Filmrezension

Aus dem Kino gelöscht

Seit drei Jahren warten Sci-Fi-Fans auf Alex Garlands Nachfolger zu seinem gefeierten Regiedebüt "Ex Machina". Diese Woche startet "Annihilation" in Deutschland, jedoch nicht im Kino, sondern direkt auf Netflix. Ein Zeichen für mangelnde Qualität?
Natalie Portman in Auslöschung
Eine furchteinflößende Entdeckung

Bis Februar war Alex Garlands Science-Fiction-Thriller "Auslöschung" (OT: "Annihilation") noch für einen weltweiten Kinostart vorgesehen. Trailer waren bereits vor zahlreichen Kinofilmen zu sehen. Erst vor wenigen Wochen änderte sich der Plan jedoch abrupt: Die amerikanische Produktionsfirma entschied, dass "Auslöschung" trotz hohem Budget und Starbesetzung, außerhalb der USA nicht im Kino, sondern direkt auf der Streaming-Plattform Netflix anlaufen sollte. Eine Entscheidung, die viele Cineast*innen hierzulande aufgrund des vielversprechenden Trailers und der hochkarätigen Besetzung vor den Kopf stieß. Die Produktionsfirma begründete die Entscheidung damit, dass der Film bei Testvorführungen nicht gut angekommen war und für (ausländisches) Publikum als zu intelligent eingestuft wurde. Daher, und weil Regisseur Garland sich Änderungen durch die Geldgeber widersetzte, wurden die Verleihechte außerhalb Nordamerikas direkt an Netflix verkauft, wo "Auslöschung" seit dieser Woche, noch während er in US-amerikanischen Kinos läuft, erhältlich ist. Eine Entscheidung, die von Regisseur Alex Garland zutiefst kritisiert wurde, da der Film von ihm bewusst für die große Leinwand konzipiert worden war. Seine Enttäuschung ist auch deshalb verständlich, da "Auslöschung" sich qualitativ klar von anderen auf Netflix versendeten Kinoproduktionen wie "Bright" und "The Cloverfield" Paradox abhebt.

Handlung

Biologie-Professorin Lena (Natalie Portman) durchlebt eine schwere Zeit. Ihr Ehemann Kane (Oscar Isaac) wird seit einer streng geheimen Militäroperation vermisst und für tot befunden. Bis der merklich verstörte Partner nach einem Jahr direkt auf Lenas Türschwelle auftaucht, kurz darauf jedoch schwere Krankheitssymptome offenbart. Unterwegs im Krankenwagen wird das Ehepaar von einem Konvoy von Polizeiautos abgefangen. Sowohl Lena als auch ihr Mann werden vom Militär in Gewahrsam genommen. Auf der Militärbasis erfährt Lena den Grund: in einem Landstreifen Floridas schlug vor drei Jahren ein Meteorit ein. Von dem Einschlagspunkt aus breitet sich eine Kuppel aus einer ölartigen Regenbogenschicht aus. Um dem Rätsel der bedrohlichen "Zone" auf den Grund zu gehen, hat das Militär bereits eine Gruppe von Soldaten hinein geschickt. Lediglich Lenas Mann kam zurück. Militärpsychologin Dr. Ventress (Jennifer Jason Leigh) will gemeinsam mit einem hochkarätigen Team von Militärwissenschaftlerinnen das Innere der Kuppel  erkunden und ihren Ursprung  finden. In der Hoffnung eine Heilung für ihren Mann zu finden, schließt sich Lena der Expedition ins Unbekannte an. Dort warten einige Überraschungen auf sie, da Flora und Fauna der "Zone" sich in kürzester Zeit radikal verändert haben.

