Asbest

Asbest: Kein Problem der Vergangenheit

Asbest ist in Deutschland seit 1993 verboten und damit für viele ein Relikt der Vergangenheit. Dass aber noch immer zahlreiche Menschen an Asbest erkranken, ist weniger bekannt. Doch das ist nicht das einzige Problem.
Achtung Asbest
Achtung Asbest!

Asbest war DER Rohstoff der Nachkriegsjahre. Leicht, gut dämmend und schwer entflammbar wurde er von Bonn bis Bitterfeld verbaut. Dabei kann Asbest tödliche Krankheiten wie Kehlkopfkrebs oder die berüchtigte Staublunge verursachen.

Schädlichkeit seit über 100 Jahren bekannt

Dass Asbest schwer gesundheitsschädlich ist, hat der Mediziner Montague Murray schon um 1900 festgestellt. Weil die Asbestlobby aber gegen diese und weitere Studien, die die Gesundheitsgefahr von Asbest schon früh untermauern, vorgeht, wird der Baustoff erst 1993 verboten. Trotzdem gibt es 2017 in Sachsen fast 500 neue Verdachtsfälle auf Asbesterkrankung. Das liege vor allem daran, dass die Asbestfastern lange im Körper erhalten bleiben und Schaden anrichten, so die Leiterin des Arbeitsmedizinischen Instituts in Leipzig, Yvonne Hammer.

Auch im Jahre 2019 sind asbestassoziierte Erkrankungen nicht so selten.

Dr. Yvonne Hammer, Arbeitsmedizinerin

In Sachsen ist Asbest 2017 die dritthäufigste Ursache für Berufskrankheiten. Und diese verlaufen häufig tödlich. Darum war Asbest auch für die Hälfte aller Tode durch Berufskrankheiten in Sachsen verantwortlich – oftmals durch Lungenkrebs.

Auch der Lungenfacharzt Dr. Arne Drews betont die Gefährlichkeit von Asbest. Zum Beispiel, wenn man beim Renovieren seiner Gartenlaube auf Asbest stößt.

Das sollte man auf jeden Fall ernst nehmen und nicht unterschätzen. Wenn man die Platten bearbeitet, dann werden diese Fasern auch frei und wenn man die dann einatmet, dann ist das ganz zweifellos gesundheitsschädlich

Dr. Arne Drews, Pneumologe

Erkranken Arbeitskräfte bei ihrer Arbeit, stehen Ihnen Entschädigungen zu. In Sachsen ist aber nur ein Viertel der Anträge auf Entschädigung solcher Krankheiten die durch Asbest entstanden sind, bewilligt worden.

Eine untaugliche Theorie erschwert Entschädigungen

Damit das geschieht, müssen Betroffene beweisen, dass Asbest die Ursache für Ihre Krankheit ist. Dafür müssen Ärzte und Ärztinnen zuerst die Krankheitsgeschichte zurückverfolgen und einige Tests durchführen. Nach einer Überprüfung der Lungenfunktion und verschiedenen Röntgenaufnahmen des Brustkorbs wird im letzten Schritt Gewebe aus der Lunge entnommen und dort nach Asbestfasern gesucht. Die wissenschaftliche Grundlage dafür ist die Asbestkörpertheorie, die davon ausgeht, dass sich Asbestfasern in der Lunge finden lassen. Das ist aber nicht immer gewährleistet.

Das ist auch ein bisschen eine Treffersache. Es gibt andere Veränderungen, die man durch schonendere Verfahren erkennen und wo man schon Rückschlüsse auf eine mögliche Asbestose ziehen kann.

 

Dr. Yvonne Hammer, Arbeitsmedizinerin

Trotzdem wird standardmäßig in der Lunge nach Asbestfasern gesucht. Die Asbestkörpertheorie gilt allerdings nur in Deutschland und steht in Fachkreisen in der Kritik. Der Grund: In Deutschen Gebäuden steckt zu 95 % Weißasbest. Der baut sich in wenigen Jahren in der Lunge ab und kann dann nicht mehr nachgewiesen werden. Das erschwere die Diagnostik, so Hammer, aber trotzdem sei das noch immer der gängige Expertenstandard.

Nach diesem Standard richten sich Gutachter und Gutachterinnen. Also Ärztinnen und Ärzte die beurteilen, ob eine Krankheit durch die Arbeit mit Asbest entstanden ist und ob dafür eine Entschädigung gezahlt werden muss. Das sind pro erkrankter Person zehntausende Euro. Geld das die jeweiligen Berufsgenossenschaften zahlen müssen.

Interessenskonflikt bei Entschädigungsverfahren

Diese finanzieren aber auch häufig die Gutachten, die darüber entscheiden, ob ein Fall entschädigt wird oder eben nicht. Heinz Fritsche, der im Vorstand der gesetzlichen Unfallversicherungen sitzt, sieht darin eine finanzielle Abhängigkeit.

Ich glaube nicht, dass Gutachter gezielt damit beauftragt werden Gefälligkeitsurteile zu machen. Sondern wenn ich wirtschaftlich von einer Institution abhänge, werde ich es mir zweimal überlegen, ob ich ein eher kritisches oder wohlwollendes Gutachten mache.

Heinz Fritsche, Vorstandsmitglied der gesetzlichen Unfallversicherungen

Dr. Drews der in Grimma auch als Gutachter tätig ist, sieht darin jedoch keinen Interessenskonflikt für die Gutachter und Gutachterinnen. Jede Arbeit müsse schließlich entschädigt werden. Er stehe nicht auf der Lohnliste der Berufsgenossenschaften, sondern stelle seine Expertise, Zeit und Investitionen in seine Praxis zur Verfügung, um zu einem derartigen Verfahren beizutragen.

Er räumt aber ein, dass manche Berufsgenossenschaften weniger Erfahrung mit solchen Verfahren hätten. Würden die in seinen Augen nicht ordnungsgemäß beurteilt, fordere er eine Nachprüfung an.

Dafür sind in jedem Bundesland die Landesgewerbeärztinnen und –ärzte zuständig. In Sachsen gibt es derzeit lediglich drei. Und die müssen immer mehr Anerkennungsverfahren überwachen. Denn die Zahlen der gemeldeten Fälle in Sachsen steigen an. Davon aber werden immer weniger anerkannt und entschädigt.

Der Beitrag zum Nachhören:

Maximilian Berkenheide

Max Brose

Asbest, kein Problem der Vergangenheit
 

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Maximilian Berkenheide
28.06.2019 - 14:14

Asbetose: Auch Asbeststaublungenerkrankung oder Staublunge genannt. Schwere Erkrankung, die durch Einatmen von Asbeststaub verursacht wird. Symptome sind gleichzeitiger Reizhusten und Atemnot. Neben Lungenkrebs, Kehlkopfkrebs und dem vor allem im Brustfell auftretenden Mesotheliom eine anerkannte durch Asbest verursachte Berufskrankheit.