Literaturrezension

Alles eine Frage der Perspektive

Bekannt ist Jojo Moyes spätestens seit ihrem Weltbestseller „Ein ganzes halbes Jahr“ (2013). Seither hat sie zahlreiche weitere Romane geschrieben, immer wieder über große Themen: Leben, Sterben, Vergangenheit, Schuld. So auch in ihrem neuesten Werk.
Auftauchender Wal
Auftauchender Wal

Eine ruhig gelegene Bucht im Südosten Australiens, etwa drei Autostunden von Sydney entfernt. Auf der einen Seite eine mit Kiefern bewaldete Landzunge, auf der anderen eine Gebirgskette. Dazwischen Sanddünen und ein Strand mit Hafen und Mole.

Kathleen Whittier Mostyn, geborene Britin, lebt seit einem halben Jahrhundert im idyllischen wie beschaulichen Silver Bay. Ein Stück abseits der Küstenstraße direkt am Strand betreibt sie ein kleines Hotel, das seine besten Jahre längst hinter sich hat.

Mir gefiel der Gedanke, dass wir in Silver Bay gerade noch das Gleichgewicht hielten – genügend Besucher, um ein Auskommen zu haben, aber nicht so viele, um überrannt zu werden.(...) Letztlich blieben wir mit den Delphinen und den Walen unter uns. Und das war den meisten nur recht so.

Kathleen ("Nächte, in denen Sturm aufzieht", S. 41) 

Den Walen so nah

Selbst wenn sich keine Gäste in Kathleens Hotel einmieten, fehlt es ihr nie an Gesellschaft. Zum einen ist da ihre Nichte Liza McCullen. Mit ihrer zehnjährigen Tochter Hannah bewohnt sie zwei Zimmer im oberen Stockwerk des Hauses.
Außerdem treffen sich hier die Waljäger, die nur noch aus Tradition so heißen. Schließlich fahren sie mit ihren Booten nicht mehr raus, um Wale zu töten, sondern um sie zu beobachten. Indem sie Touristinnen und Touristen die Tiere buchstäblich nahe bringen, verdienen sie sich ihren Lebensunterhalt. In den Pausen zwischen ihren Touren oder auch am Ende eines Arbeitstages finden sich die Crewmitglieder oft auf den Bänken vor Kathleens Hotel zusammen.

Drohende Wolken

Mike Dormer, ein Geschäftsmann aus London scheint mit seiner steifen britischen Art zunächst in der Tat reichlich fehl am Platz zu sein. Mit ihm bringt Jojo Moyes einen regelrechten Fremdkörper in die Gesellschaft von Silver Bay.
Eigentlich ist Mike aus geschäftlichen Gründen unterwegs. Beim Erkunden von Land und Leuten stellt er allerdings schnell fest, dass dieses Businessprojekt, durchaus ungewohnte Herausforderungen an ihn stellt.

Selbst in Jeans und Sweatshirt hatte ich das Gefühl, dass allein schon das Fehlen einer Salzkruste verriet, dass an mir etwas faul war. Und obwohl die Gegend so menschenleer war, machte sie gleichzeitig den Eindruck, als wäre die fest in den Händen der Bewohner und deutlich von ihnen geprägt.

Mike ("Nächte, in denen Sturm aufzieht", S. 106) 

Erzählen und erzählt werden

Jojo Moyes erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven. Jedes der 28 Kapitel trägt als zusätzliche Überschrift den Namen der Figur, die im folgenden Abschnitt spricht. Dabei bauen alle chronologisch aufeinander auf. So entsteht eine zusammenhängende Geschichte, der problemlos zu folgen ist.
Durch den ständigen Perspektivwechsel gewinnen nicht nur die Charaktere an Tiefe, auch einzelne Begebenheiten und Geschehnisse ergeben ein differenziertes Bild, weil sie von unterschiedlichen Standpunkten aus beleuchtet und geschildert werden.
So lässt die Autorin ihre Figuren zum einen Selbstbildnisse anfertigen und zum anderen porträtieren sie sich gegenseitig. Nachdem Mike seinen eigenen Erfahrungsbericht erstattet hat, ergänzt dieses Bild einige Seiten später beispielsweise Liza:

In seinen sauberen, gut geschnittenen Klamotten hob er sich deutlich von uns anderen ab. Bei den meisten von uns konnte es durchaus vorkommen, dass wir tagelang dieselbe Kleidung trugen, solange sie unter Windjacken und Regenhäuten verborgen war. (...) Bei seinem Tonfall zuckte ich immer noch zusammen. In Silver Bay bekommt man nicht viele Engländer zu Gesicht, und es war mehrere Jahre her, seit ich meinen heimatlichen Akzent zuletzt gehört hatte.

