Kolumne

Angst vorm schwarzen Mann

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Lisanne Surborg über kein Verbrechen bei Kaufland.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist diese Woche passiert? Unsere Kolumnisten und Kolumnistinnen haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören:

"Angst vorm schwarzen Mann" - Die Kolumne von Lisanne Surborg
1708 Kolumne

 

Ausnahmezustand in Reudnitz! Also… mehr als normal.

Als ich letzten Freitag mit einer Freundin zum Kaufland unterwegs bin, fallen uns die Wartenden, Schauenden auf. Dann die Polizeiwagen quer auf der Fahrbahn und Beamte in Westen mit Maschinenpistole. Umstehende spekulieren über Schüsse, ob man nicht vielleicht lieber weiter weggehen sollte? Prompt kommt uns der erste Thorsten mit seiner Videokamera entgegen. Das Material werden seine Enkelkinder noch ihren Enkelkindern zeigen!

Wir gehen zurück nach Hause und schauen, ob das Internet weiß, was los ist. Der Stadtteilblog Dunkel.Dreckig.Reudnitz sagt, man wisse noch nicht, warum Kaufland evakuiert und abgeriegelt wurde. Das Internet nimmt's mit Humor: „Erstmal zu Penny!“

 

Kolumnistin Lisanne Surborg
Schockiert, überfordert und ein bisschen angewidert: unsere Kolumnistin Lisanne Surborg

Eine Frau postet ein Foto, das Polizeikräfte beim Durchsuchen des Parkhauses zeigt. Dass auch Täter von Fotos eines laufenden Einsatzes profitieren können, bedenkt sie nicht. Das Foto wird gelöscht.

Ein Artikel von Tag24 wird verlinkt. Erste Informationen: Eine Kundin hat einen anderen Kunden gemeldet, der ihr verdächtig vorkam.

"Jener erregte aufgrund seines Verhaltens, seiner Bekleidung sowie augenscheinlich mitgeführter Gegenstände ihr Misstrauen", sagte Polizeisprecher Andreas Loepki.

Keine Schüsse, sondern Terror-Alarm im Kaufland. Etwas wie Kabel und eine Fernbedienung am Bauch.

„Wahrscheinlich trägt er so einen Fett-Wegtrainier-Gürtel aus der Dauerwerbesendung“, sage ich.

„Oder eine Bauchtasche, aus der ein iPod hängt“, sagt meine Freundin.

„Oder ein EKG.“

„Oder eine Insulinpumpe.“

Auch im Internet glaubt man an einen Irrtum.

„Die Frau war wohl zum ersten Mal bei Kaufland. Da wirken doch eigentlich alle, als führten sie was im Schilde.“

Was also braucht es, um sich verdächtig zu machen?

Die Antwort ist so einfach wie traurig: Dunkle Haut.

Die Polizei findet den Verdächtigen nicht und gibt eine Personenbeschreibung heraus.

 

- etwa 45 bis 50 Jahre alt,

- etwa 1,80 Meter groß und kräftig

- scheinbar afrikanischer Herkunft (dunkler Teint, aber kein Schwarzafrikaner)

- dunkle Bekleidung, insbesondere ein dunkles Jackett.

 

Ein Mann – sein Facebook-Profil offenbart einen dunklen Teint – verspricht, seine Einkäufe jetzt online zu erledigen, um keine erneute Abriegelung zu riskieren. „Holen die auch meinen Pfand?“ Es wird über Alltagsrassismus diskutiert.

Die LVZ titelt: „Polizei sucht Mann aus Afrika“ und versichert: „Suche nach Afrikaner läuft“.

Außerdem lese ich mehrfach vom „Mann, der die Frau verschreckt hat.“

Weil er ein Kabel besitzt? Verschreckt. Das klingt, als hätte der Mann mit den Kabeln vor ihrem Gesicht herumgefuchtelt und dabei laut gekläfft! Anschließend hat er sie wohl mit seinem Pass beworfen, wie sonst sollte man wissen, dass der Mann nicht einfach nur schwarz, sondern definitiv ein afrikanischer Staatsbürger ist?

Kauflandstammkunden haben den Verdächtigen längst erkannt. In den Kommentarspalten unter dem Post von Dunkel.Dreckig.Reudnitz erzählen sie, dass der Mann jeden Tag bei Kaufland sitzt. Er sei seltsam, aber niemand fürchtet sich vor ihm.

Einige beschweren sich, dass nur weil eine hysterische Person Alarm schlägt, gleich die ganze lebEl ausrückt – für lebensbedrohliche Einsatzlagen. Man solle sowas gefälligst erst durch weitere Notrufe verifizieren.

Blödsinn. Die Frau dachte, eine Katastrophe stünde bevor. Es ist richtig, dass der Notruf ernst genommen und sofort gehandelt wurde. Ein Problem ist eher, dass die Frau sich so sicher war, auf der Kauflandbank einen gefährlichen Terroristen sitzen zu sehen.

Niemand ist frei von Vorurteilen. Aber vielleicht kann man sich seiner Vorurteile bewusster werden und Situationen dadurch klarer bewerten.

Die Polizei findet den Verdächtigen und bestätigt, dass er keine Gefahr darstellt. Alles ist ein Riesenirrtum. Kann der Mann, der zu Unrecht als Terrorist gesucht wurde, etwas Positives aus der ganzen Angelegenheit ziehen?

Ja! Die verschreckte Dame hat ihn jünger geschätzt, als er ist. Na, das ist doch was!

 

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Lisanne Surborg
17.08.2018 - 12:43