Eine grobe Zusammenfassung der Handlung von "Auslöschung" lässt zunächst einen eher konventionellen SciFi/Horrorfilm vermuten. Tatsächlich vermischt der Film, der auf dem ersten Teil der Southern Reach-Buchtrilogie des Autors Jeff VanderMeer basiert, auf der Oberfläche Elemente zahlreicher prominenter Vertreter des Genres, von "Das Ding aus einer anderen Welt" bis hin zu "Abyss - Abgrund des Todes". Der Film des britischen Regisseurs Alex Garland will jedoch mehr sein, als nur ein unterhaltsames B-Movie. Erzählerisch scheint sich Garland, der zuvor mit seinem hochgelobten Regiedebüt "Ex Machina" auf sich aufmerksam gemacht hatte, an den Sowjetklassikern von Andrei Tarkovsky zu orientieren, insbesondere "Solaris" und "Stalker". Mit Letzterem teilt sich "Auslöschung" auch das Setting einer mysteriösen "Zone" inmitten unberührt wirkender Natur. Mit diesem Ansatz gehen jedoch auch ein teilweise entschleunigtes Erzähltempo, dialogarme Passagen und eine überaus bedrückende Stimmung einher. Dieser Tatsache dürften auch die verhaltenen Reaktionen des US‑Testpublikums geschuldet sein.

Phantastisches Design

Dies soll jedoch nicht heißen, dass "Auslöschung" sperrig oder unzugänglich ist. Garland und sein Kameramann Rob Hardy schaffen fantastische Bilderwelten, die sich sofort ins Gedächtnis brennen. Die Welt innerhalb der "Zone" erinnert mit ihrer von regenbogenfarben-überzogenen Sumpflandschaft an die hyperstilisierte Cover-Art von Fantasie-Büchern und steckt dabei voller kreativer Details und nie zuvor gesehener Designs. Der bunte Look steht dabei in hartem Kontrast zur bedrohlichen Stimmung und der detaillierten Darstellung entstellter Körper, die im Publikum eine Mischung aus Ekel und Faszination hervorrufen und teils an moderne grafische Kunst erinnern. Außerdem gelingt es den Machern von "Auslöschung", immer wenn die Stimmung zu sehr ins Lethargische abzudriften droht, die Spannung mithilfe einiger schweißtreibender Szenen wiederanzukurbeln. Dabei sticht besonders die bereits vieldiskutierte "Bärenszene" hervor, die am Ende des Filmjahres 2018 in keinem Highlight-Reel fehlen sollte.

Trotz dieser Oberflächenreize bleibt "Auslöschung" jedoch ein Film der Ideen, bei dem der Science-Fiction-Aspekt klar im Vordergrund steht. Der Film behandelt dabei sowohl auf direkter als auch auf metaphorischer Ebene Themen von Depression, Identität und der Angst vor persönlicher Veränderung. Dabei lässt Regisseur und Drehbuchautor Garland seinem Publikum jedoch genug Raum, sich seine eigenen Gedanken zu machen, was sich besonders im mehrdeutigen Finale äußert. Dabei sollten auch die Performances der überwiegend weiblichen Besetzung hervorgehoben werden, denen es gelingt, auch ohne offensichtliche Dialoge, die Gefühlswelten ihrer Figuren greifbar zu machen.

Fazit

Nach "Ex Machina" ist Alex Garland mit "Auslöschung" ein weiterer Ausnahmefilm gelungen, der gekonnt meditative Filmkunst mit intensivem Nervenkitzel und intelligenter Science Fiction vermischt. Dass dem Film in Europa ein Kino-Release verwehrt bleibt, ist schade, da "Auslöschung" mit seinen fantastischen Bildern klar für die große Leinwand erdacht wurde und auch sonst ein Maß an Aufmerksamkeit von seinem Publikum fordert, welches auf der Wohnzimmercouch nicht immer gegeben sein dürfte. Deutsche Science-Fiction-Fans sollten sich trotzdem unbedingt die Zeit nehmen und sich "Auslöschung" auf einem möglichst großen Bildschirm ansehen.

 

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Martin Pfingstl
16.03.2018 - 16:44
  Kultur