Konzertbericht: Voces8

After Silence

Zum zweiten Mal kam das britische Vokalensemble Voces8 im Rahmen des a cappella Festivals nach Leipzig. Statt Jazz stand diesmal geistliche Chormusik auf dem Programm.
Voces8 in der Michaeliskirche
Voces8 in der Michaeliskirche

Montag, 20:00 Uhr. Das Schiff der Michaeliskirche ist voll besetzt. Man versucht, noch hier und da einen Platz zu finden, um Gäste an der Abendkasse nicht abweisen zu müssen. Der Andrang verrät, dass Voces8 ein äußerst populäres Ensemble ist. Seit dem ersten Konzert in Leipzig 2012, ebenfalls im Rahmen des von amarcord initiierten a cappella Festivals, sind zahlreiche Einspielungen entstanden, und die Gruppe hat sich weltweit einen Namen für ihren unverwechselbaren Sound gemacht.

Klang und Stille

20:10 Uhr sind die allerletzten Plätze besetzt, Ruhe kehrt ein. Der rot angestrahlte Altarraum bleibt allerdings immer noch leer, darüber scheint das Licht der Straßenlaternen durch die Buntglasfenster, die Kreuzigung und Auferstehung Jesu darstellen. Dann erklingen die ersten Töne, man vernimmt die ersten Worte – „God grant with grace“ –, doch das Ensemble ist nirgends zu sehen. Singend ziehen sie aus dem Raum hinter dem Altar ein und platzieren sich hinter ihren Pulten. Das Konzert könnte nicht passender, nicht britischer beginnen als mit diesem Choral des englischen Renaissancemeisters Thomas Tallis. Dem folgt eine zweite Komposition Tallis’, „O Nata Lux“ – ein Stück von bezaubernder Schönheit. Die extrem hohen Soprantöne sind klar und doch sanft, die für das Zeitalter seltenen Dissonanzen fein herausgearbeitet.

Das Stück hinterlässt in der Kirche eine so andächtige Stille, dass es niemand wagt zu applaudieren. Dieser Gegensatz von Klang und Stille wird den Abend definieren, daher auch der Titel des Konzertprogramms, den der künstlerische Leiter Barnaby Smith auf ein Zitat Aldous Huxleys zurückführt:

After silence, that which comes closest to expressing the inexpressible is music.

Aldous Huxley

Der fehlende Applaus nach den zwei ersten Stücken ist ein kleines Missverständnis, das das Ensemble zu verwirren scheint. Für den Rest des Abends wird nach kurzen Ansprachen immer wieder ankündigt, welche Stücke als Set gesungen werden, und wann man um Applaus bittet. Bei Konzerten mit geistlicher Musik ist das immer eine diffizile Angelegenheit, noch zudem, wenn sie in Kirchen stattfinden: Zum einen möchte man die Darbietung des Ensembles würdigen, zum anderen die ruhige Atmosphäre der Stücke ungern durch lauten Applaus zerstören. Die Leipzigerinnen und Leipziger und Voces8 nehmen es gelassen; an Applaus kommen sie nicht zu kurz, nur nicht immer an den richtigen Stellen.

There Is an Old Belief

Die erste Konzerthälfte ist überwiegend durch britisch-amerikanische Werke geprägt. Nach den ersten drei Stücken erklingen Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, die die andächtige Stimmung Tallis’ beibehalten und doch mit modernen Harmonien brillieren. „The Road Home“ von Stephen Paulus ist ein versöhnlicher, zu Himmelsruhe erhebender Gospel.

„Let My Love Be Heard“ des 1986 geborenen Amerikaners Jake Runestad besticht durch die moderne, dem Jazz entlehnte Harmonik, die zu großen Teilen trotzdem sanft bleibt. Moderne Hörgewohnheiten und die Klarheit der Voces8-Stimmen lassen die Dissonanzen kaum als solche wirken. Das Stück gewinnt an Intensität, als sich über den Männerstimmen die Frauen (und der Countertenor) wie Engelschöre zum Himmel emporheben.

„O Vos Omnes“ von Pablo Casals fungiert als Ruhepol nach Runestads intensivem Stück; Casals’ Vertonung erinnert an russisch-orthodoxe Choralmusik. Mit Jonathan Doves „In Beauty May I Walk“ präsentieren Voces8 das einzige geistliche, aber nicht-christliche Werk ihres Programmes; es basiert auf einem Gebet der Navajo-Indianer. Doves Stück setzt sich aus mehreren Ostinati zusammen, die sich vermengen und zu einem dissonanten, doch wohlklingenden Höhepunkt verdichten, bevor es, wie so viele andere Stücke des Abends, in Stille verhallt. Überhaupt ist diese wohlklingende Dissonanz vor allem der Interpretation von Voces8 zu verdanken, deren Stimmen vor allem durch kaum Vibrato so kristallklar sind, dass sie selbst in sehr hohen und sehr lauten Passagen eine warme Klangfarbe beibehalten.

