Konzertbericht: Anna Calvi

Anna, die Alphafrau

Vier Jahre hat sich Anna Calvi auf keiner Bühne blicken lassen. Dafür tourt sie jetzt mit ihrem Album „Hunter“ durch europäische Clubs. So war sie vergangenen Freitag im Conne Island zu sehen.
Anna Calvi bei ihrem Konzert im Conne Island.
Anna Calvi bei ihrem Konzert im Conne Island.

Anna Calvi ist ein Name, der bis vor kurzem nur leicht meinen musikalischen Kosmos gestreift hat. Zwar kannte ich ganz grob ihre Musik und ihren bisherigen Werdegang, trotzdem stand ich vergangenen Freitag mit keinen besonders hohen oder niedrigen Erwartungen vor der Bühne des Conne Islands. Ein bisschen gespannt war ich schon, schließlich wird Anna Calvi regelmäßig für ihre scheinbar unfassbaren Liveauftritte gelobt. Und dass sich so viele Menschen pünktlich und zahlreich im Conne Island versammelt hatten, sprach auch nicht gegen sie.

Calvi verzichtete auf eine Vorband, räumte dafür aber einem DJ-Set von NO NO NO! etwas Platz ein. Gegen 20:30 Uhr übernahm dann die Frau des Abends, mit ihrer Band im Rücken. Mit zwei Drumkits und Calvi an ihrer E-Gitarre konnte es losgehen. Das Trio eröffnete die Show mit einer geladenen Version von „Swimming Pool“, einem Song von Anna Calvis dritten und aktuellem Album „Hunter“.

Wild und wehrhaft

Dank T-förmig aufgebauter Bühne konnte Calvi problemlos zwischen ihr Publikum treten. Dort stand sie als, nur mit ihrer Gitarre und sang, flüsterte und seufzte. Dabei lieferte sie Energie und Epos einer vollbesetzten Rockband, während sie ihrem Instrument ein hervorragendes Riff nach dem anderen entlockte. Anna Calvis Musik ist samtig bis roh, aber immer sexy. Und genau so tritt sie auch auf. Im einen Moment wirkt sie selbstbewusst und einschüchternd; völlig uninteressiert am Publikum, so als würde sie zu Hause in Unterwäsche vor ihrem Schlafzimmerspiegel performen. Im nächsten Moment kriecht sie auf Knien über die Bühne und schaut einzelnen Zuschauerinnen und Zuschauern geradewegs in die Augen. Aber egal, ob sie gerade von Schmerz oder Gelüsten singt, sie hat immer etwas Raubtierhaftes an sich.

Im Laufe des Sets zieht uns Calvi immer tiefer in die Welt von „Hunter“. Ein Album, dass sich ganz der Debatte um die Geschlechter verschrieben hat - oder eher dem, was dahinter liegt. Calvi will mit ihren Songs Grenzen aufbrechen. Frauen sind schwach, süß und haarlos; Männer sind immer tapfer und strotzen vor Testosteron. Alles Bullshit, findet Anna Calvi. Mit Songs wie „Don't Beat the Girl out of My Boy“ oder „Alpha“ fordert sie Emapthie für alle Geschlechter und erklärt sich selbst zur dominanten Alphafrau.

Viel zu Verarbeiten

Souverän liefert Calvi im Laufe des Abends einen Songs nach dem anderen, während das Publikum sie mit bohrenden Blicken anschaut. Am Ende, nach einer kurzen Zugabe, verabschiedet sie sich knapp und verlässt die Bühne. So schnell wie sie gekommen ist, ist sie auch wieder weg. Ich bin ein bisschen erschöpft von ihrer beeindruckend emotionalen Performance. Auch, wenn ich meine Eindrücke im ersten Moment gar nicht richtig verarbeiten. Anna Calvi - die Jägerin, die Alphafrau.

 

Kommentieren

Ariane Seidl
13.11.2018 - 18:06
  Kultur