CD der Woche

Ästhetisch, wild und sexy

Was kann eine Band im Jahr 2016 noch neues bieten? Die kanadische Rockband July Talk zeigt mit dem zweiten Album “Touch“, dass man auch mit den üblichen Instrumenten noch Neues und Unverkennbares kreieren kann.
July Talk
Posieren hier im lässigen, üblichen Schwarz-Weiß-Look: July Talk

Ach, was muss das Leben einfach gewesen sein als Rockband in den Achtziger Jahren. Lange Haare, verzerrte Gitarren, eine coole Stimme und schon stehen die Groupies Schlange. Gut, das ist jetzt vielleicht ein bisschen klischeehaft. Klar ist aber, dass man als Band im 21. Jahrhundert mehr bieten muss, um am Monatsende auf den Mindestlohn zu kommen. 4/4-Takt, Gitarre, Bass und Schlagzeug reichen nur noch selten, um wirklich Aufsehen zu erlangen. „Klingt doch alles gleich“ sagen die Früher-war-alles-besser-Kritiker. Wirklich? Nein, liebe Kollegen – so einfach läuft der Hase nicht. Vor allem nicht im kreativen Mekka Kanadas: in Toronto. Seit einigen Jahren erobert eine Truppe namens July Talk von dort aus das Ahornblatt-Land – und holt mit ihrem zweiten Album „Touch“ so richtig aus.

Peter vs. Leah

„Alter, die Stimme!“ Das war wohl der Lieblingskommentar unter 2015 erschienenen YouTube-Videos der Überflieger AnnenMayKantereit. Wenn July Talk Frontmann Peter Dreimanis aber sein Stimmorgan hören lässt, dann wird Henning May blasser als er es ohnehin schon ist. Dreimanis würde mit seinem Reibeisen-Gesang vermutlich sämtliche Studio-Mikrofone zersägen.Wäre da nicht Gesangskollegin Leah Fay, deren Stimme viel mehr einem Märchen entstammt. Normalerweise. Im Opener “Picturing Love“ bellt sie ihren schmächtigen Gesangspartner dafür ordentlich an – dazu gibt es extrem tighte Drums und rotzige Gitarren. Die Interaktion von Fay und Dreimanis ist im gesamten Album der zentrale Punkt der Musik. Im Dialog oder zeitgleich, die Stimmen reiben sich und sorgen für einen Kontrast, der sich auch in die Musik und Lyrics trägt. Im zentralen “Push + Pull“ wird aus einer sanften Disco-Strophe ein derber Rock-Stampfer, der die alternativen Tanzflächen füllen dürfte. Viele Songs leben von dieser Dynamik und diesem Kontrast, der ebenfalls in den aufwendigen Videos von July Talk ausgedrückt wird.

July Talk spielen ihre Stärken auf “Touch“ gekonnt aus. Sie versprühen wie kaum eine andere Band den Puls der Zeit. Ästhetisch, wild, sexy: es knistert und knistert ohne Unterbrechung. Kein Wunder, schließlich ist der Albumname Programm und die menschliche Berührung das Dauerthema. Die sexuell aufgeladene Stimmung der Nacht von “Lola + Joseph“ überzeugt dabei genauso wie das ruhige, laszive “Strange Habit“. Viel wird dabei auch musikalisch erzeugt. So schreitet das starke “Beck + Call“ schleppend und zugleich catchy voran, bevor es am Ende zum rockigen Ausbruch kommt. “Johnny + Mary“ baut da gar nicht groß auf und knallt lieber von Beginn an in Stoner-Manier los.

Unverkennbar

Zwischen den Rock-Keulen platzieren July Talk aber immer wieder etwas poppigere und nicht minder gute Songs. “Now I Know“ ist eine mutige und coole Hommage an tanzbare Yeah Yeah Yeahs-Nummern und zeigt die Band auf neuen Pfaden. Der Abschlusstrack “Touch“ ist hingegen ein sich langsam aufbauendes, bedrohliches Monster. Fay und Dreimanis singen von der Notwendigkeit der menschlichen Berührung und sorgen für einen richtigen Knaller am Ende von knapp 40 Minuten. Auch “Touch“ ist ein Album voller Tracks im 4/4-Takt und mit der klassischen Instrumentierung wird auch nicht gebrochen. Aber es gelingt den fünf Kanadiern etwas Unverkennbares und Neues zu schaffen. Für den Mindestlohn sollte es damit auch in der heutigen Zeit locker reichen. Es klingt nämlich eben doch nicht alles gleich.

 

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Till Bärwaldt
19.09.2016 - 14:36
  Kultur

July Talk: Touch

Tracklist:

1. Picturing Love
2. Beck + Call*
3. Now I Know*
4. Johnny + Mary
5. Strange Habit
6. Push + Pull
7. Lola + Joseph*
8. So Sorry
9. Jesus Said So
10. Touch*

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 09.09.2016
Vertigo Berlin / Sleepless Records

July Talk im Web 2.0:

Die Kanadier gibt es auch in Farbe. In einer Session für den CBC performen sie alte und neue Songs live.

In einem kleinen Studio spielen July Talk zwei Songs und reden über “Touch".

Das Quintett funktioniert auch in minimalistischer Besetzung: Hier spielen sie dezimiert den alten Song "I've Rationed Well".

Vor einem kanadischen Festivalauftritt erzählen Leah und Peter von ihren Lieblingsplatten.

In der sehenswerten vier-teiligen-Dokumentation "From The Road" (natürlich in schwarz-weiß) erzählen July Talk vom Leben auf Tour.