Die Kolumne

Anekdotische Evidenz

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Felix Krause über Persönliches, Emotionen und "ich kenne jemanden, der..."
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist in dieser Woche passiert? Unsere Kolumnisten haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören:

Anekdotische Evidenz: Die Kolumne von Felix Krause
Anekdotische Evidenz: Die Kolumne von Felix Krause

Hey, ich kenn jemanden, der hat Wehrdienst gemacht. Und wenn er sich nicht gerade gelangweilt hat, wurde er von seinen Nazi-Kollegen verprügelt. Und deshalb ist so was wie die Wehrpflicht schlecht.

Ja, voll.

Da gibt es jetzt keinen kausalen Zusammenhang, ist aber ein wirksameres Argument als Fakten, Statistiken oder wissenschaftliche Arbeiten. Emotionen und persönliche Geschichten ziehen eben, sind anschaulich und nachvollziehbar und, ob wir es uns eingestehen wollen oder nicht, sie durchziehen alles – so auch die Politik und zwar beidseitig. Politik wird emotional gemacht und auch „nach Bauchgefühl“ bewertet. Eine solche absolut subjektive Umfrage führte zuletzt das Forsa-Institut durch. Gefragt wurde: „Sind Sie mit der Arbeit ihres Ministerpräsidenten zufrieden oder nicht zufrieden?“ Gewinner ist der „grüne“ Winfried Kretschmann aus Baden-Württemberg. Mit seiner Arbeit sind drei Viertel der Befragten zufrieden. Klar, der beherrscht natürlich auch das emotionale Wertesystem seines Landes. Auf die Frage, wieso er ein Diesel-Auto fährt, antwortet er anekdotisch: Neulich hätte er für seinen Enkel eine Tonne

Sand geholt. Und „Da brauche ich einfach ein gescheit's Auto.“ Klasse, er erfüllt Kindheitsträume. Wie kann man das irgendwie kritisieren.

Das sehe ich genauso. Ein Mann des Volkes.

Das andere Extrem der Umfrage  ist der „christlich-soziale“ Marcus Söder aus Bayern. Mit dessen Arbeit sind zwei Drittel unzufrieden. Hm. Der spricht eben auch manchmal frei von der Seele weg, nur halt, dass das niemand toll findet. Auf die Frage, ob er Trauer oder Scham empfinde, wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken, sagt er: Nein, er spüre Wut auf Schlepper und Schleuser. Emotionen ja, aber da geht die Taktik der menschlichen Argumentation nicht ganz auf, weil sie schlichtweg unmenschlich ist. 

Das ist ein schlechter Mensch... Und unser Ministerpräsident Michael Kretschmer?

Der dümpelt bei der zitierten Umfrage im Niemandsland herum. 45% sind zufrieden, 39% unzufrieden. Er findet offene EU-Binnengrenzen toll, weil Urlaubszeit. Aber Außengrenzen müssen geschützt werden. Toll. Tolles Statement, nicht des Kompromisses, sondern der Bedeutungslosigkeit. Der null-Identifikation. Ähnlich unentschlossen äußerte sich Kretschmer auch zum Thema allgemeine Dienstpflicht. Alle, die da was zu sagen haben, liefern sich wilde Diskussionen darüber. Wie das denn rechtlich wäre, wie das denn praktisch wäre... Kretschmer hingegen bleibt der Ministerpräsident des Konjunktiv, der Nicht-Aussage. "Unter Umständen", "könne", "würde", "und Überhaupt", "Herausforderungen im sozialen Bereich und in der Verteidigung...“

Felix Krause wollte nach dem Abi etwas für die Gesellschaft tun.

Hey, ich kenn jemanden, der hat Wehrdienst gemacht. Wenn er sich nicht gelangweilt hat, wurde er von seinen Nazi-Kollegen verprügelt. Und deshalb ist sowas wie die Wehrpflicht oder jetzt halt die allgemeine Dienstpflicht schlecht.

Und ich selbst habe es hautnah miterlebt, als die Wehrpflicht ausgesetzt wurde. Für mich war die Wehrpflicht damals ein Relikt aus der Vergangenheit. Und ihre Aussetzung ein Signal: Hey! Wir leben nicht mehr in einer Zeit, in der Krieg und die Gefahr davor normal, ja ein Naturgesetz sind. Wir leben auch nicht mehr in einer Zeit, in der man dem sogenannten Vaterland dienen muss. Wir leben in einer Zeit, wo eigene Überzeugung für die Sache die verstaubte Pflicht überwiegt. Ich habe dann nach dem Abi ein FSJ gemacht, weil ich etwas für die Gesellschaft tun wollte. Und was wollt ihr darauf jetzt erwidern? Anekdotische Evidenz.

 

 

 

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