Kommentar zu unserem Fokus

Aufstand, Aussitzen oder "Aufstehen"?

Kaum noch ein Tag vergeht ohne Demos. Ist unsere Demokratie wirklich wegen der Migranten und Rassisten in der Krise oder haben wir einen falschen Fokus? Ein Kommentar zu Chemnitz, "Aufstehen" und soziale Gerechtigkeit.
Demokratie in der Krise
Demokratie in der Krise

Es ist die Nacht des 26. August 2018, Chemnitz feiert sein Stadtfest. An dessen Ende wird ein 35-jähriger Mann gewaltsam aus dem Leben gerissen worden sein. Eine Tragödie, vor allem für die Angehörigen des Verstorbenen. Doch würde man dem Tenor der aktuellen Berichterstattung Glauben schenken, dann wären die darauffolgenden Ereignisse eher ein öffentlicher Machtkampf zwischen Rechts und Links, als wahrhaftige Anteilnahme. Die einen propagierten noch am selben Tag "Wir sind das Volk", die anderen eine knappe Woche später "Wir sind mehr". In der Spitze kamen rund 65.000 Menschen nach Chemnitz zum Konzert von Kraftklub, Feine Sahne Fischfilet und Co., um die 8000 zum Trauermarsch von Initiatoren des rechten Spektrums. Hielte man Zahlen für ein Indiz eines imaginären Zwischensieges, dann stünde es wohl vorerst 1:0 für Links.

Was dabei aber nicht vergessen werden sollte: es geht hier nicht um ein Länderspiel. Solch eine vereinfachte Darstellungsweise würde suggerieren, man müsse zur Überwindung von Fremdenhass oder (unfreiwilliger) Migration nur die jeweils andere Position mengenmäßig überstimmen, damit sie verschwindet. Ganz demokratisch eben. Doch das wäre nicht nur naiv, sondern sogar kontraproduktiv. 

Der Weiterfresserschaden stört den sozialen Frieden

Was, wenn den Entwicklungen der letzten Jahre ein Weiterfresserschaden zugrundeliegen würde? Davon spricht die Rechtswissenschaft, wenn anfangs nur ein begrenzter Teil an einer Sache mangelhaft gewesen ist, das aber nach und nach zu weiteren Schäden an der Sache führt. Übertragen wir das auf unsere Situation. Angenommen, die "Sache" wäre unsere Gesellschaft und die wäre uns schon mit Aspekten sozialer Ungerechtigkeit "verkauft" worden. Unbehoben hätte sich dieser Mangel also weiter und weiter und weiter fressen können. Quer durch die anfangs noch "fehlerfreien", also noch nicht betroffenen Gesellschaftsschichten. Mittlerweile bekäme dann wohl jede Schicht diesen Mangel zu spüren, vom Bettler bis zum Millionär. Genau das könnte dann den sozialen Frieden und damit unsere Demokratie ins Wanken gebracht haben. 

Gibt es also nicht vielleicht sogar eine direkte Verbindung zwischen Problemen sozialer Ungerechtigkeit und den vielen frustrierten Menschen? Friedliche Demonstrationen werden spätestens seit dem G20-Gipfel immer wieder von teils heftigen Ausschreitungen überschattet. Aber entspricht es andererseits wirklich immer der Wahrheit, dann direkt den gesamten Demonstrationszug und damit alle Teilnehmer als der "Rechte Mob" oder "gewaltbereite Linke" zu bezeichnen? Außer Demonstrationen gibt es kaum wirkungsvolle Instrumente, um sich Gehör zu verschaffen.

Mob

Mangels Alternativen scheint es vielen Menschen immer gleichgültiger zu werden, in Schubladen gesteckt oder aber genau dorthin gedrängt zu werden. Wohlmöglich könnte sich ihre Wut auch wieder mäßigen. Doch dazu müsste man ihre Sorgen ernst und vor Allem in Angriff nehmen.

Immer noch nur mal angenommen, Teile der Presse würden aber nicht differenziert genug berichten und einige Politiker die aufgeladene Stimmung für sich nutzen. Dann hätten sie zumindest Mitschuld am Zulauf nach Rechts- und Linksaußen. An der unsicheren Lage für Journalisten und Journalistinnen auf solchen Veranstaltungen. An dem Fokus auf divergierende politische Ideologien anstatt auf die Verantwortlichen für die Lösung sozialer Probleme.