Die erste Konzerthälfte endet mit drei Stücken aus Charles H. H. Parrys Songs of Farewell, die er gegen Ende des Ersten Weltkriegs und zugleich seines eigenen Lebens schrieb. Parrys Stücke zeichnen sich durch häufige Wechsel von Homo- und Polyphonie, Tempi und Taktarten aus, seine Vertonungen bleiben stets nah am Text. Den Höhepunkt der ersten Konzerthälfte erreichen Voces8 genau zu deren Ende, mit der dritten Auswahl „There Is an Old Belief“. Das der Vertonung zugrundeliegende Gedicht behandelt die Hoffnung, dass sich Freunde dereinst an den „fernen Ufern“ des Jenseits wiederbegegnen werden. Parry drückt in seinem Werk zugleich das sehnliche Verlangen und den festen Glauben daran aus, als er auf der Zeile „That creed I fain would keep“ („Diesen Glauben würde ich gern behalten“) die Melodie des alten Credo in unum deum zitiert. Das Stück endet – wie sollte es anders sein – in Stille, die diesmal aber nach einem kurzen Innehalten mit tosendem Applaus gebrochen wird. Mit einem alten Meister der englischen Chortradition begann die erste Konzerthälfte, mit einem neueren schließt sie.

Be Still My Soul

Der zweite Teil ist deutlich internationaler geprägt; es kommen spanische, finnische, französische, deutsche und amerikanische Komponisten zu Wort. Zwei Stücke des Renaissance-Komponisten de Victoria machen den Anfang. Von besonderem Interesse ist „Vadam et Circuibo“, einem Text voll Verlangen aus dem Hohelied Salomos, das zuerst in de Victorias polyphonem Stil erklingt und dann in einer Fassung von Jonathan Dove, der die ersten sechs Töne de Victorias als Ausgangspunkt für seine eigene Vertonung verwendet. Daraus spinnt sich ein fast zehnminütiges Stück, in dem Voces8 zwischen lang ausgehaltenen Polychorden und kurzen, oft wiederholten rhythmischen Motiven wechseln. Es ist ein Stück des Verlangens und langsamen Herantastens, der vergeblichen Suche und des Zorns, das doch wieder in relativer Ruhe endet.

Gänsehautmoment

Das Herzstück der zweiten Hälfte ist Jean Sibelius’ „Be Still My Soul“, dessen Melodie eigentlich aus seinem patriotischen Orchesterstück Finlandia stammt und auch in Deutschland häufig als „Sei still mein Herz“ auf Beerdigungen gesungen wird. Zwar verfremdet der Text in gewisser Weise Finnlands „geheime Nationalhymne“, doch immerhin gelangt diese wunderschöne Melodie so in das geistliche Konzertprogramm und hinterlässt beim ganzen Publikum Gänsehaut.

Mit französischem Flair in „Hymne à la Vierge“ geht das Konzert auf sein Ende zu; das letzte Stück ist das altertümliche „Magnificat Quinti Toni“ von Hieronymus Praetorius, das trotz eines langen Amens nicht ganz den abschließenden Charakter hat wie noch Parrys „There Is an Old Belief“ im ersten Teil. So kommen Voces8 nach einem verdient langen Applaus (der das Missverständnis zu Beginn des Konzerts wieder wettmacht) nochmals in den Altarraum, um Rachmaninoffs „Ave Maria“ aus seiner Ganznächtlichen Vigil als Zugabe zu singen.

Fazit

Voces8 beweist, dass ein ganzes Konzert mit geistlicher Musik, deren Grundstimmung ja sehr ruhig ist, nicht ermüden muss. Eine Mischung aus Altem und Neuem sorgt für die nötige Abwechslung. Auch die Auswahl der Stücke und deren Gliederung in eine „englische“ und eine „internationale“ Hälfte kann als gelungen betrachtet werden, wenn auch man sich vielleicht noch das von ihnen so wunderbar interpretierte „Lux Aeterna“ von Edward Elgar zumindest als zweite Zugabe erhofft hätte. Die Michaeliskirche bietet eine angemessene Atmosphäre für ein solches Konzert, obwohl Voces8 sicherlich eine noch größere Kirche gefüllt hätte, in der auch eine andere Akustik mit mehr Hall den so engelsgleich klaren Stimmen des Ensembles nur zuträglich gewesen wäre. Nach zwei Stunden der Andacht, für die man nicht religiös sein muss, bleibt aber nur zu hoffen, dass Voces8 bald wieder nach Leipzig kommen werden.

 

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Micha Köhler
21.05.2019 - 13:01
  Kultur

Das Programm

God Grant with Grace – Thomas Tallis

O Nata Lux – Thomas Tallis

Chant – Traditional

The Road Home – Stephen Paulus

Let My Love Be Heard – Jake Runestad

O Vos Omnes – Pablo Casals

In Beauty May I Walk – Jonathan Dove

Songs of Farewell – C. H. H. Parry

I. My Soul, There Is a Country

III. Never Weather-Beaten Sail

IV. There Is an Old Belief

– Pause –

Regina Caeli (à 8) – Tomás Luis de Victoria

Vadam et Circuibo – Tomás Luis de Victoria

Vadam et Circuibo – Jonathan Dove

Be Still My Soul – Jean Sibelius

Hymne à la Vierge – Pierre Villette

Magnificat Quinti Toni – Hieronymus Praetorius

– Zugabe –

Bogoroditse Dyevo (Ave Maria) – Sergei Rachmaninoff

 

Es sangen

Andrea Haines – Sopran

Eleonore Cockerham – Sopran

Katie Jeffries-Harris – Alt

Barnaby Smith – Countertenor

Blake Morgan – Tenor

Sam Dressel – Tenor

Chris Moore – Bass

Jonathan Pacey – Bass

 

Das Konzert wird am 17.06.2019 um 21:05 Uhr im Deutschlandfunk gesendet.