Literaturrezension

Auf der Suche nach Freiheit

In Zeiten, wo Politiker wieder Mauern wollen und Journalisten einsperren, wünschen wir uns eines ganz besonders: Ein freies Leben. So auch Glauer und Ka, die Hauptfiguren des Romans Sternstunde. Und das in einer Zeit, wo dies noch schwieriger war.
Sternstunde Cover
Sternstunde Cover

Der Roman „Sternstunden“ von Lotta Lundberg spielt im New York des Jahes 1932. New York – die schillernde Stadt, die niemals schläft, der Inbegriff des amerikanischen Traums, eine Künstlerstadt. Doch nicht für alle bedeutet New York die Erfüllung ihrer Träume. Glauer und Ka sind kleinwüchsig. Sie treten im Zirkus auf, gelten als Attraktionen. Neben ihnen werden Frühgeburten ausgestellt.

Dabei waren die Frühchen in den Glaskästen nicht einmal niedlich oder hübsch anzusehen. Wie frisch geschlüpfte Vogeljunge ohne Flaum, ohne Fleisch, ohne schützenden Babyspeck lagen sie mit geschlossenen Augen da und schrien.

Sternstunden, Lotta Lundberg

Glauer und Ka wollen weg aus New York und nach Berlin. Ihr Traum: eine eigene Theatergruppe. Am Weihnachtsabend 1932 machen sie sich mit dem Schiff auf den Weg in Richtung Deutschland. Die schillernde Weimarer Republik mit ihrem kulturellen Leben ist zu dieser Zeit schon dem Untergang geweiht. An den beiden Kleinwüchsigen ist das anscheinend vorbeigegangen.

Glauer sah aufs Meer hinaus. Zischend und schäumend spritzte es über die Reling, warf das Schiff in der Nacht auf und ab. Der Himmel war schwarz, regenschwere Wolken hingen über den Schornsteinen, und die Küste lag inzwischen so weit hinter ihnen, dass die Lichter der Stadt nicht mehr zu sehen waren. 

Sternstunden, Lotta Lundberg

In Berlin angekommen, treffen Glauer und Ka auf einige Kleinwüchsige. Darunter Werner, seines Zeichens kleinster Mann der Welt und Nelly, eine dunkelhäutige Blumenverkäuferin. Anfangs fühlen sich die Kleinwüchsigen sicher, aber dann kommen die Nazis an die Macht. Mit einem Mal stehen Glauer und Ka vor der Situation, der sie in New York entfliehen wollten. Als sich die Situation weiter zuspitzt, beschließen die beiden schließlich mit ihren Freunden zu flüchten. Über Umwege gelangen sie nach Stockholm. Doch auch dort können sie kein selbstbestimmtes Leben führen. Im Stockholmer Vergnügungspark „Gröna Lund“ stehen sie wieder als Attraktion auf der Bühne.

Tiefblau wie der Himmel über den Wasserwegen Stockholms wehte Schwedens Flagge an diesem Maitag, als Glauers Zwerge aus Berlin in Gröna Lund eintrafen. So nannten sie sich jetzt: Glauers Zwerge. Im Zug war Glauer wieder nüchtern geworden, auf der Fähre zwischen Dänemark und Schweden hatte er sein Selbstmitleid über Bord geworfen und wieder die Führung übernommen.

Sternstunden, Lotta Lundberg

Rezension

Nationalsozialismus ist kein besonders originelles Thema mehr – auch nicht in der Literatur. Aber die Autorin Lotta Lundberg wählt eine ungewöhnliche Perspektive. Sonst geht es in Büchern zu diesem Thema oft um jüdische Kinder und Jugendliche. Bekanntestes Beispiel ist „Der Junge im gestreiften Pyjama“ von John Boyne. Stattdessen zeigt Lundberg in ihrem Roman die volle Reichweite der Naziverfolgung. So besonders der Aspekt der Kleinwüchsigkeit auch ist: An manchen Stellen des Buches scheinen sich die Figuren fast ausschließlich über ihre Körpergröße zu definieren. Es mag zwar in der Zeit, in der der Roman spielt, ein Problem gewesen sein. Heute sollte Kleinwüchsigkeit allerdings kein Thema mehr sein. Trotzdem ist „Sternstunde“ eine beeindruckende Reise durch das Europa der 1930er Jahre.

 

 

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