CD der Woche

Alte Hunde lernen neue Tricks

Seit fast dreißig Jahren sind sie im Geschäft und klingen trotzdem noch spannend und innovativ. Die Eastcoast-Rapper von De La Soul feiern mit „And the Anonymous Nobody“ ein gelungenes Comeback.
De La Soul
De La Soul feiern ihr neues Album "And the Anonymous Nobody"

Als Oldschool-Hiphop-Act hat man’s im Jahr 2016 schwer. Die Szene hat sich in mehr als drei Jahrzehnte seit der Entstehung des Genres stetig weiter entwickelt und solche Künstler die nicht bereit sind, sich dem Zeitgeist anzupassen werden dabei schnell zurückgelassen. Um den Zeitgeist haben sich die drei Typen von De La Soul jedoch noch nie groß gekümmert.

De La Soul – das sind die drei New Yorker Rapper Posdnuos, Dave und Maseo. Mit ihrem Debut-Album „3 Feet High and Rising“ gelang ihnen 1989 gleich der große Durchbruch, nicht zuletzt dank der Single „Me, Myself and I“. Von Kritikern wurden sie damals für Ihre innovativen, jazzigen Samples und ihre humorvollen Texte gefeiert. Aufgrund ihrer bunten Albumcover und der optimistischen Texte, mit denen sie für positive Energie warben, warfen ihnen ihre Gegner jedoch häufig vor, Hippies zu sein und nicht in die Machowelt des HipHops zu passen. Ihrem Stil blieben sie jedoch auch auf den darauffolgenden Alben treu, auf denen sie verstärkt soziale und politische Missstände anprangerten. Ihr bislang offiziell letztes Album „The Grind Date“  veröffentlichten De La Soul 2004. Somit erschien am Freitag, den 2. September 2016, mit  „And the Anonymous Nobody…” das erste reguläre De La Soul Album seit 12 Jahren.

HipHop mit echten Instrumenten

Finanziert wurde das neue Album durch die Spenden-Plattform Kickstarter. Dabei war der Enthusiasmus treuer De La Soul Fans für ein neues Album sogar so groß, dass das ursprüngliche Ziel von 110.000$ innerhalb von 10 Tagen erreicht wurde und die Gruppe am Ende mit einem Budget von rund 600.000$ dastand. Dieses großzügige Budget schlägt sich im opulenten Sound des Albums nieder: De La Soul verzichteten diesmal größtenteils auf herkömmliche Samples, sondern ließen stattdessen über Monate hinweg in Jamsessions über 200 Stunden Live-Musik mit verschiedensten Instrumenten aufnehmen, aus der sie sich dann bedienten. Dies sollte auch zukünftige Rechtstreitigkeiten vermeiden, aufgrund welcher die Älteren und Sample-lastigen De La Soul Alben bis heute nicht auf itunes und Spotify erhältlich sind. Die orchestrale Produktion steht dem Album jedoch hervorragend.

Die Kings von der Eastcoast

So beginnt nach dem Intro der erste richtige Song „Royalty Capes“, einer Rückkehr alter Helden angemessen, mit Trompeten-Fanfare. Die Rapper zeigen sich ausnahmsweise mal wenig bescheiden und vergleichen sich mit Königen:

News from the east sire

Them east coast kings are still findin' ways to stay on

"Royalty Capes"

An anderer Stelle rappen die Jungs gar über waschechte Rock-Tracks, so wie unter anderem auf „CBGB’s“, der stark nach den 60ern klingt, oder über Flöte und Cowbell, wie auf „Trainwreck“. Zusammengehalten wird diese bunte Mischung von den fast immer präsenten, funky Basslines und den saftigen, für De La Soul typischen Boombap-Beats.

Prominente Gästeliste

Als ebenso ausgefallen und heterogen wie die Instrumentierung erweisen sich die illustren Gäste des Albums, die den Songs meist klar erkennbar ihren persönlichen Stempel aufdrücken. So verwandelt sich „Lord Intended“ dank Justin Hawkins von der britischen Hardrock-Band The Darkness und seiner Falsett-Stimme, in einen an Queen erinnernden Stadion-Rocksong.

Genauso ist „Snoopies“ mit Talking Heads Mastermind David Byrne eine ziemlich verrückte Rocknummer mit elektronischen Elementen und kryptischem Text, wie man sie von diesem gewohnt ist, sodass man sich erst mal wundert, wenn dieser jäh von einer Rap-Strophe unterbrochen wird.

Ein Selbstläufer ist dagegen das Damon Albarn Feature „Here in After“. Die vorherigen Kollaborationen zwischen De La Soul und Albarns Band Gorillaz in den Songs „Feel Good Inc.“ und „Superfast Jellyfish“, sind der Hautpgrund, warum De La Soul heute auch noch der Generation U-30 ein Begriff sein dürften. Der Song ist melancholisch und thematisiert die Bewältigung von Verlust.

Took a long time cryin', cryin' ain't a crime

I got my mom, she passed away, my daddy ain't alive

Before they murdered Fudge I prayed for more time

Here in After

Persönlich statt Politisch

Sich mit schwierigen und schmerzhaften Themen auseinanderzusetzen und dabei trotzdem optimistisch zu bleiben, gehört zu den Markenzeichen De La Souls. Nirgends ist das auf dem neuen Album deutlicher, als auf der Single-Auskopplung „Pain“, auf der sich auch Oldschool-Klassenkamerad „Snoop Dogg“ dazugesellt:

When pain come to get ya, it hit ya like flu

Better times will pick ya, do what you gotta do

To earn focus in the stormy weather

Come out the tunnel to the light saying

Pain will make you better

Pain

In dem Lied beschreiben De La Soul emotionalen Schmerz als einen essentiellen Teil des Lebens, an dem wir als Individuen wachsen. Einfach gesagt: Was uns nicht umbringt, macht uns Stärker.

Insgesamt sind die Lyrics auf dem neuen Album für De La Soul Verhältnisse eher unpolitisch, dafür sehr persönlich und introspektiv. Auch Rapper werden eben altersmilde.

Fazit

HipHop-Puristen von damals wie von heute mögen ob der Vielfältigkeit und Poppigkeit von „And the Anonymous Nobody…“ die Nase rümpfen, für De La Soul Fans ist die Platte jedoch ein Pflichtkauf, und auch alle anderen sollten auf jeden Fall mal ein Ohr riskieren. Überdies könnten sich andere Gruppen die seit fast 30 Jahren im Musik-Business sind, von so viel anhaltender Kreativität und Experimentierfreudigkeit wie sie hier zu hören ist, ruhig mal eine Scheibe abschneiden.

 

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Martin Pfingstl
05.09.2016 - 22:31
  Kultur

De La Soul: And the Anonymous Nobody

Tracklist:

1. Genesis (Intro) (Feat. Jill Scott)
2. Royalty Capes
3. Pain (Feat. Snoop Dogg)
4. Property of Spitkicker.com (Feat. Roc Marciano)
5. memory Of… (US) (Feat. Estelle & Pete Rock)
6. Cbgbs
7. Lord Intended (Feat. Justin Hawkins)*
8. Snoopies (Feat. David Byrne)*
9. Greyhounds (Feat. Usher)
10. Sexy Bitch
11. Trainwreck *
12. Drawn (Feat. Little Dragon)
13. Whoodeeni (Feat. 2 Chainz)
14. Nosed Up
15. You Go Dave (A Goldblatt Presentation)
16. Here In After (Feat. Damon Albarn)*
17. Exodus (Outro)

 

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 26.08.2016
A.O.I., LLC