Das wäre zumindest kein deutsches Phänomen. Der frühere US-Präsident Barack Obama zum Beispiel kritisiert ähnliche Zustände in Übersee, wenn er dort von einer "Politik von Spaltung, Missgunst und Angst" spricht.

Irgendwas ist ja immer

Es geht nicht darum, Rassismus oder Extremismus (gleich welchen Lagers) zu verharmlosen. Selbstverständlich müssen Straftaten und damit auch solche, die derart motiviert sind geahndet werden. Und unter bestimmten Umständen sind auch Beobachtungen von Parteien, Organisationen und Einzelpersonen für die Aufrechterhaltung unserer Demokratie richtig. Aber es geht um die Schwerpunkte, um unseren Fokus. Darum zu erkennen, was Huhn und was Ei ist. Wir werden nicht automatisch in einer sorgenbefreiten Zeit leben, wenn wir nur endlich die Faschisten oder - je nach eigenem politischen Lager - die Antifa los sind. Denn ja, irgendwas ist ja immer. 

Fluchtursachen zum Beispiel, vor allem "bewaffnete Auseinandersetzungen" oder "Interventionen". In Zukunft vermutlich auch solche durch Klimaveränderungen. Aber um beim Kehren von Problemen vor der eigenen Haustür zu bleiben: soziale Ungerechtigkeit. Fragen wie die nach der Verteilung des Geldes, bezahlbarem Wohnraum und die Auswirkungen von Armut auf unsere (mentale) Gesundheit. Es wird dieser Tage zu gerne jede Äußerung zur Rechts-Links-Debatte zerpflückt, so wie jüngst die des Verfassungsschutz-Präsidenten Maaßen. Hier wird nach Aufklärung geschrien, werden Konsequenzen gefordert. Und sicher findet sich in vielem davon auch seine Berechtigung. Aber ist der Schwerpunkt auf diese Diskussion wirklich verhältnismäßig?

Was ist mit jenen, die sichtbar oder verborgen, un- oder selbstverschuldet, ganz egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund jeden Tag an der Peripherie der Gesellschaft leben? Es gibt leider keine Empörung, weil Kinder von Sozialleistungsempfängern von Kindergelderhöhungen nicht profitieren. Viele unserer Schulen, KITAS, Kranken, Sterbenden, Alten und das Personal des sozialen Sektors sind nicht angemessen ausgestattet, versorgt und vergütet. Die Lohnungleichheit zwischen Ost und West und Mann und Frau ist immer noch nicht überwunden. Und warum wird Wohnungslosigkeit eigentlich immer nur in der kalten Jahreszeit thematisiert? Das Thema Wohnraum und Mieten immerhin schon intensiver, seit auch die Mittelschicht davon betroffen ist.  

Zoom statt Tunnelblick

Wenn wir deshalb alle nur mal ganz kurz innehalten könnten, die Nazikeulen, Transparente, Deutschlandflaggen, Schreibblöcke, Mikrofone und Kameras senken, Wut- und Aluhüte auf die Ablage legen, die Wasserwerfer zurück in die Garage bringen und von Tunnelblick auf Zoom stellen würden,  

Herausgezoomt

vergrößern, vergrößern, vergröööößern ....  um die gesamte Szenerie von oben zu betrachten - dann könnten wir möglicherweise Zusammenhänge zwischen Frust und  Entladung, Gewalt und Gegengewalt erkennen. Und vielleicht... sogar Wege heraus aus der Misere. Einen Ansatz dafür hat die Sammelbewegung "Aufstehen" ins Spiel gebracht.

Die außerparlamentarische Opposition um Sahra Wagenknecht bündelt das sonst so gespaltene linke Lager in gemeinsamen Themen wie eben soziale Gerechtigkeit, aber auch Pazifismus. Hinter dem Projekt stehen (ehemalige) Parteimitglieder der Linken, Grünen und SPD, Vorstand ist der Dramaturg Bernd Stegemann. Auf der hoffnungsvoll "Pol.is" genannten Plattform kann nun über Alles und von Jedem abgestimmt und diskutiert werden. Mit Kampagnen von teilnehmenden Bürgern und Bürgerinnen soll die Politik aufgerüttelt und zur Veränderung bewogen werden. Die Kritik wirft der Bewegung Opportunismus, vorgelagerte Wahlkampfpolitik und Nationalismus vor. Doch kann die - ob nun berechtigt oder haltlos- nicht darüber hinwegtäuschen, dass "Aufstehen" bereits vor dem offiziellen Start am 04.September einen durchaus nennenswerten Zuspruch gefunden hat.

