Filmrezension: Baby Driver

Adrenalinkick-Sound für eine Flucht

Seit vergangener Woche läuft Edgar Wrights "Baby Driver" in den deutschen Kinos. In dem musikalischen Actionfilm werden selbst die Scheibenwischer im Auto passend zum Beat angeschaltet.
Edgar Wrights "Baby Driver"
Ansel Elgort und Jamie Foxx in "Baby Driver"

„Dein Name ist Baby? B−A−B−Y? Baby?“ fragt die hübsche Kellnerin in einer Diner-Szene ungläubig. Baby − dies ist ein, in der Tat, ungewöhnlicher Spitz- und Rufname für den wortkargen und waghalsigen Fluchtwagenfahrer (der Beste seines Fachs versteht sich!) in Atlanta. Er steht bei dem lokalen Unterwelt-Boss Doc in der Kreide. Um seine Schulden abzubauen, manövriert Baby das wechselnde Bankräuber-Personal aus der von Polizeiwagen wimmelnden Gefahrenzone.

Aber nicht nur sein unwiderstehlicher jugendlicher Charme gepaart mit seiner Rock’n’Roll-Attitüde heben ihn von seinen hartgesottenen Spießgesellen ab. Seit einem tragischen Unfall in seiner Kindheit leidet der Hauptprotagonist an einem Tinnitus, ein Handicap in Form eines ständigen Summens im Ohr. Um dieses effektiv ausblenden zu können, hört Baby, egal wohin er geht bzw. fährt, Retro-Musik aus seinem ständigen Begleiter: dem iPod.

Als er jedoch Bekanntschaft mit Deborah, einer ebenso musikvernarrten und verloren wirkenden Kellnerin, schließt und sich in diese verliebt, möchte er aus seinem alten Leben als Gangstergehilfe ausbrechen. Doc verspricht Baby die Beendigung ihrer „Geschäftsbeziehung“, wenn er noch einen letzten Job als Fahrer für ihn übernimmt.

Nobody separates Baby from his iPod!

Spätestens seit dem unerwarteten Erfolg von Marvels „Guardians of the Galaxy“ (2014) ist klar: Es findet aktuell nicht nur ein Revival ausgegrabener Evergreens im (Blockbuster-)Kino statt; der Soundtrack ist ein essenzieller Bestandteil eines Films. Er ist imstande bei den Zuschauern eine emotionale Verbindung zu Charakteren, dem Plot oder eine beabsichtigte Stimmung hervorzurufen.

In „Baby Driver“ treibt Drehbuchautor und Regisseur Edgar Wright das Ganze auf die Spitze: Die Musik ist DIE treibende Kraft und bildet quasi einen eigenständigen Charakter innerhalb der Filmnarrative. Einerseits geschieht dies u.a. in den überaus dynamisch inszenierten und actiongeladenen Verfolgungsjagd- und Schusswechsel-Sequenzen. Deren Choreografien wurden schon beim Dreh mit viel Aufwand punktgenau zu den Songs einstudiert. Andererseits kann der Zuschauer über die, in der Filmwelt zu hörende, Musik emotional an die zentrale Hauptfigur Baby andocken und teilt dessen Sinneswahrnehmungen - abgeschottet von der bedrohlichen Außenwelt in einer Art "Audio-Existenz", wie Wright es ausdrückt.

Besonders ins Gedächtnis brennt sich die spektakuläre Eröffnungssequenz: Der Zuschauer wird direkt in die Handlung geworfen und das Gaspedal von Beginn an bis zum Anschlag wortwörtlich durchgetreten. Dieses irre Tempo kann der Film auch über weite Strecken aufrechterhalten.

Offensichtliche Vorbilder

Auch wenn die simpel gestrickte Nur-Noch-Ein-Job-Und-Ich-Bin-Raus-Geschichte in „Baby Driver“ nicht das Rad neu erfindet (und vielleicht auch gar nicht erst versucht), hat der Film neben seiner innovativen Musik-Bild-Kompositionsidee noch weitere kreative Einfälle in petto. Wright bringt zudem nicht nur selbstreferenzielle Gags im Film unter, die auf die cineastische Herkunft verweisen. Er zitiert neben Auto-Klassiker „The Driver“ auch absolute Kult-Filme der 90er wie „Reservoir Dogs“ oder „Heat“ − ohne deren Brillanz zu erreichen.

Die erste Stunde von „Baby Driver“ unterhält glänzend. Dagegen fällt der Showdown in der letzten halben Stunde etwas ab. Abgesehen von einer äußerst intensiv geratenden Überfall-Szene, die in eine Hetzjagd zu Fuß ausartet und sich vor ihrem Vorbild aus „Point Break“ nicht zu verstecken braucht.

Die durchweg überzeugend agierende Schauspielerriege tut ihr übriges für ein − trotz Abstrichen − gelungenes Kinoerlebnis. Allen voran der unglaublich entwaffnend und trotzdem so natürlich wirkende Jungstar Ansel Elgort („The Fault in Our Stars“) als Sympathieträger Baby. Ihm gelingt der Spagat zwischen stoischem Pokerface und verletzlicher Unschuld. Als Gegenpart fungieren die Leinwandschwergewichte Kevin Spacey („House of Cards“) als trockenhumoriger aber aalglatter Strippenzieher hinter den Kulissen und Jamie Fox („Django Unchained“), der den herrlich über die Stränge schlagenden Oneliner-Badboy mimt.

Fazit

Im Nachhinein erweist sich der wegen „Unstimmigkeiten“ bedingte Ausstieg seitens Wrights vom Marvel-Blockbuster „Ant-Man“ (2015) als ein Segen für Liebhaber von guter und vor allem origineller Kinounterhaltung. Denn Wright überzeugt mit seinem zur Musik choreografierten, ultra-lässigen Action-Heist-Spektakel um Baby, den "jungen Mozart in einem Go-Kart". Experiment geglückt!

Nur die Balance zwischen geerdetem Drama und abgedrehter Action fehlt teilweise. Umso ironischer kommt es daher, dass der ansonsten Sequels meidende Regisseur Edgar Wright mit einer Fortsetzung zu „Baby Driver“ liebäugelt. Wenn diese so gut oder sogar besser als der Vorgänger wird, nur zu!

 

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Baby Driver:

  • Regie: Edgar Wright
  • Drehbuch: Edgar Wright
  • Länge: 113 Minuten
  • Altersfreigabe: FSK 16

Besetzung:

  • Ansel Elgort: Baby
  • Kevin Spacey: Doc
  • Jamie Fox: Bats
  • Lily James: Deborah