Interview: Götz Widmann

25 Jahre Rotzlöffel-Akustik

Wenn Götz Widmann spielt, kommen sie in Scharen. Zwei Abende hintereinander füllte der Liedermacher den Konzertsaal in der Moritzbastei. Das Publikum war wie immer bunt gemischt und trinkfreudig.
William Wormser und Götz Widmann
William Wormser und Götz Widmann am 14.1.18 in der Moritzbastei

Im deutschsprachigen Raum kommt man an Götz Widmann kaum vorbei. Fast jeder kennt zumindest die eine oder andere Zeile aus „Hank (starb an ner Überdosis Hasch)“ oder seiner „Chronik meines Alkoholismus“.

Beide Songs entstanden in Zusammenarbeit mit seinem Musikerpartner Kleinti. Zusammen waren sie Joint Venture und mischten in den 90ern die Liedermacherszene ordentlich auf. Ihre Songs – von Slapstick-Humor zu raffinierter Satire - wurden schnell bekannt und beliebt. Im Jahr 2000 starb Kleinti überraschend an einem Herzinfarkt. Götz machte alleine weiter und ist bis heute damit erfolgreich. Er spielt live weiterhin die Hits von Joint Venture, hat in den vergangenen 17 Jahren aber auch eine beachtliche Menge neuer Alben veröffentlicht. Die Musik erscheint auf seinem eigenen Label „AHUGA“, das sich die Förderung neuer Talente zur Aufgabe gemacht hat. Auf seiner aktuellen Tour hat er ein eben solches im Gepäck.

Mein Anti-Held

Joint Venture begleiteten mich durch meine Kindheit und frühe Jugend und Götz’s Stimme war mir sehr lieb und vertraut. Live hatte ich ihn aber noch nie gesehen und der Gedanke, ihm bei einem Interview gegenüberzusitzen, machte mich ein bisschen nervös. Die Terminvereinbarung lief direkt über seine persönliche E-Mail-Adresse, ohne Manager und Mittelmänner. Kurz vor Konzertbeginn trafen wir uns also im Backstagebereich der Moritzbastei. Zwei Abende hintereinander waren für ihn reserviert. Hinter der Bühne meint eher eine Sitzecke mit großem Spiegel im Durchgang von Café zur Bühne - gemütlich geht anders. Dennoch hatte ich schnell das Gefühl, mit einem alten Bekannten über Gott und die Welt zu plaudern. Nach dem Interview wurde ich gar gebeten, es mir doch gemütlich zu machen und mir was zu trinken zu holen. So saß ich dann, als Teil der großen Götz-Familie, mit Verwandten und Freunden im Backstagebereich, bis das Konzert anfing.

Mehr Sex, weniger Nazis

Götz ist 52 Jahre alt. Auf der Bühne versprühte er jedoch den Charme eines spitzbübischen Jugendlichen, als er über hübsche Frauen sang oder gegen das Etablissement wetterte. Es wurde mitgesungen und viel gelacht.

Er kann aber auch anders. Im Lied „Zwei Trauben“ vereint er, was unmöglich scheint: absurde Komik mit herzzerreisender Tragik. Zwei Trauben verlieben sich. Können aber keinen Sex haben (weil es sich um Trauben handelt). Also vereinen sie sich als Wein. Wie Götz da auf der Bühne stand und dieses Lied schmetterte, wurde es ganz ruhig im Saal; Pärchen nahmen sich in den Arm, und man meinte, gar die eine oder andere Träne zu sehen. Der Götz kann das. Er kann auch die hohe Nazidichte in gewissen Bundesländern auf die sexuelle Frustration der dortigen Männer zurückführen.

Er kann auch fördern - andere Künstler zum Beispiel - in dem er einem vielversprechenden Nachwuchskünstler die Bühne überlässt. Anders als die meisten Hauptacts, spielt der Support auf seiner Tour nicht etwa in den undankbaren Minuten vor seinem Auftritt. An diesem Abend zumindest wärmte er das Publikum selber auf, und überließ dann nach ca. vier Songs dem jungen Liedermacher William Wormser das Rampenlicht. Wie unglaublich gut der William singen und texten kann, soll aber in einem anderen Artikel stehen. So viel sei aber gesagt: Der junge Mann spielt im März in Leipzig. Der krönende Abschluss des kleinen Intermezzos war, dass Götz die 2. Stimme zu einem Song von William sang - ganz bescheiden und mit viel Herzblut.

Unbequeme Flowerpower

Vom ersten bis zum letzten Song vergingen drei Stunden wie im Flug. Das Publikum verließ die Moritzbastei in brüderlicher Verbundenheit. Ich weiß, es ist eine Floskel und jeder sagt das, aber im Falle von Götz Widmanns Abend stimmt es einfach: Man fühlte sich wie eine große Familie. Gemeinsam laut lachen, singen und sich über Staat und Nazis aufregen – das verbindet.

Götz Widmann ist aus der deutschen Musikwelt nicht wegzudenken; seit 25 Jahren scheißt er auf Konformität, schreibt Lieder, wie es ihm gefällt - ob das grade trendig ist oder nicht.

Hören Sie hier Redakteurin Sonja Dietschi im Gespräch mit Götz Widmann:

Ein Interview von Sonja Dietschi
 
 

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Götz Widmann: Sittenstrolch

Tracklist:

1. latina

2. jackpot

3. femina superflower

4. digitaler burnout

5. burkiniqueen

6. zwanzig

7. der will ich sein

8. durchdrehn

9. der fuchs und der pfau

10. schlimm

11. was der mond den menschen zu sagen hat

12. männer ab 50

13. alles zu seiner zeit

14. sadhu

Erscheinungsdatum: 11.12.2016
AHUGA!

Kommende Live-Auftritte von Göz Widmann:

30. Januar 2018: Bonn - Harmonie

31. Januar 2018: Köln - Gloria-Theater

1. Februar 2018: Münster - Sputnikhalle

2. Februar 2018: Hamburg - Markthalle

3. Februar 2018: Kiel - Pumpe