euro-scene 2015

Alles auf Band

Die euro-scene feiert 25-jähriges Jubiläum, passend zu 25 Jahre Deutsche Einheit. Wie passend ist da auch ein Stück über die Diktatur und Geheimniskrämerei. Béla Pintér zeigt die Tragikkomödie "Titkaink" aus dem postsowjetischen Ungarn.
Titkaink
Die Volksmusikgruppe um István Balla Ban

Alte Geheimnisse

Es ist immer noch ein relevantes Thema. Für viele Ostdeutsche scheint es ein alter Hut zu sein, sich mit der Arbeit der Staatssicherheit zu beschäftigen, auch wenn diese untergründige Schuld, seine Nächsten verraten zu haben, noch belastend ist. Doch laut Ilija Trojanow sei die ehemalige DDR der einzige ehemalige Sowjetstaat, in dem diese Aufarbeitung stattgefunden habe, während in anderen alten Ostblockstaaten die Archive noch immer verschlossen seien und die Täter geschützt würden, die die gesammelten Geheimnisse für den Machtgewinn missbräuchte. So beschreibt es der Autor in seinem aktuellem Roman "Macht und Widerstand", der für seine umfassende Arbeit auf die Longlist des Deutschen Buchpreises gesetzt wurde. Während sich der Roman beinahe exemplarisch mit dem Thema Machtverhältnisse auseinandersetzt, zeigt Béla Pintér in "Titkaink" ("Unser Geheimnisse"), das er geschrieben und inszeniert hat, die tragische Geschichte der zersetzenden Maßnahmen auf eine ambivalente Weise mit Schrecken und Humor.

Offene Geheimnisse

Eigentlich erzählt Pintérs Stück gleich mehrere Tragödien - private und politische - wobei ein Geheimnis zum nächsten führt. István Balla Ban ist Teil der aufkommenden und vom sowjetischen Staat geförderten Volkstanzszene. Doch István hat ein schreckliches, ihn selbst erschreckendes Geheimniss: Er liebt seine Stieftochter, die siebenjährige Timi. Es ist ein heikles und aufwühlendes Thema, das Pintér für sein Drama wählt, aber sehr geschickt darstellt. István ist kein grauenhafter Täter, denn er hadert und versucht sich im Griff zu behalten, aber er ist dennoch ein Täter. Und Timi ist kein gebrochenes Opfer, sondern ein fröhliches Kind, das seinen Stiefvater liebt, aber dennoch ist sie gezeichnet von diesem Vertrauensbruch. Pintér schafft es, dieses komplizierte Verhältnis sehr genau einzufangen, indem er das Leid sehr authentisch zeigt, ohne moralisch zu werden.

Die politische Tragödie tritt zu Tage, als István von der Staatssicherheit erpresst wird. Denn dank moderner Technik, in Form eines überdimensionalen Tonbandgerätes, das im Bühnenbild immer präsent ist, hat die Staatssicherheit sein Geheimnis erfahren. Sie wollen ihn benutzen, um seinen besten Freund, einen Chefredakteur einer Untergrundzeitung, zu fassen. Auch hier findet sich diese Ambivalenz, diese Manipulation der Kollaborateure wie István, die ihre eigenen Freunde verraten müssen und der Überzeugung der Täter, die nur ihrem Glauben folgen.

Immer wieder Volksmusik

Béla Pintér schreibt und inszeniert auf den Punkt und das handwerklich. Die gesamte Handlung wird umrahmt von gefühlvoller, ungarischer Volksmusik, die István - live von den Schauspielern gespielt - für seine Volksmusikplatte aufnimmt.  Besonders der Humor zwischen der ganzen Tragik gelingt Pintér hervorragend, er ist nicht gewollt, sondern einfach Teil des Alltag. Die Ausstrahlung des Ensembles wird der pointierten Inszenierung zwar nicht immer gerecht, weil doch ab und an die Aura fehlt. Insgesamt gelingt Pintér aber ein gut gebautes Stück mit einem etwas überkonstruiertem Ende aus dem postsowjetischen Ungarn, das tatsächlich berührt.

 

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Thilo Körting
08.11.2015 - 15:31
  Kultur

Béla Pintér gehört zu den prägenden Gestalten der freien ungarischen Theaterszene. In Deutschland wird sein Stück natürlich in Originalsprache mit deutscher Obertitelung. Das nächste Mal ist es in Leipzig im Rahmen der euro-scene Leipzig am Sonntag, den 8. November 2015 um 17 Uhr in der Schaubühne Lindenfels zu sehen.