auch kaum künstlerisch verarbeitet. Dazu äußert sich das Thema kaum in seiner Darstellung. Zwar sprechen die Choreographen von ihrer Interdisziplinarität, doch gezeigt wird nur das naheliegendste Material, sodass der Besucher selbst keine neuen Verbindungen herstellen kann. Das spannende Thema, das so viele Möglichkeiten eröffnet, wird so in eine Form gesetzt, die genauso gut im Spätprogramm eines Kultursenders laufen könnte. Die Verteilung auf mehrere Bildschirme wirkt hier nur gewollt.

 

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Thilo Körting
07.11.2015 - 14:06
  Kultur

Die Videoinstallation ist noch bis Sonntag auf der euro-scene Leipzig zu sehen. Am Samstag, dem 7. November 2015 ist um 15 Uhr eine Podiumsdiskussion mit den Künstlern geplant.