Literaturrezension

Auf der Suche nach Deutschland

Was macht Deutschland aus? Das hat sich der Autor Pascal Richmann gefragt. Er hat das Land bereist und ein Buch über seine Eindrücke geschrieben. „Über Deutschland über alles“.
"Über Deuscthland über alles" von Pascal Richmann
"Über Deuscthland über alles" von Pascal Richmann

Ein Hipster macht sich auf in Städte und die entlegensten Gegenden, um „deutschkrümelnder Idiotie in die Schnitte zu spucken“, wie es im Klappentext heißt. In seinem Buch „Über Deutschland über alles“ schickt Pascal Richmann seinen Protagonisten auf Deutschlandtour. Der Erzähler erhält keinen Namen, es wird jedoch nahegelegt, dass Richmann seine eigene Reise und Geschichte erzählt. Er konfrontiert sich selbst mit dem VW-Werk in Wolfsburg und dessen Geschichte, Tumblr-Blogs von Nazis aus der Identitären Bewegung und dem Ballermann auf Mallorca. Was nach einfach gemachter Nationalismuskritik klingt, ist jedoch deutlich differenzierter.

Pascal Richmann ist zynisch und voller Spott 

Der Autor teilt ordentlich aus: gegen Antisemitismus und Fremdenhass, Nationalismus und Kapitalismus und wie sich beide bedingen. Gegen deutsche Stereotype wie Kartoffeln und Unmengen an Alkohol – und natürlich gegen Fußball. Gerade dem Fußball räumt Richmann in seinem Buch einen großen Platz ein. Er stellt traditionsreiche Fankultur und Hypevereine wie RB Leipzig gegenüber und schreibt von der Kommerzialisierung des Sports im Allgemeinen. So zum Beispiel über den Systemwechsel der deutschen Fußballnationalmannschaft 2006.

Die „Familie Nationalelf“ als Werbeinstrument eines karnevalesken Patriotismus

Pascal Richmann, „Über Deutschland über alles“

„Über Deutschland über alles“ zeugt von einer aufwendigen Recherche. Sehr aufwendig ist auch dessen Aufbau. Richmann springt hin und her zwischen verschiedenen Erzählsträngen. Auf seiner Reise schildert der junge Protagonist zahlreiche Exkurse, Hintergrundinformationen und Erinnerungen. Er beschreibt selbst die absurdesten Orte und Menschen so detailliert, dass seine Schilderungen absolut glaubwürdig klingen. Zwar ist es mitunter sehr chaotisch, wenn er willkürlich Zusammenhänge zieht, aber auch sehr unterhaltsam.

OMG, denke ich, vielleicht war es überhaupt kein Zufall, dass Kraftwerk nur einen Steinwurf von Heines Geburtshaus entfernt den Techno erfand, weil eben immer alles mit allem zu tun hat.

Pascal Richmann, „Über Deutschland über alles“

Besonders wertvoll sind die Augenblicke, in denen sich der Autor selbst dabei ertappt, wie er sich auf eine Ebene stellt mit jener „deutschkrümelnder Idiotie“. Wenn er mit Burschenschaftlern trinkt, mit ehemaligen NPD-Politikern Lieder grölt oder zu Lok Leipzig ins Stadion geht.

Reportage, Essay und Prosa

Es ist eine Mischung aus Reportage, Essay und Prosa, dabei recht kompliziert aufgebaut. Authentische, autobiografische Literatur trifft auf Fiktion. Der Erzähler schildert sehr erlebbar seine Eindrücke in diesem Land. Und die seien eben von einem verkrampften Nationalbewusstsein und einer missglückten Geschichtsbewältigung geprägt. Dabei verfährt das Buch auf sehr unkonventionelle Weise. Ein Flickenteppich aus persönlichen Schilderungen, gefährlichem Halbwissen und gut nachvollziehbarer Argumentation einer aufwendigen Recherche. „Über Deutschland über alles“ eben.

mephisto97.6-Redakteur Felix Krause hat das Buch gelesen:

Rezension Pascal Richmann, "Über Deutschland über alles"

Verwendete Musik:

Dee Yan-Key, With Ease, Creative Commons Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Rezension Pascal Richmann, "Über Deutschland über alles"
 

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