Filmrezension

Alien vs. Filmfans

Mit "Alien: Covenant" kehrt Regisseur Ridley Scott zum zweiten Mal zu der von ihm begonnen Alien-Reihe zurück. Der Film ist die Fortsetzung des Prequels "Prometheus", das 2012 gespaltene Publikumsreaktionen hervorrief. Klappt es diesmal besser?
Endlich wieder Alien!
Schreckensszenarien an Bord der Covenant

"Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt" (1979) ist ein Meilenstein des Science‑Fiction- und Horror-Kinos. Der Film versetzte mit der titelgebenden Kreatur ein weltweites Kino-Publikum in Angst und Schrecken, setzte Maßstäbe im Bereich der Spezial-Effekte und machte Hauptdarstellerin Sigourney Weaver zum Star. Der Erfolg des Films war auch der Grundstein für die Karriere des britischen Regisseurs Ridley Scott, der mit Filmen wie "Blade Runner", "Gladiator" oder zuletzt "Der Marsianer - Rettet Mark Watney" zu den erfolgreichsten und angesehensten Filmemachern in Hollywood zählt. Von den zahlreichen Fortsetzungen konnte nur das direkte Sequel "Aliens" von "Titanic"- und "Avatar"-Regisseur James Cameron an das Original heranreichen. Scott selbst kehrte erst 2012 mit "Prometheus" zu der Reihe zurück, die er einst begonnen hatte. Der Film war jedoch kein Sequel zu "Alien", sondern ein zeitlich davor spielendes Werk, das lediglich einzelne Elemente des Originals aufgriff und ansonsten eine davon unabhängige Geschichte erzählte. Vom Publikum wurde der Film kontrovers aufgenommen, wahrscheinlich gerade weil das titelgebende Wesen aus dem Originalfilm in "Prometheus – Dunkle Zeichen" nicht vorkam. Die Fortsetzung "Alien: Covenant" verspricht nun zumindest, diesen Mangel zu beheben.

Vertraute Zutaten

Die Besatzung der „Covenant“, ein interplanetares Raumschiff unterwegs zur Besiedlung eines weit entfernten, erdähnlichen Planeten, wird durch einen Weltraumunfall vorzeitig aus dem Kälteschlaf aufgeweckt. Nachdem die Überlebenden, unter ihnen der zum Kapitän beförderte zweite Offizier Christopher Oram (Billy Crudup), die Terraforming-Spezialistin Daniels (Katherine Waterston) und der Android Walter (Michael Fassbender), ein Signal scheinbar menschlichen Ursprungs von einem nahe gelegenen Planeten empfangen, der dem Anschein nach noch bessere Lebensbedingungen bietet, entschließen sie sich, diesen zu untersuchen. Doch schon kurz nach der Ankunft der Astronauten stellt sich das vermeintliche Paradies als ein Albtraum heraus, als die Crew von aggressiven Kreaturen dezimiert wird. Schutz finden die Überlebenden zunächst bei dem ebenfalls auf dem Planeten gestrandeten, aus "Prometheus" bekannten Androiden David (ebenfalls Fassbender), der sich als Ursprung des Signals erweist. Doch weiß der mehr, als er bereit ist zuzugeben?

Schwache Charaktere

Das Set-up von "Alien: Covenant" dürfte Fans der Reihe bekannt vorkommen: Eine bunt gemischte Crew aus (für Science-Fiction-Verhältnisse) bodenständigen Charakteren landet mit seinem Raumschiff auf einem ihnen fremden Planeten und kommt bald darauf in Kontakt mit einer schrecklichen außerirdischen Lebensform. Was auf dem Papier gleich klingt, könnte in der Umsetzung jedoch unterschiedlicher kaum sein. Dies beginnt schon bei der Eröffnungsszene. Wo "Alien" seine Figuren und deren Umgebung behutsam einführte, bevor sie ins Chaos geworfen wurden, beginnt "Alien: Covenant" mit einer Action-Szene im Weltraum, bei der gleich mehrere Figuren (darunter James Franco, in einer überflüssigen Mini-Rolle) unzeremoniell getötet werden. Auch im Folgenden nimmt sich der Film kaum Zeit, um die Charaktere einzuführen. Vielmehr sollen diese so schnell wie möglich auf den Planeten kommen. Dies erweist sich jedoch als der erste Fehler des Films, da man so kaum etwas für die Figuren empfindet. Ein Großteil des Casts ist also lediglich austauschbares Monsterfutter. Geradezu beleidigend ist das, weil die Filmemacher offenbar tatsächlich einige Szenen gefilmt hatten, um die Charaktere einzuführen. Diese wurden jedoch lediglich als Werbe-Clips auf Youtube gestellt.

