Immergut 2019

Alles Bleibt Gemütlich

Das Immergut-Festival eröffnet die Festival-Saison und verwandelt schon zum zwanzigsten Mal das idyllische Neustrelitz zum Wallfahrtsort für Indie-Liebhaber und Trichter-Akrobaten.
Immergut 2019
Immergut 2019

Ein jeder Festival-Sommer braucht seinen Auftakt, und ein Festival, das schon Ende Mai stattfindet, ist dafür natürlich der perfekte Kandidat. Wenn das dann auch noch sein zwanzigjähriges Bestehen zu feiern hat, wird das ganze schon fast zum Pflichttermin. Daher waren auch Piet und ich Feuer und Flamme das dieses Jahr unter dem Motto „alles bleibt anders“-stehende Festival zu besuchen. Mit Fotograf Anton im Schlepptau haben wir Campingplatz und Gelände unsicher gemacht. Wie wir uns im Zeltplatz-Dschungel geschlagen haben, und welche musikalischen Acts uns besonders in Erinnerung geblieben sind, erfahrt ihr hier.

Festivaltagebuch # 1:

Immergut 2019
Immergut 2019

Der Festivalsommer beginnt für Piet und mich um 8.00 Uhr am Leipziger Hauptbahnhof. Vollbepackt machen wir die Erkenntnis des Tages: „Gott, sind wir DUMM!“. Alles war so perfekt geplant, vor Reiseantritt besorgen wir uns noch eine kühle Mate und vielleicht auch ein erstes Bier für die Fahrt- doch dann stehen wir vor verschlossenen Rewe-Türen. 30. Mai, Christi-Himmelfahrt, ein Feiertag- soweit hatten wir das begriffen. Doch die Verbindung zwischen diesen Informationen und der Tatsache, dass Einkäufe somit für diesen Tag flachfallen, haben wir einfach nicht hinbekommen Somit war der Plan, in Neustrelitz mit Anton einkaufen zu fahren auch eher einer unserer schlechteren Ideen. Über sowas kann man sich wirklich die Laune verderben lassen- muss man aber auch nicht. Stattdessen haben wir das irgendwann von „Irgendwann werden wir darüber lachen“ einfach gleich beginnen lassen. So verging die Zugfahrt wie im Flug, Begegnungen mit unfreundlichen Bistro-Personal und einer Stulle-schmierenden Öko-Familie wie sie im Buche steht inklusive.

Mit Ankunft am süßen kleinen Neustrelitzer Bahnhof lassen wir das Festival beginnen. Bei der Wahl zwischen einem 45-Minuten Marsch und einem Shuttle-Zug fällt unsere Entscheidung trotz einstündiger Wartezeit klar auf letzteres. Der kleine Bahnhofskiosk versorgt uns mit unserem ersten Bier, der mitgebrachte Lautsprecher sorgt für die richtige Stimmung und somit kann die Zwei-Mann-Party starten. Gehyped starten wir so die letzte Wegstrecke zum Gelände des Immerguts, treffen auf den Rest der Gruppe und lassen das obligatorische „Durch welche Öse muss die Stange nochmal?!“ beginnen. Nach diesem letzten Kraftakt holt uns unsere fehlende Kombinationsgabe wieder ein: Wir haben Hunger und kein Proviant. Also auf zum Festivalgelände! 

Some Sprouts spielen ihren Sommer-Sonne-Indie-Rock, während wir das Festivalgelände durchforsten. Danach reiht sich eine Band an die nächste, wir wandern zwischen Zeltbühne und Hauptbühne hin und her, bis wir für wärmere Kleidung nochmal unser neuerrichtetes zu Hause ansteuern. Während alle um uns herum zu Camping-Kocher-Gourmets werden, ziehen wir wieder zu Burgern, Fischbrötchen und Co. und freuen uns auf die letzten Acts des Tages.

Highlights #1:

Karies
Karies- Immergut

Karies hat wie die meisten anderen Bands des ersten Tages mit dem sehr dröhnenden Sound im Bühnenzelt zu kämpfen. Ihr Vorteil ist aber, dass das ziemlich gut zu ihrer Musik passt. Zu dem lauten, kräftigen Punk entlädt sich die Vorfreude der Festivalbesucher direkt in den ersten Moshpits des Wochenendes.

Gleich anschließend liefern die Leoniden ein kleines Kontrastprogramm. Mit ihrer Mischung aus 2008er-Indie-Rock und Stadion-Pop reißen sie das Immergut nahezu ab. Der bemerkenswerte Stimmumfang des Sängers und das komplette Ausrasten des Gitarristen, der zwischendurch an seinem Mikro zu ersticken droht, sind faszinierend- selbst für diejenigen, die mit der Musik der Band eher wenig anfangen können.