Liza ("Nächte, in denen Sturm aufzieht", S. 143) 

Wo die Stränge sich treffen

Bei aller Routine ihres Alltags mit Tante, Tochter und Seeleuten, kommt hin und wieder diese leise Sehnsucht durch. Je mehr die Lesenden von Lizas Biografie erfahren, desto stärker wird die Vermutung, dass die von ihr empfundene Verbindung zu England allenfalls ein Symbol ist. Verleiht Jojo Moyes doch auch den anderen Figuren in ihrem Roman persönliche Sehnsüchte. Und während jede mit dem ganz eigenen Schicksal zu kämpfen hat, verbindet dieses Gefühl sie alle. In diesem Sinne bringt der Titel „Nächte, in denen Sturm aufzieht“ die Stimmung des Romans auf den Punkt. Das Bild einer Nacht, in der Sturm aufzieht, beschreibt schließlich ein Spannungsfeld, das sich durchaus auf die Charaktere des Romans übertragen lässt:

Liza etwa, führt auf den ersten Blick ein friedliches Leben in Silver Bay. Wie eine drohende dunkle Wolke scheint für sie die Bekanntschaft mit Mike zu sein. Für seinen Arbeitgeber kundschaftet er Silver Bay und Umgebung aus. Im Hintergrund kapitalstarke Investoren, die Interesse am Bau eines Hotelkomplexes haben. Die Tage der Idylle in dem ruhigen Urlaubsort scheinen somit gezählt. Bedrohlich auch, dass durch die geplante Wassersportanlage die Natur, die Wale und damit die Lebensgrundlage der Bevölkerung von Silver Bay in Mitleidenschaft geraten.

Doch auch Mikes eigenes Leben nimmt mehrere Wendungen im Laufe der Erzählung. Zunächst augenscheinlich ein gefühlskalter Kapitalist, bringt ihn die Begegnung mit dem australischen Charme bald stark ins Wanken.

Jetzt fühlte ich mich hier draußen nicht mehr fremd. Trotz ihres Geldmangels, ihres unsicheren Lebensstils und ihrer einseitigen Ernährung mit billigen Keksen, Chips und Bier beneidete ich die Waljäger plötzlich.

Mike ("Nächte, in denen Sturm aufzieht", S. 249/250)

Am Horizont steht "Hollywood"

Jojo Moyes hat sich für ihren Roman wahrlich existenzielle Themen vorgenommen. Und zwar im Grunde für jede ihrer Figuren. Da sie ihnen etwas zu viele Schicksalsschläge zumutet, wird ihre Geschichte, gerade zum Ende hin, ein Melodram.

Bereichernd für den Plot ist allerdings die Vorliebe der Autorin für romantische Beschreibungen von Landschaft und Charakterzügen. So werden etwa die Wale zu einer Art Metapher: Vor der Kulisse ihrer Welt im Meer gelingt es der Autorin, die Lebenswirklichkeit der Menschen auf anregende Weise zu relativieren.

Wer kann schließlich einem so gigantischen Wesen begegnen und danach nicht ein wenig verändert auf das eigene Leben blicken? Wer jedenfalls diesen Roman von Jojo Moyes liest, kann beides erfahren.

Der Beitrag zum Nachhören:

Einer Literaturrezension von Frauke Siebels
Rezension Jojo Moyes
 

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"Nächte in denen Sturm aufzieht" ist beim Rowohlt Verlag erschienen. Die 480 Seiten kosten 16.99 €.

Das Buch auf der Verlagswebsite

Jojo Moyes, geboren 1969, hat Journalistik studiert und für die «Sunday Morning Post» in Hongkong und den «Independent» in London gearbeitet. Der Roman «Ein ganzes halbes Jahr» machte sie international zur Bestsellerautorin. Zahlreiche weitere Nr. 1-Bestseller folgten. Jojo Moyes lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern auf dem Land in Essex.

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