CD der Woche

Are You Gonna Be My Girl?

Seit über 15 Jahren und sieben Studioalben machen die Decemberists Indiefolk, ohne dabei je langweilig oder belanglos zu werden. Das neue Album „I’ll be Your Girl“ verspricht einen Stilwechsel. Kann das Gut gehen?
The Decemberists
The Decemberists beim Essen

Vor der Veröffentlichung von I’ll be your Girl kündigten die Decemberists eine Neuausrichtung an. Die neue Scheibe sollte poppiger und elektronischer werden. Als Vorbilder wurden New Order und Depeche Mode genannt. Durchaus ein gewagter Schritt, wenn man mit Indierock und Folk bekannt geworden ist. Vielleicht wurde der Album-Opener Once in My Life auch deshalb ausgewählt, um Fans zu Beginn des Albums langsam an die Veränderung heranzuführen. Der Song eröffnet mit einer langsam anschwellenden Akustikgitarre, die zunächst einen herkömmlichen Decemberists-Track erwarten lässt. Zu der gesellt sich dann der ebenfalls typische, klagende Gesang von Bandleader Colin Meloy. Wenn sich dann nach einer Minute stampfende Drums und ekstatische Synthies entladen, fügen die sich gut in das Bild eines sehnsüchtigen Folk-Pop-Songs ein. Mit der gut ausbalancierten Mischung aus Alt und Neu schafft die Band einen Appetithappen der Lust auf mehr macht.

Extra-Portion Synthesizer

Auch der zweite Song Cutting Stone übernimmt dieses Schema, erweitert es lediglich um etwas mehr Melancholie. Gerade als sich der Hörer in Sicherheit wiegt und meint, die Decemberists würden ihren gewohnten Folk lediglich um ein paar Synthesizer erweitern, erfolgt aber der eigentliche Befreiungsschlag. Auf der Single Severed gibt die Elektronik endgültig den Ton an. Mit einem monotonen Drumbeat, fiepsenden Synthies und kurz eingestreuten, scharfen E-Gitarren-Riffs entsteht ein mitreisender Synthie-Rocksong, bei dem der Vergleich zu New Order plötzlich gar nicht mal so weit hergeholt erscheint. Dazu zeigt sich Meloy ungewöhnlich breitbeinig und präsentiert sich im Text als eine Art Winterdämon. Vielleicht wurde das dazugehörige Musikvideo auch deshalb farbenfroh gehalten, um Romantik-verwöhnten Decemberists-Gefolgschaft nicht zu sehr auf die Füße zu treten.

Dass auch Severed jedoch keinen totalen Bruch mit der Band-Tradition darstellt, sieht man im Vergleich mit ihrem 2009er Album The Hazards of Love, das seinerseits mit wuchtigen Gitarrenriffs auffuhr. Trotzdem stellt der Song im Vergleich mit den beiden direkten Vorgängeralben einen deutlichen Bruch dar, nach dem die Decemberists ihren Fans wohl erst mal eine Verschnaufpause gönnen wollten. Die Balladen auf I’ll be Your Girl sind Band-typisch reduziert und nicht frei von Kitsch. Fans werden beliefert, Hater bestätigt. Spannender wird’s wenn die Decemberist in der zweiten Album-Hälfte wieder zum Abenteuer aufrufen. So ist beispielsweise Your Ghost ein voranpeitschender Rocksong im Western-Stil, bei dem man förmlich Cowboys gen Sonnenuntergang reiten sieht. Der Rest der Experimental-Phase von I’ll be Your Girl gelingt leider nicht so gut. Everything Is Awful ruft mit Augenzwinkern zum Sing-A-Long auf und klingt wie ein Gegenstatement zum Everything is Awesome des Lego-Movie-Soundtracks. Dabei wirkt das Lied bestenfalls kindisch, schlimmstenfalls hipstermäßig. Ein Eindruck den die Band auch mit den folgenden stücken nicht ganz losschütteln kann. Sucker’s Prayer wirkt als Beatles-Hommage noch eher halbgar. We All Die Young wirkt dagegen wie eine vollkommen weichgespülte Version eines Rolling-Stones-Songs, was durch den Kinderchor nur noch verschlimmert wird. Nicht nur will dieser Stil nicht so ganz zur Band passen, man fragt sich auch, ob die Decemberists ihren Stilwechsel wirklich gut durchdacht haben.

Quo Vadis, Dedemberists?

Fans der frühen Stunde könnten sich an dieser Stelle genervt von I’ll be Your Girl abwenden. Dabei würden sie jedoch kurz vor Schluss das Highlight des Albums verpassen. Rusalka, Rusalka/The Wild Rushes ist ein 8-Minuten-Epos wie aus der Frühzeit der Band. Darin erzählen die Decemberists eine Geschichte aus der slawischen Mythologie. Eine Nymphe lockt zwei Männer zu sich ins Wasser, wo beide ertrinken. Der eine begibt sich freiwillig in den Tod, der andere bleibt bis zuletzt ahnungslos. Hier wird auch deutlich was I’ll be your Girl bis dahin gefehlt hat. Wie zu ihren besten Zeiten erzählen die Decemberists eine gut konstruierte, spannende Geschichte in bunter Sprache. Die wird verpackt in orchestrale Folk-Instrumentierung, bei der die Synthies lediglich ausschmückende Akzente setzen. Eine Band die solche Songs in sich hat, könnte sich Pop-Experimente und Kinderlieder eigentlich gerne sparen.

Fazit

Insgesamt bietet I’ll Be Your Girl genügend Decemberists-typische Momente und großartige Melodien, um Fans zufriedenzustellen. Auch Neueinsteiger werden bei der Vielzahl knackiger Popsongs sicherlich etwas entdecken. Die Neuausrichtung im Sound ist aber eher ein zweischneidiges Schwert. In den besten Momenten verpackt die Band dabei ihr klassisches Songwriting in ein neues Gewand, andere Male begibt sie sich in fremde Gewässer und wirkt dabei eher belanglos. Selbst wenn man sämtliche Experimente als gelungen betrachtet, reicht I’ll be Your Girl aber nicht an vergangene Klassiker der Band heran. Die besten Decemberists-Alben waren immer in sich geschlossene Gesamtwerke mit einem Sound wie aus einem Guss und nicht selten einer übergreifenden Thematik. Dennoch: Die besten Songs auf I’ll Be Your Girl zeigen, warum die Decemberists auch weiterhin in zu den beliebtesten Indie-Bands unserer Zeit zählen werden.

Den Beitrag zum Nachhören:

Ein Beitrag von Redakteur Martin Pfingstl
Ein Beitrag von Redakteur Martin Pfingstl
 

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Martin Pfingstl
26.03.2018 - 14:46
  Kultur

The Decemberists: I'll Be Your Girl

Tracklist:

1. Once in My Life

2. Cutting Stone

3. Severed

4. Starwatcher

5. Tripping Along

6. Your Ghost

7. Everything Is Awful

8. Sucker's Prayer

9. We All Die Young

10. Rusalka, Rusalka / Wild Rushes

11. I'll Be Your Girl

Erscheinungsdatum: 16.03.2018
ROUGH TRADE RECORDS