Ob die Spaltung unserer Gesellschaft durch dieses Projekt wieder rückgängig gemacht und tatsächlich die Belange aller Menschen und nicht nur einzelner Gruppen wieder in den Vordergrund gerückt werden können? Das wird wohl nicht zuletzt davon abhängen, wie gut oder schlecht wir in Zukunft trotz inhaltlicher Differenzen kommunizieren und Kompromisse finden werden.

Schöne (digitale) neue Welt

Denn gerade hier haben wir derzeit noch enorme Defizite. Auch wenn wir die nötigen Open-Source-Tools wie "Pol.is" zur Verfügung gestellt bekommen und bereit wären, die auch zu nutzen: sind wir überhaupt (noch) dazu in der Lage, lösungsorientiert miteinander zu reden?

In den Kommentarspalten sprechen wir Hatespeech, im Messenger Vong, meistens im Multi-Monolog. Aber wir sind super darin, uns über Netflix und Fußball auszutauschen und unsere Social Media Kanäle zu perfektionieren. Handys suchen wir danach aus, ob sie stream- und selfietauglich sind. In der digitalen neuen Welt wetteifern wir um das spannendste Leben, scharen 598 Facebook-Freunde und 1246 Instagram-Follower um uns und sharen alles mit ihnen. Wir skandieren "Liebe/Städte/Daten für Alle" und wenn es uns doch mal zu viel wird, dann schalten wir unseren Account mal eben auf privat oder blockieren uns gegenseitig. Abseits des Internets sind wir meist lautlos und auf beiden Ohren taub, weil dazwischen, in unseren Köpfen, ein Orkan aus Sorgen wütet. Wir hören nicht mehr zu und wir fühlen nicht mehr mit. Wir fürchten, jede noch so kleine Böe, die uns von außen zuteil werden könnte, würde uns vollends entwurzeln und zu Fall bringen.

Leben in der virtuellen Realität

Kurzum: wir kommen auf's Reallife nicht mehr klar. Zu viele Facetten, zu viele Do's and Dont's, Gendering hier, Sexismus, Homophobie und Political Correctness da. Wir sehen den echten Himmel vor lauter Sternchen und Rauten nicht mehr. 

Die kompetenten Jesper-Juul-Kinder sollen's richten. Dann.

Wenn also der bzw. die Einzelne aber auch das Miteinander eigentlich gar nicht mehr funktioniert, die Politik keine spürbaren Ergebnisse hervorbringt, die Dinge trotz oder wegen der vielen Demos nicht besser werden - was dann?

Warten wir dann lieber auf die, die altbewährte Konzepte hinterfragen, darauf dass die nächsten Generationen es geradebiegen? Die Kinder und Kindeskinder also, die wir in KITAS und Schulen mit basisdemokratischer und bedürfnisorientierter Ausrichtung schicken, damit sie dort und nicht von uns das Vermitteln  erlernen sollen? Die wissen wenigstens, wie man im Morgenkreis den bevorstehenden Tag gemeinsam plant, seine Gefühle äußert und wie gewaltfreie Kommunikation funktioniert. Sollen die das ausbügeln und selbst entscheiden, ob vor oder nach den Umweltproblemen.

Sicher werden sie später dann uns, dahingerafft von unseren Zivilisationskrankheiten, die berühmte Frage stellen "Warum habt ihr nichts getan?". Uns, die wir dann im Mehrbettzimmer unserer Alters-WG ohne Pflegepersonal leben. Umgeben von verlassenen Gebäuden früherer Vereine zur Bekämpfung von Hass. Wir und vielleicht auch unsere Nachkommen mögen dann zwar gut ausgebildet, aber arbeits-, mittel- und antriebslos sein. Wir können dann antworten: "Uuuuuh ja, sorryyy  ¯\_(ツ)_/¯". Wir mussten doch erstmal selbst über die Runden kommen, Likes für unser #veganlunch und die Teilnehmer der Weiterfresserschadendemos zählen. Vielleicht können wir das Level ja einfach nochmal neu starten?" 

 

 

 

Kommentieren

Cindy Raunick
10.09.2018 - 15:13