Filmrezension "Les Affamés"

Angriff der Hungrigen

Braucht die Welt noch einen Zombiefilm? Eigentlich nicht. Der französische Horrorfilm "Les Affamés" hebt sich jedoch gekonnt von der Masse ab und zeigt die Zombieapokalypse im Gewand eines Arthausfilms.
Szene aus "Les Affamés"
Bonin kämpft ums Überleben.

Der Nebel wabert über die Felder, quillt aus einem dunklen Wald heraus. Langsam zieht sich die Kamera zurück, bis ein Stuhl zum Vorschein kommt, der da im Gras steht. Mit diesem merkwürdigen Bild eröffnet Regisseur Robin Aubert sein Endzeitszenario. Es ist mal wieder die Zombieapokalypse ausgebrochen. Bei einem Autorennen fing es an, als eine junge Frau einem Liebespaar die Kehle durchbiss. Einige Zeit später hat sich der Großteil der Menschen in seelenlose Ungeheuer verwandelt, die letzten Überlebenden suchen verzweifelt nach einem sicheren Rückzugsort. Einer von ihnen ist Bonin (Marc-André Grondin), der in der kanadischen Provinz nach Schutz sucht und sich unterwegs mit anderen Überlebenden zusammenrauft. Doch das ist leichter gesagt als getan, denn die Untoten sind überall und sie sind - Sie ahnen es sicherlich - natürlich unglaublich hungrig.

Kunst trifft Kunstblut

Es ist vor allem die düstere Atmosphäre, die einen in den Bann zieht. Die aussichtslose Lage der Charaktere schlägt schwer aufs Gemüt, die beklemmenden Aufnahmen von verwüsteten Kleinstädten und nebelverhangenen Wäldern tragen den Rest dazu bei. Tauchen Zombies in Horrorfilmen auf, geht es meistens in erster Linie darum, möglichst viel Blut fließen und Körperteile fliegen zu lassen. Auch in Les Affamés geht es zum Teil sehr brutal zur Sache, ehe das Blut im Finale wie aus Schläuchen spritzt. Doch es sind nicht die Splattereffekte, mit denen Les Affamés überzeugt. Nein, die größte Überraschung ist, dass der Film mal wieder ein Zombiefilm ist, der richtig Angst macht!

Die Zombies, die es hier zu sehen gibt, sind keine zerfledderten Leichen wie in The Walking Dead, sondern äußerlich zunächst ganz normale Menschen, was die ganze Sache noch unheimlicher macht. Wenn die Hauptfigur mit dem Auto durch den Wald fährt und im Dickicht plötzlich eine Frau mit starrem Blick steht, während unmenschliche Schreie zwischen den Bäumen hervordringen, erreicht Les Affamés eine verstörende Eindringlichkeit, die in diesem Genre leider viel zu selten geworden ist.

Szene aus "Les Affamés"
Bonin findet Verbündete

Neben den unheimlichen, aber oftmals auch überraschend ästhetischen Bildern, unternimmt Regisseur Aubert sogar einige Ausflüge ins Surreale. Die Untoten in seinem Film versammeln sich nämlich an einem Ort, wo sie etwas tun bzw. vorfinden, das dem Publikum auch nach dem Sehen noch so einige Rätsel aufgibt. Was hier so genau passiert, bleibt nämlich im Vagen und soll an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden. Für diesen innovativen Ansatz lässt sich auch über die ein oder andere Länge in der Geschichte hinwegsehen.

Schrulliges Selbstmordkommando

Zwischen den vielen düsteren Tönen scheut sich Aubert überraschenderweise nicht, eine ordentliche Portion Humor im Film einzubauen. Zum Glück ist das so subtil geschehen, dass es niemals zu den plumpen Onelinern kommt, die die Figuren in ähnlichen Zombiestreifen sonst so von sich geben. Allein die Figuren, die sich hier im Laufe des Films zusammenraufen und sich auf eine regelrechte Selbstmordmission begeben, sind sehr skurril und sorgen für Schmunzler. Da wäre zum Beispiel eine Geschäftsfrau, die immer noch ihr blutverschmiertes Kostüm trägt und mit Machete auf Zombiejagd geht oder ein älteres lesbisches Paar, das mit der Schrotflinte auf der Veranda sitzt. Obwohl man wenig über sie erfährt, sind tatsächlich alle Mitglieder der Gruppe Sympathieträger und vor allem sind sie einem nicht egal.

Fazit

Les Affamés ist einer der intensivsten und vor allem unheimlichsten Zombiefilme der 2000er Jahre bisher. Mit seinen kunstvollen Bildern, einer verstörenden Geräuschkulisse und sympathischen Charakteren ist Robin Aubert ein kleines Genrejuwel gelungen.

 

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Les Affamés (internationaler Titel: The Ravenous)

Regie: Robin Aubert

Laufzeit: 100 Minuten

Cast: Marc-André Grodin, Monia Chokri, Charlotte St-Martin und viele mehr

Der Film wurde bei den Fantasy Filmfest White Nights 2018 gezeigt.

Ein Termin für die deutsche Veröffentlichung auf Blu Ray und DVD ist noch unbekannt.