CD der Woche

Aus dem Leben eines Rappers

„Nachtmensch“ ist ein vertontes Tagebuch des Rappers Chefket. Darin erzählt er, wie er über den Wolken schwebt und auch, wie es ist am Boden zu liegen. Er kämpft gegen den Kater und für seine Träume. Seine Waffe: schöne Worte.
Der Rapper Chefket fühlt sich nachts am wohlsten.
Der Rapper Chefket fühlt sich nachts am wohlsten.

Ruhelos Glücklich

Der Rapper Chefket ist ein Nachtmensch. Während andere schlafen, produziert er Songs in seinem Studio in der Frankfurter Allee in Berlin. Die Aufnahmen werden dann im Schutz der Dunkelheit gehört und das dritte Album des Rappers entsteht. Unterstützung hatte er dabei vom Hamburger Produzenten Farhot, der unter anderem auch mit Nneka, Megaloh, Talib Kweli und Haftbefehl gearbeitet hat . Er sorgt dafür, dass seine Vision Realität wird und jedes Wort das passende Klangbett bekommt. Beim Titeltrack „Nachtmensch“ trägt der Beat Vintage- Schick und eine Eule im Hintergrund wacht akustisch über die Zeilen von Chefket:

Hellwach / Nichts zu tun mit der normalen Gesellschaft / Die Geld macht damit sie glücklich wird / Aber dann traurig ist, weil sie nie genug hat

Chefket - Nachtmensch

Doch für den Schwaben mit türkischen Wurzeln ist Geld kein Garant fürs Glücklich-Sein. Das mag wohl auch daran liegen, dass er seine eigene Sprache im Rap gefunden hat. Statt sich mit Schwanz-Vergleichen und Beleidigungen aufzuhalten, kürt er sich lieber zum „Glücklichsten Rapper“ der Welt.

 

Der „Skillionär“

Chefket (mit gebürtigem Namen Şevket Dirican) nimmt das Leben stets mit einer gewissen Leichtigkeit. Zumindest trägt jedes Kapitel seines musikalischen Tagebuchs immer eine Spur Unbeschwertheit in sich. Wenn er zum Beispiel seine Verführungskünste spielen lässt („Lass gehen' “) oder die Flügel ausbreitet um dem Alltag zu entflieht („Fliegen“). Selbst den Brummschädel nach einer durchzechen Nacht zelebriert der 33-Jährige in vollen Zügen - immerhin freut er sich schon auf den nächsten „Kater“.

Doch vor dem Morgen danach kommt erst mal der „Tanz“. In diesem Lied beweist Chefket, was ihn unter anderem als Rapper auszeichnet. Denn was der Mann an typischer Rap-Großkotzigkeit spart, macht er durch Skills wieder wett. Der Mund wird zum Schnellschussgewähr und die Silben schießen nur so umher.

Dabei zeigt dieser Song vor allem wie schnell er rappen kann - aber noch lange nicht wie Wortgewand er dabei ist. Wie selbstverständlich fügen sich in seinen Songs Reime, Metaphern und Wortspiele zusammen. Mit diesen Wortgerüsten, kann er nicht nur das Sein feiern, sondern auch den Konsum anklagen:

Arbeiten unsere Seele zu Schrott / Beten zu Geld, aber reden von Gott / Wege aus Holz betreten sie stolz / Was man nicht schafft, hat man eh nicht gewollt / Haben noch immer zu wenig Erfolg / Zwang um zu wachsen / Angst, dass wir was verpassen und alles im Leben bereuen

Chefket - Immer mehr

Dabei betont Chefket immer wieder, dass er nicht bewusst politisch ist und belehren will. Viel mehr bekommt der Hörer einen Einblick, wie er die Welt sieht und muss eigene Schlüsse daraus ziehen.  Das wird auch deutlich in dem Song „Wir“. Darin bietet er Klischees und Vorurteilen mit einer simplen Formel die Stirn.

Wenn du wissen willst wie Deutsche leben, geh und frag sie / Und wenn du mal mit ihn streitest, nenn sie nicht einfach Nazis / Ja es gab sie, es gibt sie und es wird sie immer geben / Steiger dich nicht rein, denn die meisten sind dagegen

Dieses Lied hält auch noch eine Überraschung bereit. Denn nach 2 Minuten und 40 Sekunden ist erst mal Schluss, doch dann folgt direkt das einzige Feature auf dem Album „Nachtmensch“. Dafür hat sich Chefket keinen geringeren als seinen "Bruder" ins Boot geholt. Das ist Marteria. Schon 2013 haben die beiden sich mit „Was wir sind“ gegenseitig eine Liebeserklärung gerappt und diese Harmonie spiegelt sich auch im Hidden-Track wieder.

Rap & Soul

Jeder Song auf dem Album „Nachtmensch“ ist ein kleiner Tagebucheintrag von Chefket. Wenn man diese genau studiert, bekommt man einen Eindruck, welcher Mensch sich hinter den Zeilen verbirgt. Wer sich dann noch schwer tut, das musikalische Tagebuchpapier zu identifizieren, dem sei der Song „Rap & Soul“ ans Herz gelegt. Darin spricht der Rapper über seine musikalische Sozialisation und die Einflüsse auf seine Musik. Chefket mischt Hip Hop-Beats mit Soul, Blues, Funk und Jazz. Dazu rappt er vornehmlich, aber der Mann ist auch ein begnadeter Sänger. Während die Genremixes, wie bei den Vorgängeralben, wunderbar geklappt haben, kommt der Gesang doch etwas zu kurz. Die vorhandenen Parts sind wiederum auch nicht an allen Stellen vollends gelungen, wie man zum Beispiel an dem Song „Träume“ hört. Darüber hinweg tröstet allerdings das Sample von Melody Gardots „Love me like a River does“.

Doch dies bleibt der einzige Kritikpunkt. Dem geneigten Hörer dürfte es also schwer fallen, das Tagebuch nach einmal hören zu schließen und es dann einfach wieder in den Schrank zu stellen. Vielmehr sollte es a besten mehrmals täglich konsumiert werden, denn bei jeden durchhören lernt man mehr über den Rapper Chefket. 

 

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Carina Fron
18.08.2015 - 18:49
  Kultur

Chefket: Nachtmensch

Tracklist:

1 Rap & Soul*  
2 Glücklichster Rapper     
3 Fliegen     
4 Nachtmensch     
5 Tanz*    
6 Kater     
7 Träume     
8 Lass Gehn'*    
9 Carie Me Homeland     
10 Vernichtung     
11 Wir     
12 Immer Mehr

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 14.08.2015
Vertigo (Universal Music)