Frisch gepresst: Sharon Van Etten

Glück wider Willen

Die US-Amerikanerin Sharon Van Etten hat ein Händchen für intime Songs über Verlust und Liebeskummer. Auf ihrem fünften Album bricht sie mit den Erwartungen und meldet sich auf „Remind Me Tomorrow“ deutlich positiver, aber nicht weniger stark zurück.
Sharon Van Etten schenkt uns auf ihrem fünften Studioalbum ein paar positive Vibes.

Der Titel von Sharon Van Ettens fünftem Studioalbum ist irreführend. „Remind Me Tomorrow“ klingt nach sonniger Aufschieber-Attitüde – und damit dem kompletten Gegenteil der Sängerin. Nach der Veröffentlichung ihrer letzten Platte hat sie sich ihren Terminkalender ordentlich vollgepackt: Sie studierte Psychologie, schrieb Musik für den Serien-Klassiker „Twin Peaks“, sprach für eine Fernsehserie vor und erwartete ein Baby. Van Etten hat in dieser Zeit viel erlebt und kann sich über das Endergebnis nicht einmal beschweren. Berufliche Erfolge sind ihr genauso vergönnt wie privates Glück und so genießt sie ihre Zeit mit Arbeiten, die sie ausfüllen und ihrer kleinen Familie.

Zeitgleich geht vor ihrer Haustür die Welt gefühlt in Flammen auf. Also sie gerade mit ihrem Sohn schwanger ist, wird Trump gewählt. Mit jedem Tag seiner Amtszeit bringt er Van Etten und viele ihrer Landsleute immer näher an den Rand der Verzweiflung. Als Künstlerin will sie dieses wütende, tief verunsicherte Grundgefühl auffangen. Aber eine traurige Platte fühlt sich – zum ersten Mal in ihrem Leben – nicht richtig für sie an. Die Songs, die sie geschrieben hat, sind positiver als von ihr beabsichtigt. Sharon Van Etten steckt fest: Wie kann sie ihr privates Glück und die allgemeine Unzufriedenheit ihrer Umwelt auf nur einem Album vereinen?

Schaurige Synthies

Sie entscheidet sich für eine gekonnte Trennung dieser Emotionen: Die Songs sollen düster klingen, aber aufmunternde Botschaften enthalten. Die Synthies sind tragendes Element und verbreiten zuweilen eine fast schaurige Atmosphäre („Memorial Day“). In der Albumhälfte werden die Songs dann zunehmend eingängiger und sanfter. Dort finden sich auch die wahren Perlen der Platte: „Comeback Kid“ punktet durch seine Dynamik, „Jupiter 4“ ist ein fünfminütiger, dunkler Strudel, an den keine einzige Sekunde verschwendet ist.

Zwei Welten im Blick

Sharon Van Etten vereint auf „Remind Me Tomorrow“. Sie hat ihre Umwelt genau ins Auge gefasst und erzählt hervorragend über ihre Beobachtungen, lässt gleichzeitig aber auch Platz für ihre eigenen, introspektiven Gedanken und Gefühle. Ein Balanceakt, der schwierig ist – aber in diesem Fall auch ein voller Erfolg.

 

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Ariane Seidl
29.01.2019 - 12:59
  Kultur

Sharon Van Etten: Remind Me Tomorrow

Tracklist:

*Anspieltipps

1) I Told You Everything
2) No One's Easy To Love
3) Memorial Day
4) Comeback Kid*
5) Jupiter 4*
6) Seventeen
7) Malibu
8) You Shadow*
9) Hands
10) Stay

Erscheinungsdatum: 18.01.2019
Jagjaguwar / Cargo