euro-scene 2015

"Alleine wird man nicht zensiert"

Dieses Jahr ist Sylvia Camarda für den Solo-Tanz auf der euro-scene zuständig. Für ihre eigenen Choreographien eignet sie sich fremde Bewegungen und andere Körper an: Körper des Schmerzes, des Opfers und der Gewalt.
Camarda
Das Gefängnis der Folterer

Wie werde ich zum Folterknecht

Sie hockt auf dem Boden wie ein Tier, zusammengesunken - bereit zum Sprung, aber geschützt vor Schlägen, beleuchtet wird sie nur von schmalen Streifen hellen Lichts. In ihrer Choreographie "Conscienza di terrore I" (Gewissen des Terrors) begibt sich Sylvia Camarda in die Rolle von Folterern, die im Kampf gegen den Terror in US-Gefängnis misshandelt haben. Immer wieder begibt sie sich in Tierposen, bewegt sich schnell über den Boden und verrenkt ihren Körper. Sie zeigt, wie der Mensch sein Gewissen aufgibt, in der Überzeugung, einer besseren Sache zu dienen, und aus dieser Überzeugung heraus jede Form von Schmerzen zufügt. Die Bilder, die dabei entstehen, können schonmal verstörend wirken - aber das sollen sie ja auch.

Opfer ohne Schmerzen

Es ist eine statische Choreographie: Leise erklingt Ravels größtes Erfolgsstück Bolero, mit seinem klaren Trommelrhythmus und Bläsermelodien, die sich wie Würmer ins Ohr bohren. Langsam wird die Solotänzerin beleuchtet. Sie bleibt auf der Stelle stehen, tanzt eigentlich nur mit ihrem Oberkörper mit vielen ausladenen und fließenden Armbewegung. Entfernt erinnern ihre Bewegungen an Schläge und Stiche, die sie sich selbst zufügt. Erst zum Ende steigert sich die Choreographie, sowie die Musik, bis zu Sprüngen und Drehung. Inzwischen ist sie über und über mit Blut beschmiert, doch ihr Gesicht verrät keinen Schmerz, nur den Ernst der eigenen Tat. Mit Martyr beschäftigt sie sich mit dem Bild des Märtyrer, für das sie sich zwar im Altertum bedient, aber ein aktuelles Thema aufgreift - nur das heutige Märtyrer nicht mehr glorifiziert werden.

Bei all den ernsten Themen hat sie aber trotzdem nicht ihren Humor verloren.
Im Interview erzählt sie, warum sie sich als Europäerin fühlt, wie sie sich zum Folterer macht und was der Film Braveheart mit ihren Choreographien zu tun hat:

Moderator Magnus Folten im Gespräch mit Choreographin Sylvia Camarda
camarde
 

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Der Doppelabend von und mit Sylvia Camarda "Conscienza di terrore I"/"Martyr" ist im Rahmen der euro-scene am Mittwoch und Donnerstag, jeweils 22.00 in der Diskothek des Schauspielhauses. Bereits 2009 war sie zu Gast bei der euro-scene mit "Conscienze di terrore II"