Kolumne

Aliens unter Flugzeugen

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal Julia Sperling über Gespräche mit Aliens auf dem Basketballplatz - unter blauem Himmel mit Kondensstreifen.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist diese Woche passiert? Unsere Kolumnisten und Kolumnistinnen haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören:

Lasst die Aliens Politik machen - die Kolumne von Julia Sperling
Lasst die Aliens Politik machen - die Kolumne von Julia Sperling

Wir sind jung und wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut.

Es ist Freitag. Für ihre Zukunft gehen viele junge Menschen heute wieder auf die Straße und auch nächsten Freitag und den folgenden und den… bis es ihnen zu heiß wird. Als ich am Abend ein paar Körbe werfe, lungern da zwei Jugendliche und kichern. Als ich treffe, blicken sie von ihren Smartphones auf.

Hier geht es um was. Zumindest für Tom, der sofort beginnt mich mit seinen Fragen zu löchern:

Was machst du so? Wen wirst du wählen? Und warum?

Tom

Tom hat viel vor mit seinem jungen Leben. Gerade 18 geworden, ist er mit dem Recht seine Stimme zur Landtagswahl in einem Monat abgeben zu dürfen, überfordert.

Über uns ein Flugzeug - Strecke Leipzig-Stuttgart.

Aliens machen Politik

Gustav hat aufgehört irgendwas zu versuchen. Er scheint kurz vor der Resignation. Ihm ist das mit den Parteien mittlerweile scheiß egal - alle posen nur mit ihren Machtkämpfen, anstatt wirklich mal was zu verändern. Gustav meint es sei schon alles den Bach runtergegangen - alles!

An ihrer versnobten Privatschule wird Karrieremachen großgeschrieben. Tom und Gustav sind da die Außenseiter, die Alternativen. Und bestimmt nicht die für Deutschland! Aliens nennen sie sich.

Tom fragt mich: „Und wie stehst du eigentlich zur Flüchtlingskrise? Findest du es fair, dass Deutschland 1,5 Mio aufnimmt und andere Länder niemanden?“ Zum Antworten gibt mir Tom nicht viel Zeit. „Wie stehst du zum neuen Polizeigesetz?“ Ich atme kurz durch. Antworten, schnell, klare Kante zeigen, Vorbild sein.

Der Einsiedler im Wald

Gustav will sich der aktuellen Gesellschaft verweigern. Das ganze System bringe doch nichts. Ich frage ihn überrascht: „Wie sieht das denn aus? Möchtest du der Einsiedler im Wald werden und auf Selbstversorgung umsteigen?“ Hach, und dabei erkenne ich mein jüngeres Alter Ego in ihm wieder. Gustav antwortet mir verdrossen:

Nee so ganz Aussteiger-mäßig auch nicht, aber: mich dem System, naja, so weit wie möglich entziehen.

Gustav

Wieder ein Flugzeug über uns - Strecke Leipzig-München.

Gustav darf auch wählen - nur erst in ein paar Jahren. Doch als Systemgegner wird er wohl niemanden ankreuzen. Er meint, sobald man wählen gehe, unterstütze man das System. Heißt im schlimmsten Fall: Gustav wird von seinem Recht keinen Gebrauch machen, sich vielleicht sogar zurückziehen ohne Kontakt zur Außenwelt. Abschottung. Frustration. Vereinsamung. Depression.

Dabei seien Gustav und Tom doch die einzigen an ihrer eingebildeten Eliteschule, die sowas wie Sozialkompetenz gelernt haben. Tom ist sich sicher:

Also die anderen von unserer Schule hätten hier kein Gespräch mit dir anfangen können. Die hätten überhaupt nichts zu sagen gewusst!

Tom

Getreu dem Motto: Immer schön Ja sagen und ordentlich pauken, um schon jetzt höher, schneller, weiter zu kommen.

Tom ist überzeugt: „Wenn wir nicht wählen gehen, gewinnen die Faschos.“

Auf zu Planet B

Tom und Gustav - die Aliens - wollen was und haben große Fragen. Die Antworten sind ihnen zu langsam. Und vor allem: Selbst, wenn sie auf die Straße gehen und jeden Freitag schreien, dass es keinen Planet B gibt - hört sie doch kaum jemand.

Wieder ein Flugzeug über uns. Wieder Unmengen an CO2 und Ozon. Strecke Leipzig-Frankfurt.

Gustav blickt nach oben: „Wir sind schon verloren.“

Wir - die Jugendlichen von heute, die es so gar nicht gibt. Sie sind Außerirdische: neu auf unserem Planeten, den sie viel besser gestaltet hätten, hätten sie nur die Möglichkeit gehabt. Aber wen interessiert‘s von all den Business-Köpfen, die da gerade auf uns hinunterschauen? Angetrieben durch Unmengen an Kerosin. Leipzig adé!

Kolumnistin Julia Sperling
Kolumnistin Julia Sperling
 

Kommentieren

Julia Sperling
26.07.2019 - 14:56
  Kultur