Im Gespräch: Guy Delisle

Abwarten in grau-blau

1997 in Tschetschenien: Ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation wird verschleppt und als Geisel genommen. 111 Tage wartet er angekettet auf seine Freilassung. Guy Delisle hat daraus eine Graphic Novel gemacht: „Geisel“.
Guy Delisle zu Gast auf dem Roten Sofa
Guy Delisle zu Gast auf dem Roten Sofa

Die Geschichte ist wirklich passiert: 1997 war Christophe André für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in Inguschetien im Kaukasus im Einsatz. In der Nacht vom 01. auf den 02. Juli wurde er gekidnappt und ins benachbarte Tschetschenien verschleppt. Dort wartete er 111 Tage auf seine Freilassung, angekettet auf einer Matratze, nur aufs Dürftigste versorgt, allein mit seinen Gedanken. Am 20. Oktober 1997 endete seine Geiselhaft.

15 Jahre Arbeit

Aus den Berichten von Christophe André hat der kanadische Zeichner Guy Delisle eine Graphic Novel gemacht. 15 Jahre dauerte die Arbeit daran. In „Geisel“ illustriert Delisle erstmals eine authentische Geschichte, die nicht seine eigene ist. Denn in seinen erfolgreichen Comic-Reise-Reportagen zeichnete Delisle sich selbst und seine Sicht auf die Welt in China („Shenzhen“), Nordkorea („Pjöngjang“), Birma („Aufzeichnungen aus Birma“) und Israel („Aufzeichnungen aus Jerusalem“). In „Geisel“ gibt er jetzt Christophe André als Ich-Erzähler das Wort: „Seine Geschichte wird hier so wiedergegeben, wie er sie mir erzählt hat“, stellt Delisle der Graphic Novel voran.

Es passiert nicht viel

Auf den über 400 Buchseiten passiert nicht viel. Meist ist Christophe André zu sehen, wie er angekettet auf einer Matratze liegt oder wie er beim Essen – der einzigen Abwechslung am Tag – durch den Raum geht. Trotz dieser reduzierten Szenerie und des Ausbleibens von Ereignissen schafft es Guy Delisle, „Geisel“ zu einem spannenden Buch zu machen. Seite um Seite steigert sich beim Leser ein beklemmendes Gefühl für die ausweglose Situation der Geisel. Delisle findet einen nahegehenden Zeichenstil für das Warten, Zweifeln und Hoffen von Christophe André – langweilig ist das Buch nie.

Auf dem Roten Sofa

Auf dem Roten Sofa erzählte Guy Delisle davon, dass die zwei Jahre, die er an dem Buch saß, sehr anstrengend waren. Während er im Studio saß und zeichnete, fühlte er sich manchmal sozial isoliert und vermisste seine Freunde. Auf seinen Reisen sammelt er Stoff für seine Bücher. Ob die gesammelten Impressionen für eine neue Reportage reichen, kann er immer erst danach entscheiden. 

Redakteur Julien Reimer im Gespräch mit Guy Delisle über seine Graphic Novel "Geisel":

Julien Reimer spricht mit Guy Delisle über seine Graphic Novel „Geisel".
 
 

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Guy Delisle wurde 1966 im kanadischen Québec geboren. Nach einem Kunststudium in Toronto arbeitete er für Zeichentrickstudios in Kanada und Europa. Er lebt in Montpellier und veröffentlicht seit den 90er Jahren Comics und Graphic Novels. Bekannt wurde er mit seinen gezeichneten Reportagen aus Shenzhen, Pjöngjang, Birma und Jerusalem. Sein Blog findet sich hier.

„Geisel“ ist erschienen bei Reprodukt hat 432 Seiten und kostet 29,00 Euro.