Autorennationalmannschaft

Am Anfang war der Sport

Jeden Montag trainiert die Nationalmannschaft der Autoren. Ihr Emblem: Ein Adler im mühelosen Spagat zwischen einem Füller und einem Fußball. Der Besuch beim Training zeigt, wie leicht diese ungewöhnliche Kombination gelingen kann.
Autonama beim Training
Hier trainiert die Fußball-Elite der deutschen Literaturszene

Der geneigte Autor ist ein Frühlingsspieler, ein Warmduscher, und er erscheint immer erst, wenn die Temperaturen mindestens zweistellig sind.

Trainer Frank Willmann

Trotzdem trainiert die Autorennationalmannschaft, kurz Autonama, im Sommer wie im Winter draußen. Sie treffen sich auf dem Rasenplatz des SC Berolina mitten in Berlin. Oben hängt die Funkturm-Kugel, unten rollt die aus Leder. Im Winter reicht es manchmal nur für Vier gegen Vier. Heute, beim letzten Training vor der WM, sind die Temperaturen zweistellig und 26 Spieler erschienen.

Autonama beim Training
Am Spielfeldrand: Und, woran schreibst du gerade?

Im aktuellen Kader der Schriftsteller sind nur Männer. Theoretisch aber kann sich jeder und jede um ein Probetraining bewerben. Danach stimmt der Mannschaftsrat darüber ab, ob der oder die neue Spieler oder Spielerin aufgenommen wird. Ganz ohne Ballgefühl geht es also nicht. Aber die eigentlichen Bedingungen sind ans literarische Schaffen geknüpft. Darin liegt schließlich der Kern der Autonama.

Die spielerische Klasse ist es nicht unbedingt, aber der Vorteil der Autonama ist, dass wir unsere Niederlagen besser erklären können. 

Klaus Cäsar Zehrer

Und das will gelernt sein. Wer mitspielen will, muss deshalb mindestens zwei schöngeistige Werke vorweisen können. Das können Romane oder Biografien, aber auch Lyrikbände oder Theaterstücke sein.

Du kannst auch nicht mit nem Sachbuch hier antreten. Wenn‘s mal knapp wird, nehmen wir auch mal nen Drehbuchautor mit.

Trainer Frank Willmann

Trainer Frank Willmann ist fast seit Anfang an dabei, erst als Innenverteidiger, seit einem Kreuzbandriss als Trainer. Seine beiden Leidenschaften Schreiben und Kicken verbindet er nicht nur hier auf dem Platz des SC Berolina. Viele der über 20 Bücher, die er bisher herausgegeben hat, drehen sich ums Thema Fußball. Aktuell schreibt er an einer Sportlerbiografie.

Vom Schreibtisch auf den Rasen

Und tatsächlich ist die Kombination von Literatur und Fußball gar nicht so ungewöhnlich, wie man zunächst annehmen möchte. Moritz Rinke fläzt entspannt am Spielfeldrand, wo er auf seinen nächsten Einsatz wartet, und hat weit schweifende Erklärungen dafür parat, warum sich diese zwei Tätigkeiten so gut verbinden.

In dem Moment, wo der Ball im Spiel ist, regiert der Zufall. Und dadurch kriegt das Spiel immer etwas Entfesseltes, Unvorhergesehenes.

 

Moritz Rinke

Und deshalb, sagt Rinke, gibt es auch so viele Literaten, die den Fußball lieben. Das Projekt Schriftstellerfußball hat sich als erfolgreich herausgestellt. 2005 wurde die Autonama gegründet, inzwischen wird sie von der Kulturstiftung des DFB gefördert und hatte schon viele berühmte Schirmherren – unter anderem Frank Walter Steinmeier. Dadurch konnten die deutschen Schriftsteller Teams in anderen Ländern mitbegründen. So geschehen zum Beispiel in der Türkei. Dort hat die Autonama einen Scout ausgesucht, der dann ein Team zusammengestellt hat. Über die DFB-Stiftung  konnte die deutsche Autonama dann die türkischen Schriftsteller zu einem Gastspiel einladen. Mit anschließender Lesung natürlich. Auf diese Art sind schon viele Freundschaften und gemeinsame Buchprojekte mit internationalen Kollegen und Kolleginnen entstanden.

Mehr Austausch als Wettkampf

Autonama im Training

Denn beim Schriftstellerfußball geht es mindestens so sehr um den Austausch wie um den Wettkampf. Und es geht mindestens so sehr ums Team wie ums Nationale. Während ringsum die WM unweigerlich teils tief vergrabenes Nationalbewusstsein zutage fördert und sich Menschen, die der eigenen Nationalität sonst gleichmütig gegenüberstehen, plötzlich Schwarz-Rot-Gold ins Gesicht malen, kommt Falko Hennig heute im Trikot der Österreichischen Autonama zum Training. Dort war er mal Gastspieler, erklärt er achselzuckend, „das war ziemlich klasse“, und dann hatten die Österreicher wohl einen Satz T-Shirts übrig. Er findet es auch ganz schön komisch, wenn bei Länderspielen die Nationalhymne gespielt wird. Ein bisschen anders ist Schriftstellerfußball eben doch.

 

Den Beitrag gibt es hier zum Nachhören:

Ein Beitrag von Sophia Spyropoulos
Autorennationalmannschaft

 

 

 

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