Frisch Gepresst

Anti-What? Anti-Flag!

Anti-Racist, Anti-Homophobia, Anti-Sexist, Anti-Capitalist, Anti-Transphobic, Anti-Fascist, Anti-Nationalist, Anti-War, Anti-Flag. Die Punkrocker aus Detroit melden sich mit ihrem zehnten Studioalbum zurück.
Anti-Flag Bandbild
Anti-Flag

Seasons are Changing

Über zwanzig Jahre im Musikbusiness gehen allerdings nicht spurlos an einer Band vorbei - auch nicht an Anti-Flag. So wechseln nicht nur Besetzung, Label und Optik mehrmals. Auch die Musik klingt nicht mehr so, wie damals. Das letzte Album aus dem Jahr 2015 hieß „American Spring“. Unter Fans gilt es als hart umstritten. Vielen hat der Stil nicht gefallen. Das Songwriting zu Standard, die Gitarrenriffs zu generisch, die Stimmung nicht wild und aggressiv genug. Kurz: zu poppig. Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2017 und die Anti-Flag Jahreszeiten scheinen gewechselt zu haben. Auf den amerikanischen Frühling folgt der amerikanische Herbst und so heißt die Platte „American Fall“. Den Sommer haben die Punkrocker direkt mal übersprungen. Künstlerische Freiheit könnte man meinen, oder politische Analogie.

A Government that’s SHIT

Eine solche Analogie erscheint im Kontext des Albums durchaus passend. Denn eines wird beim Hören der Platte schnell deutlich: Anti-Flag sind überhaupt nicht angetan von den politischen Entwicklungen in ihrem Heimatland. Zuletzt klang die Gesellschaftskritik auf „American Spring“ eher verhalten. Obamas neoliberaler Politikkurs blieb zwar von Anti-Flags Kritik nicht verschont, gab aber auch kein ideales Feindbild her. Mit Donald Trump und wachsenden nationalistischen Bewegungen hat sich das geändert. Die politische Kluft ist gewachsen, die Rollen klar verteilt. Dieser neue Antagonist scheint die Kreativität der Band wieder angeregt zu haben - oder bietet schlichtweg offensichtlichere Angriffspunkte für Kritik von Links. Mit Passagen wie

„Just 'cause you don't know you're racist/ A bigot with a check list/ Just 'cause you don’t know you’re racist/ You don’t get a pass, get a pass for your ignorance“

Oder auch

„These are the days that test your heart and soul/ Strap yourself in for the American Fall/ Day after day it is all crash and burn/ A nation highjacked by criminals“

geben die Amerikaner ein deutliches Statement ab und schreien ihren Frust hinaus in die Welt.

Poppunk... leider

Obwohl Anti-Flag textlich wieder an alte Größe anknüpfen können, hat „American Fall“ ein ähnliches Problem, wie sein Vorgänger: Einige der Songs sind ziemlich poppig geraten. Man vermisst teilweise, den schnellen, wilden Punk, der einen 2:30 Track so intensiv wirken lassen kann, dass er einen gleichzeitig euphorisch und beklemmt fühlen lässt. Stattdessen kriegt man unbefriedigendes Midtempo mit breiten, stark gemasterten Gitarrenklängen und generischer Melodie auf die Ohren. Man denkt oft eher an 2000er Poppunk, als an klassischen straighten „In Your Face“ Punkrock. Schade. Allerdings finden sich auch einige musikalische Lichtblicke auf der Platte. Mit „Casualty“ gelingt es Anti-Flag eine gute Mischung zwischen alter Härte und neuem Sound zu finden - durchaus hörenswert. Die Tracks, „When The Wall Falls“ und „I Came. I Saw. I Believed“ bestechen mit beschwingter Ska-Rhythmik. Eine interessante Abwechslung. Rauer Sprechgesang, sowie harte Gitarren- und Bassriffs prägen „Digital Blackout“. Es kommen Rage Against the Machine Vibes auf. Mit „Liar“ bieten Anti - Flag dann auch das, warum man sich ein Anti-Flag Album kauft. Schnellen, straighten Punkrock - der perfekte Soundtrack für den nächsten Moshpit.

Ein schmaler Grat

Mit „American Fall“ gelingt es Anti-Flag textlich an ihre Hochzeiten anzuknüpfen. Das Album glänzt mit, in bissigen Metaphern verpackter, Gesellschaftskritik. Musikalisch kann sie auf diesem Niveau allerdings nicht nachlegen. Mit der Platte wandeln die Amerikaner konstant auf dem schmalen Grat zwischen Punkrock und Pop und kommen dabei oft gefährlich nah an den Rand. Trotzdem finden sich einige hörenswerte Songs, für die es sich lohnt mal in das Album reinzuhören.

 

 

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Jonas Enke
07.11.2017 - 17:16
  Kultur

Anti-Flag: American Fall

Tracklist:

1. American Attraction
2. The Criminals*
3. When The Wall Falls
4. Trouble Follows Me
5. Finish What We Started
6. Liar*
7. Digital Blackout*
8. I Came. I Saw. I Believed.
9. Racists
10. Throw It Away
11. Casualty

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 03.11.2017
Spinefarm Records