Literatur

Auf der Suche nach sich selbst

Mit ihrem neuen Roman „Ladivine“ beweist sich Marie NDiaye einmal mehr als einfühlsame Erzählerin. Sie berichtet von großen Lebensentwürfen, wie sie scheitern und von der eigenen Identität.
Mann liest Buch
mephisto 97.6 Redakteur Thilo Körting mit dem Buch "Ladivine" von Marie NDiaye

Familienbande

Marie NDiaye erzählt gleich von mehreren Familienmitgliedern, doch die Hauptfigur der Handlung ist Clarisse oder auch Malinka. Obwohl ihre Mutter Ladivine aus Afrika stammt, besitzt Malinka eine sehr helle Haut. Sie distanziert sich von ihrer Mutter und nennt sich Clarisse, weil sie sich für ihre Abstammung schämt – der Rassenhass hat sich eingeprägt, ohne, dass sie ihn noch bekämpfen will. Ihre Tochter, die ebenfalls den göttlichen Namen Ladivine trägt, spürt, wie sich etwas fortsetzt, dass sie nie selbst erfahren hat: Auf ihrer Reise nach Afrika fühlt sie sich seltsam zu Hause, während ihre Familie in Angst erstarrt und fast in kolonialistische Muster verfällt.

Magische Tragödien

Im Mittelpunkt von NDiayes Roman steht kein großer philosophischer oder politischer Entwurf, vielmehr exerziert er exemplarisch einen Lebensentwurf durch. Die Autorin will nicht die Welt erklären, sondern eine Geschichte erzählen, die in dieser Welt stattfindet und es ist die Geschichte einer besonderen Familie. NDiaye berichtet von den Beziehungen der handelnden Figuren. Dafür bleibt sie ganz nah an ihnen dran, liefert beinahe eine Innensicht der Charaktere. Dennoch wahrt sie auch die Distanz, indem sie in der dritten Person erzählt. Sie selbst hat Erzählungen mit allwissenden Erzählern auch immer am meisten geschätzt. Außerdem bekommen die Momente, in denen Alltag und Mythos sich überlagern, so eine viel größere Bedeutung: wenn die jüngere Ladivine wie aus einem übergreifenden Gedächtnis in Afrika eine Heimat findet oder wenn sie von Hunden geführt wird, die den ganzen Roman über erscheinen, als Boten und Führer in eine andere Welt.

Einblicke

NDiaye erzählt eine Geschichte über Identität, darüber, wie man sie findet und wie man daran scheitern kann, wenn es nicht die richtige ist. Ihre Sprache und ihr ganzer Stil scheint dafür geschaffen zu sein: er gewährt Einblicke in diese besonderen Charaktere, die ihr selbst suchen. Vor allem zeigt sich dabei, dass wir mehr sind als nur wir selbst. Unsere Umwelt und die Gesellschaft, in der wir leben prägt uns, aber auch etwas übernatürliches scheint immer Einfluss auf uns zu haben. Die extreme Nähe der Figuren nimmt zwar viel Tempo aus dem Roman, doch der Leser bekommt ein besonderes Gefühl für die Figuren. Dennoch bleibt unklar, wozu die Zeitsprünge nötig sind und warum die Einblicke in die Charaktere so gewichtet wurden. Marie NDiaye taucht tief in die Psyche der Figuren ein, zeigt den Lesern die Wunden und Wunder, die dort zu finden sind und zeichnet damit auch ein Bild unserer Zeit.

"Ladivine" - eine Rezension von Thilo Körting
 
 

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Thilo Körting
03.06.2014 - 10:40
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