Rezension

100 Zeilen Hass oder alles ist scheiße

Wen oder was hasst Maxim Biller nicht? Eine Frage die in diesem Buch unbeantwortet bleibt. "100 Zeilen Hass" schmettert dem Leser die geballte Wut Billers in sarkastischer Manier direkt ins Gesicht und ist dabei sehr unterhaltsam.
Maxim Biller - 100 Zeilen Hass
Verachtung schwarz auf weiß

Ich glaube, ich möchte nicht mit Maxim Biller befreundet sein. Zumindest nicht, wenn er so ist, wie er schreibt. Denn "100 Zeilen Hass" hat seinen Namen absolut verdient.

Witz und Hass - eine Rezension von Taiina Grünzig
100 Zeilen Hass

Biller hasst und kritisiert nicht nur andere Autoren, wie man es vom Literarischen Quartett gewohnt ist, er beleidigt auch seine Leser und eigentlich alles. Eltern, Hamburg, Stiftung Warentest, die Politik sowieso - egal ob links oder rechts. "100 Zeilen Hass" ist eine Sammlung der Kolumnen, die Biller zwischen 1987 und 2010 unter anderem in dem Magazin TEMPO, der taz und dem ZEITmagazin veröffentlichte. Und so ist es schon sehr spannend, dass man bei über 100 Kolumnen nie das Gefühl hat, er würde sich wiederholen und über das gleiche schreiben. Dadurch ist also nichts und niemand sicher vor seinem Hass. Nicht einmal der Sommer.

Denn Sommer ist so ungefähr das Widerlichste, was man sich denken kann: eine ethologische Fälschung, ein klimatisch bedingtes Enthemmungsmodell.

Meint er das ernst?

Man kann sich nie so ganz sicher sein, wo Billers Hass in Ironie übergeht. Die Grenze ist fließend.

Ich finde Sabine Christiansen geil, Dieter Hallervorden komisch und klug, Wolf Biermann unvergänglich, heterosexuellen Analverkehr interessant, Stuttgart eine Reise wert und sozialen Wohnungsbau wichtig.

Bis zu Stuttgart scheint es eindeutig ironisch, aber sozialer Wohnungsbau passt irgendwie nicht in die Reihe. Man weiss nicht so recht wer dieser Mensch eigentlich ist. Mal nimmt man Biller wahr, vor Überheblichkeit nur so strotzend. Stellenweise empfindet man aber auch Mitleid mit ihm. Vorausgesetzt man nimmt ihn ernst.

Früher, als ich noch Freunde hatte, unterhielten wir uns manchmal über Kinder und Säuglinge. [...] Heute habe ich keine Freunde mehr - denn die, die es mal waren, unterhalten sich nun mit ihren Säuglingen.

Ist Maxim Biller zerbrechlich? Es scheint so. Eventuell ist es für Biller aber auch gar nichts Negatives keine Freunde zu haben. Er macht sich ja auch keine. Großes öffentliches Aufsehen erregte Biller mit seinem Roman "Esra". 2003 wurde der Vertrieb des Romans untersagt. Billers frühere Partnerin Ayse Romey hatte ihn verklagt, da Biller intime Geschichten aus deren Leben in diesem Roman preisgegeben hat. Das Gericht gab Romey recht. Biller macht keine Kompromisse. Auch dadurch nicht, dass sein Schreibstil nicht für jeden zugänglich ist. Es scheint so, als ob Biller dem Leser deutlich machen will, dass er die Literatur auch studiert hat. Und so bedient er sich gerne komplizierter Begriffe.

Sie neigen zu frecher Halbbildung, intellektueller Selbststilisierung und pseudoneurotischem Narzissmus.

Sätze wie diese lassen ihn irgendwie unnahbar und noch überheblicher wirken als sonst. Seine Intelligenz kann man Biller aber nicht absprechen. Er schafft es selten zwar aber an den richtigen Stellen zur Ernsthaftigkeit zurückzufinden. 

Immer(noch) die gleichen Probleme

Warum ich heute so ernst bin, so abwägend? Wenn ein neuer Krieg heraufzieht, ihr Arschlöcher, wird Hass ihn nicht stoppen.

Worte wie diese bleiben im Kopf. Gerade weil, man immer Ironie erwartet. In den Zeilen, in denen Biller mit dieser Erwartung bricht, sind seine Aussagen besonders stark.
Kolumnen aus der Vergangenheit zu lesen macht die Geschichte lebhafter und greifbarer. Gleichzeitig ist es erschreckend zu erkennen, wie viele Probleme sich kaum zu verändern scheinen. 1987 schreibt Biller:

Die Deutschen seien sowieso keine Nazis mehr, die Franzosen hingegen wählten mit über 10 % Le Pen.

Ich habe schon einige Zeilen weiter gelesen, als ich realisiere. Die Rede ist nicht von Marine und sondern von ihrem Vater. Was ich lese ist nicht aktuell und doch so furchtbar aktuell. Ich beginne langsam Billers Wut zu verstehen.

Biller sticht heraus. Biller nervt. Doch, wenn man selbst mit genug Portion Selbstironie an "100 Zeilen Hass" herangeht, kann man sich an den humorvollen Kolumnen auch sehr erfreuen. Man muss Biller selbst dazu ja nicht mögen.

Zu Sex fällt mir viel ein, denn Sex ist das Einzige, was ich hassbillermäßig bejahe. 

Na immerhin!

 

Kommentieren

Taiina Grünzig
28.06.2017 - 18:17
  Kultur