Literatur

14. Juli 1789: Sturm auf die Bastille

Éric Vuillards Erzählung "14. Juli" beeindruckt. Der Gewinner des renommierten Prix Goncourt erzählt mit viel Rhythmus und beißender Ironie vom Sturm auf die Bastille - und beleuchtet das Schicksal der kleinen Leute.
Französische Revolution, Die Freiheit führt das Volk
"Die Freiheit führt das Volk" – das Bild von Eugène Delacroix ist zum Symbol der Französischen Revolution geworden.

Versailles, im Sommer 1789. An keinem anderen Ort zeigen sich so deutlich die Unterschiede, die die französische Gesellschaft spalten. Im Schloss ein ungeheurer Luxus: Delikatessen aus allen Regionen des Landes, Glücksspiel mit absurden Summen, Personal für jede Kleinigkeit: Ludwig der Sechzehnte beschäftigt allein vier Uhrmacher, die nichts anderes tun, als morgens die Uhr in seinem Schlafgemach aufzuziehen.

Und draußen vor den Toren? Dort tummeln sich die einfachen Leute, Tagelöhner, Schuhputzer, Prostituierte, die ihr Dasein im Schatten des königlichen Hofes fristen.

Versailles ist ein Lichterkranz, ein Kronleuchter, Kleid und Kulisse. Doch hinter der Kulisse und selbst drinnen, eingebettet in das Fleisch des Palastes, als das wahre Wesen seiner Vergnügungen, herrscht ein zwielichtiges, kreischendes, serviles Treiben. Die Adligen futtern Aufgewärmtes aus erster Hand. Die Dienstboten nagen die Gerippe ab. Und dann wirft man die Austernschalen und Knochen aus den Fenstern. Arme und Hunde schnappen nach den Überresten. Das nennt sich Nahrungskette.

Éric Vuillard schreibt in seinen kurzen Werken über entscheidende Momente der Geschichte. Zum Beispiel über die Berliner Kongokonferenz 1884, bei der Afrika unter den Kolonialmächten aufgeteilt wurde. Für seine Erzählung „Die Tagesordnung“ über den Anschluss Österreichs an Nazideutschland gewann er den wichtigsten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt. Und nun geht es eben um den 14. Juli 1789, an dem die Pariser die Bastille stürmten.

Vuillard beschränkt sich nicht auf das Ereignis selbst oder die historischen Fakten. Er malt ein Panorama der jeweiligen Zeit. „14. Juli“ ist halb Essay, halb Erzählung. Mit ausgedachten Passagen füllt Vuillard die Lücken der Geschichtsschreibung. Dabei widmet er sich vor allem den kleinen Leuten, deren Geschichten in der großen Historie verloren gehen.

Marie Jeanne Bliard, Witwe von Francois Rousseau, Laternenanzünder, wohnhaft in Paris, Rue des Noyers Nr. 17. Sie fühlte sich so einsam wie der leblose Körper eines Laternenanzünders im Leichenschauhaus des Châtelet, und es war ihr, als befände sich nun alles, was sie geliebt hatte, in diesem Protokoll und würde für immer dort bleiben, in ein paar trockenen Zeilen, auf die Schnelle hingeworfen von einem Polizeikommissar.

Vuillards Prosa ist eine kritische Annäherung an die Geschichte. Er wählt neue, unbekannte, überraschende Perspektiven - und er erzählt von den Details, die man nicht aus dem Schulunterricht kennt. Oft ist es spannend und mitreißend, wie er erzählt. Daran hat vor allem seine Sprache einen großen Anteil, die auch in der Übersetzung von Nicola Denis erhalten geblieben ist. Denn sprachlich ist das Buch enorm variantenreich. Ellenlange Aufzählungen und ganz kurze Sätze, skurrile Metaphern, Einschübe in Ich-Perspektive und eine allgegenwärtige, teils beißende Ironie.

Frankreich war schwer verschuldet. Die großen Perücken waren höchst kostspielig gewesen. Die Ludwigs, egal welcher Nummer, hatten ihre Hand unter zu viele Röcke geschoben, in zu viele Speckfalten gezwickt und in zu viele Hintern gebissen. Oh! Ich weiß, man hat mir gesagt, was uns teuer, wirklich teuer zu stehen gekommen sei: Die Teilnahme Frankreichs am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Ich glaube kein Wort davon.

Eine wirkliche Handlung gibt es nicht. Stattdessen folgen die kurzen Kapitel einzelnen Situationen. Seitenweise werden nur die Namen und Berufe der Revolutionäre aufgezählt. Wie in einem Bewusstseinsstrom setzt sich die Erzählung fort und reißt einen mit, sie hat einen Rhythmus wie ein episches Gedicht.

Hier der Tempel des Horus. Acht Türme. Mit einer Mauer verbunden. Drei Meter dick. Stummheit. Taubheit. Kaum Öffnungen. Blind. Die Zitadelle. Turmhoch. In zwölf Jahren erbaut. Vom Tor zur Bastion geworden, flankiert sie die Stadt. Ein falsches Tor also. Festung, Lagerraum, Arsenal, Tresor, Gefängnis.

Erst in der zweiten Hälfte des Buches geht es wirklich um dem Sturm auf die Bastille. Langsam baut Vuillard die Spannung auf, schildert kleine Details aus der wütenden Menge, zeichnet den Gegensatz zwischen Festung und Volk.

Fazit

„14. Juli“ ist kein Buch für jene, die sich erstmals mit der Französischen Revolution oder dem Sturm auf die Bastille befassen wollen. Es ist kein fiktionales Geschichtsbuch, sondern eine Miniatur, die das Allgemeinwissen um kritische Impulse ergänzt. Wer sich für Geschichte interessiert und etwas Anspruchsvolles und Außergewöhnliches lesen will, sollte Éric Vuillard eine Chance geben.

Der Beitrag zum Nachhören:

Literaturredakteur Lucas Wotzka im Gespräch mit Moderatorin Angie Fischer.
Literaturredakteur Lucas Wotzka im Gespräch mit Moderatorin Angie Fischer.
 

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"14. Juli" von Éric Vuillard, 136 Seiten, 2019 erschienen bei Matthes & Seitz, Berlin. Preis: 18 Euro.