Die Erwartungen an die Live-Show von Isolation Berlin waren bei den meisten Besuchern klar: melancholischer Indie-Rock mit Fokus auf den Texten. Wer sich von Iso B aber einen entspannten Ausklang des Tages erträumt hatte, der wird eines Besseren belehrt.  Mit der Hau-drauf-Variante ihrer Songs führen sie ihr Publikum durch einen einstündigen Mosh-Pit. Diese punkige Überraschung kommt bei Fans der Band bestens an, Besuchern des Festivals, die noch nicht mit ihren poetischen Songzeilen vertraut sind, erschwert die Gruppe es so aber auch, sich auf die Show einzulassen.

 

Leoniden
Leoniden- Immergut

Festivaltagebuch #2:                                    

Nachdem wir zu einer Uhrzeit in unser Zelt gekrochen sind, die auf einem Festival der Bettgehzeit von Rentnern gleichkommt, sind wir morgens bereit, unsere Mission anzutreten: Proviant besorgen! Nach unserem Streifzug durch Neustrelitzer Supermärkte und einer ersten Stärkung kann nun auch endlich der sportliche Teil des Festivals starten- es ist Zeit für Flunky-Ball! Etwas enttäuscht stelle ich fest, dass ich meine Fähigkeiten an Flasche und Ball in meiner Erinnerung wohl etwas geschönt hatte. Aber zum Glück gibt es ja keine richtigen Verlierer bei Trinkspielen. Mit dieser positiven Einsicht macht sich die Gruppe motiviert auf den Weg zum Gelände. Dort verbringen wir den Nachmittag, mal tanzend, mal sitzend, mal mitgröllend, aber immer begleitet von guter Musik.

Nachdem wir alle unsere Highlights mitgenommen haben (s. unten), machen wir uns zu den Klängen der ziemlich geautotuneten Roosevelt nochmal auf den Weg zu unserem Zelt. Power-Nap lautet die Idee der Stunde. Aus dem kurzen Nickerchen wird für Piet und Anton aber doch ein sehr tiefer Schlaf und so mache ich mich allein wieder auf den Weg zur feiernden Meute auf dem Gelände. Zunächst zieht es mich zur Zeltbühne, wo zu Indie-Hits getanzt wird. Doch nach einer Zeit verfällt das ganze etwas zu sehr in Radio-Pop und so entschließe ich mich abschließend dem Birkenhain (die kleine Waldbühne) einen Besuch abzustatten. Zu elektronischen Beats wird bis in den frühen Morgen getanzt und begleitet vom ersten Vogelzwitschern krieche ich schließlich in mein Zelt.

Highlights #2:

Balthazar
Balthazar- Immergut

Der musikalische Tag startet äußerst sympathisch mit Shelter Boy. Die junge Truppe freut sich sichtlich, auf dem Immergut zu Gast zu sein. Ihre Musik erinnert an Bedroom-Pop versetzt mit Schreien, die sie trotz durchzechter Nacht mit mitreißendem Elan zum Besten geben. Nach dieser überzeugenden Performance entlässt die Band ein schmunzelndes und perfekt eingestimmtes Publikum ins restliche Programm.

The Screenshots sind der unerwartete Act des Festivals: erst knapp zwei Wochen vor ihrem Auftritt waren sie für Fontaines D.C. nachgerutscht. Deutschlands erste Twitter-Band feiert ihren Festival- Einstand und kann testen, ob ihre stumpfen und doch so intelligenten Texte auch bei Sh00ter-Neulingen funktionieren. Auch wenn viele der Gäste enttäuscht über die Absage der Dubliner Band waren, konnten die in letzter Minute eingewechselten Sh00ters überzeugen.

Act des Tages ist aber unbestritten Balthazar. Die fünf Belgier ziehen ihr Publikum in den Bann- vielleicht sogar so sehr, dass es vor lauter staunen das Tanzen etwas vergisst. Dass diese Band auch neun Jahre nach der Veröffentlichung ihres ersten Albums noch nicht dieselbe Größenordnung erreicht haben wie die Arctic Monkeys ist mir schleierhaft. Genügend Talent und Charisma dafür haben sie auf jeden Fall- und sollten sich die beiden Frontmänner nicht darüber zerstreiten, wer die schönere Frisur trägt, dann stehen dieser Band noch ziemlich gute Zeiten bevor.

