Literatur Rezension

Angst vor der Angst

Prüfungsangst, Angst vor dem morgigen Tag, Angst vor den richtigen Entscheidungen. Wir alle haben Ängste. Roman Ehrlich hat zu diesem Thema ein neues Buch geschrieben, in dem es um genau das geht: Die Ängste unserer Gesellschaft.
Verängstigte Frau
In Roman Ehrlichs Werk "Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens" steht das Gefühl der Angst im Zentrum.

Moritz, Mitte 30, ledig, Mitarbeiter einer jungen Agentur, bekommt einen Anruf von seinem ehemaligen Studienfreund Christoph. Christoph war bis zu diesem Zeitpunkt nur noch ein toter Kontakt in Moritz’ Telefonbuch. Christoph bietet Moritz an in seinem Horrorfilm mitzuspielen.

Hier die Rezension zum Nachhören:

Eigentlich ist damit schon fast alles gesagt, aber natürlich geht es noch um sehr viel mehr in Roman Ehrlichs neuem Roman „Die fürchterlichen Tage des Schrecklichen Grauens“. Es geht um Ängste, Machtverhältnisse, Abhängigkeiten und natürlich um Filme und Bücher. Moritz hat sich nie etwas Besseres vorstellen können, als einmal vor der Kamera eines grausamen Todes zu sterben, aber eigentlich am Leben zu bleiben.

Ich wollte der sein, der ausgefahren war, um das Abenteuer des Sterbens zu erleben, und gleichzeitig am Ufer zurückbleiben, um es aus sicherer Distanz zu betrachten.

aus "Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens" von Roman Ehrlich

Moritz nimmt das Angebot von Christoph schließlich an. Es folgen zahlreiche Abende in einer schäbigen Kneipe in Ulm. Dorthin hat Christoph Freund*innen und Bekannte eingeladen, die gerne an dem Film mitwirken möchten. An diesen Abenden berichten die Teilnehmenden von ihren Ängsten oder setzen sich physischen Schmerzen auf der Rednerbühne aus. Diese Erfahrungen sind Voraussetzung zur Teilnahme am Film. Die Teilnehmenden sollen die Angst wirklich spüren. So wie es Christoph zu Beginn der Kneipensitzungen beschreibt:

Das ist es, was ich meine, wenn ich sage, dass alles andere um ein Ereignis herum verschwindet, wenn es nur krass und deutlich und drastisch genug ist. Und dass wir dann den Dingen ins Auge schauen können. Und dass wir uns dort erkennen.

Christoph aus "Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens" von Roman Ehrlich

Nach diesen zahlreichen Abenden in der Ulmer Kneipe beginnt der zweite Teil des Buches. Hier kommt es schließlich zum Dreh des Films und einer langen Reise zu Fuß von Ulm mit dem Ziel Berlin. Nun müssen sich die Teilnehmenden auf reale Weise ihren Ängsten stellen.

Abhängigkeit

Roman Ehrlich, der unter anderem in Leipzig am Deutschen Literatur Institut studiert hat, erzählt die Geschichte von Moritz und Christoph. Es ist die Geschichte vom Abhängigsein von den Anweisungen anderer. Christoph fordert von den Teilnehmenden Bereitschaft zu Schmerzen oder auch Tribute, wie einen echten Zahn. Moritz stellt diese Hierarchie und Christophs Forderungen nicht in Frage. Christoph, der in der Beziehung der beiden den Ton angibt, bringt es auf den Punkt.

Darum geht es doch. Darum, dass keiner von uns ein freier Mensch ist, und darum, dass wir uns selbst deshalb andere Menschen kaufen, um Macht über sie auszuüben, um uns selbst und unser Leben über sie hinweg auszudehnen, damit wir uns nicht so schrecklich fürchten müssen.

aus "Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens" von Roman Ehrlich

Die Geschichte wird aus Moritz’ Sicht erzählt. Dennoch bleibt Moritz eher passiver Beobachter, als Akteur. Während er im Zug sitzt, zieht die Landschaft an ihm vorbei, während er in der Kneipe sitzt beobachtet er die anderen Teilnehmenden wie sie durch Angst und Schmerzen gehen oder er beschreibt Film- und Bücherplots.

Nicht die selben Ängste

Im Grunde ist Roman Ehrlichs Roman eine lange Beschreibung der Welt, der Ängste der Gesellschaft und der Ohnmacht und Passivität Moritz’. Er wartet schließlich den ganzen Roman über darauf, dass ihn jemand an der Hand nimmt und ihm sagt, was er zu tun hat. Die Ängste und die negativen Gefühle führen unweigerlich irgendwann zu dem Moment, an dem man als Leser*in wahrhaftig nicht mehr weiter lesen kann. Diese Last ist schlicht nicht zu tragen, zu ertragen. Man möchte wie Bastian beim Lesen der Unendlichen Geschichte laut schreien und sagen, "Habt keine Angst vor all dem, was sein kann und seid endlich selbstbestimmt. Nur leider hört einen niemand, der Schrei verhallt. So bleibt einem zum Schluss nur das Buch zu Ende zu lesen und zu hoffen, dass die Wendung kommt.

Obwohl das Buch kein Buch voller Sympathietragenden ist und mit 640 Seiten nicht besonders schnell durchzublättern, schafft es Roman Ehrlich das Thema der allgegenwärtigen Angst in unserer Gesellschaft auf eindringliche Weise mit zahlreichen Bildern und einer klaren und genauen Sprache zu beschreiben. Schließlich ist man als Leser*in froh, wenn man am Ende des Lesens feststellt, dass wir nicht alle dieselben Ängste haben.

 

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Der Roman „Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens“ von Roman Ehrlich ist im S. Fischer Verlage erschienen und kostet 24 Euro.