 

Mehr noch sogar als bei "Prometheus", der dafür viel Kritik einstecken musste, verhalten sich die menschlichen Charaktere noch dazu in fast ausnahmslos jeder Situation so unfassbar dämlich, dass Identifikation seitens des Publikums quasi unmöglich wird. Regisseur Scott scheint jedoch ohnehin kaum Interesse an den menschlichen Figuren zu haben. Sein Hauptaugenmerk liegt eher bei den beiden Androiden Walter und David. Die Szenen in denen Michael Fassbender in einer Doppelrolle mit sich selbst debattiert sind die stärksten Momente des Films. Fassbender gelingt es mit kleinen Nuancen, die beiden optisch identischen aber unterschiedlich programmierten Roboter, mit Persönlichkeit zu versehen. In diesen Szenen wird auch klar, dass das eigentliche Interesse, das Regisseur Scott an dem Projekt hatte, die Weiterführung von Handlung und Themen aus "Prometheus" war. Diese Themen, speziell der Gedanke von Schöpfung, sowohl im religiösen Sinne als auch als Metapher für den kreativen Prozess, sind auch tatsächlich faszinierend, werden im Film aber nicht konsequent zu Ende geführt. Zumal der Film die zum Ende von "Prometheus" gestellte Frage, warum die dort „Konstrukteure“ genannten Aliens die Menschheit zunächst erschufen, nur um sie dann auslöschen zu wollen, auf besonders frustrierende Weise fallen gelassen wird.

Das deplatzierte Wesen aus einem besseren Film

Wirklich ärgerlich wird "Alien: Covenant" jedoch erst im letzten Drittel. Nachdem der Film bis dahin zuvor unbekannte Monster auf seine wehrlosen Figuren losgelassen hat, wird erst eine halbe Stunde vor Schluss das titelgebende Alien (der sogenannte „Xenomorph“) eingeführt. Das ist gleich auf mehreren Ebenen eine Enttäuschung: Zum einen gibt der Film eine Erklärung über dessen Herkunft, die dem Wesen mit dem ikonischen Design des Schweizer Künstlers H. R. Giger einen Großteil seiner Faszination und seines Schreckens raubt. Zum anderen missachtet der Film einige der für den Lebenszyklus des Wesens etablierten Regeln, scheinbar nur um kostbare Filmminuten zu sparen. Vor allem aber wird zum Schluss hin klar, dass Regisseur Scott offensichtlich keinerlei Interesse daran hatte, einen weiteren reinen Alien-Film zu drehen. Im Schlussdrittel wird auf geradezu dreiste Art und Weise noch einmal ein kondensiertes Remake des Original-Films abgespult, jedoch komplett ohne Stil, Spannung oder Atmosphäre. Das „unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ wirkt hier lediglich wie von den Produzenten des Films erzwungener Fanservice. Dass in Covenant nicht mehr praktische Effekte, sondern CGI zur Schöpfung des Aliens verwendet werden und es häufig direkt bei hellem Tageslicht gezeigt wird, trägt ebenfalls dazu bei, dass von der Kreatur nicht annähernd derselbe Schrecken ausgeht wie in den besten Momenten der Reihe. Der Film wird gegen Ende hin vollständig zu einem geschmacklosen Slasher-Film (inklusive Duschsexszene), der eher an einen Film der "Halloween"-Reihe erinnert als an "Alien".

Fazit

"Alien: Covenant" ist eine Enttäuschung in jeder Hinsicht. Als Fortsetzung von "Prometheus" lässt der Film zu viele Fragen offen und frustriert mit einer Vielzahl schlecht etablierter und noch dazu hohler Charaktere. Als Teil der "Alien"-Saga ist der Film ein noch größeres Ärgernis, da ein Teil der Mythologie durch unnötige Erklärungen zerstört wird und das eigentliche Alien respektlos und wie ein uninteressanter Nebenaspekt behandelt wird. Als einfacher Horrorfilm betrachtet, baut der Film nicht genug Spannung oder Atmosphäre auf, bietet lediglich ein paar ansehnliche Gore-Effekte. Durchschnittliche Kinogänger, die nicht mit vorherigen Teilen der Reihe vertraut sind, dürfte der Film zwar komplett ratlos zurücklassen, dafür könnten die sich immerhin an ein paar schicken Bildern und der guten Performance von Michael Fassbender erfreuen. Fans der Reihe sollten sich jedoch auf eine schwere Enttäuschung gefasst machen.

 

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Martin Pfingstl
23.05.2017 - 10:52
  Kultur

Laufzeit: 122 Minuten

Genre: Science-Fiction/ Horror

FSK 16

ab August 2017 auf Blu-ray und DVD erhältlich