Festivaltagebuch #3:

Nach zwei Tagen Dauer-Gute-Laune und Party-Stimmung macht sich am dritten Tag Erschöpfung breit. Dementsprechend leer ist die Tagesgestaltung: wir sitzen in unseren Campingstühlen, schmieren in regelmäßigen Abständen Brote und versuchen uns zu irgendwelchen Aktivitäten aufzuraffen- ohne Erfolg. Piet und ich treffen letzte Vorbereitungen für unsere Interviews an diesem Tag. Und somit startet der Tag erst mit dem Treffen mit den Screenshots so richtig. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Band im Interview Insider und Memes um die Ohren haut, kommt der Reaktionszeit in aufgeheizten Gruppenchats gleich. So entsteht eine Mischung aus Interview, Podcast und Gespräch, deren Bearbeitung wohl mein Großprojekt der nächsten Wochen werden könnte. Wacher kehren wir zu unserem Zelt zurück, doch so richtig in Fahrt will der Tag einfach nicht kommen. Da will auch die zweite Mate des Tages nicht so recht wirken. Doch pünktlich zur Eröffnung der Waldbühne schaffen auch wir es endlich auf das Festivalgelände. Man muss aber auch so ehrlich sein: wir lassen uns von der Musik wohl eher berieseln. Wir sammeln unsere Kräfte für zwei Dinge: das Interview mit Komfortrauschen und der Mainact des Abends, Bilderbuch.

Bilderbuch
Bilderbuch- Immergut

Am gemütlich beleuchteten Birkenhain treffen wir die drei Musiker von Komfortrauschen. Das Gespräch beginnt sofort in spaßiger Atmosphäre. Während von der Waldbühne die ersten Klänge von Bilderbuch zu hören sind, hat sich zwischen Piet und der Band ein enthusiastischer Nerd-Talk über Live-Techno und Gitarrenpedale entwickelt. Dann beschließen wir gemeinsam zum Headliner des Festivals aufzubrechen.

Highlight #3:

Es ist schon merkwürdig: so gut wie jeder der Besucher, mit dem ich geredet habe, hat sich vor allem auf Bilderbuch gefreut. Und die liefern mit ihrem krassen Bühnenbild, dem charismatischen Sänger und der unglaublichen Lust auf ihre Musik eine krasse Show ab. Warum wirkt das Publikum dann so gelangweilt? Vielleicht hätte es sich die Band leichter machen können, indem sie ihre Hits etwas schlauer in ihrer Setlist platziert hätte, aber das ist noch keine Entschuldigung für ihr Publikum sie so hängen zu lassen. Fast schon ein wenig leidtun kann einem Maurice da auf der Bühne. Wenn es aber zwei Zuschauer in der Menge gibt, die dem ganzen ihren Tribut zollen und dabei noch ganz nebenbei die Zeit ihres Lebens haben, dann sind es Piet und ich. Irgendwie konnten wir letzte Kraftreserven aktivieren und so jubeln, singen und tanzen wir. Gefühlt haben wir zu zweit mehr Energie verbraucht, als die ganze restliche Menge zusammen.

Immergut 2019
Immergut 2019

Irgendwo zwischen Nische und ganz großer Bühne

Das Immergut überzeugt mit seinem familiären Charme. Die Festival-Besucher sind Freunde: so steht das auf dem Armbändchen und so fühlt es sich auch an. Seien es die Imbissbuden-Betreiber, die gerne ein bisschen mit dir plaudern, wenn du nachts um zwei alle Freunde aus den Augen verloren hast, seien es die zufällig über den weggelaufenen Festivalbesucher, die noch von der gleichen Show schwärmen wie du, oder, oder, oder. Das Immergut-Team erschafft einen Ort für solche Begegnungen. Egal ob beim entspannten Ausruhen in der Hängemattenoase auf dem Gelände, in dem Karaoke-Wohnwagen, beim Immergutzocken-Fußballturnier oder ganz altmodisch direkt vor der Bühne des Lieblingskünstlers. Auch wenn die diesjährige Ausgabe sich mit ihrem dritten Festivaltag und der Umgestaltung des Festivalgeländes ein wenig nach einer Aufrüstung hin zu einem größeren Festival anfühlt, schafft es das Immergut doch, seine Gemütlichkeit zu behalten. Und das wird es auch sicherlich nächstes Jahr, egal unter welchem Motto die 21. Ausgabe  des Festivals stehen wird.

Immergut 2019
Immergut 2019

Der Beitrag zum Nachhören:

Studiogespräch zum Immergut 2019 zwischen Redakteur Philip Stengel und Moderatorin Peggy Fischer (Tonleiter vom 06.06.2019)
SG zum Immergut 2019
 

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Theresa Graf
28.06.2019 - 13:52
  Kultur

Auf einen Blick

- 30. Mai - 01. Juni 2019

-Neustrelitz, Mecklenburg-Vorpommern

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