DOK 2018

Neue Deutsche Animation 1

Rätselhaftes. Lustiges. Verstörendes. Ein Höhe- und leider auch ein Tiefpunkt im Kompilationsprogramm "Neue Deutsche Animation 1".
Szene aus "Obon"
"Obon" führt die Schrecken des Atom-Krieges vor Augen

Oasis: Simulation einer Reise ins Nichts

Ein virtueller Rundgang in der neonfarbenen, von Nebel umwaberten Wüstenlandschaft Jerichos. Untermalt von wummernden Elektro-Beats und der unablässigen Kommentierung durch unsere "Reiseführerin", einer monotonen Computerstimme. Von Zeit zu Zeit sprießen Leinwände aus dem Sandboden, tauchen im Blickfeld der extrem agilen Kamera auf.

Auf den Screens sind computeranimierte Interviewaufnahmen abgebildet. Darunter auch welche mit ehemaligen Angestellten des verwaisten Hotels "Oasis", einem jordanisch-israelisch-palästinensischen Bauprojekt und unserem Bestimmungsort. Bereits seit 18 Jahren ist das "Casino des Friedensprozesses" nicht mehr in Betrieb; eine Wiedereröffnung in naher Zukunft erscheint unwahrscheinlich. Eine Metapher für den anhaltenden Nahostkonflikt? Vielleicht. Eine filmische Tortur? Definitiv! Ich empfehle nach Sichtung folgendes Video, um die Augen zu entspannen (übrigens auch von einem Casino in menschenleerem Wüstenterrain):

Obon: Lichtermeer vertreibt Geister und Flammeninferno

Obon ist ein japanischer Feiertag, an dem die Menschen ihren Vorfahren gedenken. Ein Ritual schreibt vor, abends Laternen auf dem Wasser auszusetzen, um die Seelen der Toten wieder ins Jenseits zu führen. Besonders an diesem Tag wird die 93-jährige Akiko, eine der letzten Hiroshima-Überlebenden, von Erinnerungen an Verstorbene - den aufbrausenden Vater oder Tausenden Atombombenopfern - verfolgt. Oftmals genügt Alltägliches wie eine einfahrende Straßenbahn oder ein herumkrabbelnder Marienkäfer, um den Schreckenstag vor ihrem geistigen Auge lebendig werden zu lassen. Die bläulich-kalte Gegenwart weicht warmen, erdfarbenen Rückblenden.

Bis ein Feuersturm über die Leinwand und uns hinwegfegt. Furcht einflößende Geschöpfe, in deren Köpfe grässliche Fratzen geschnitzt sind, führen einen Reigentanz vor, während die junge Akiko in einen Strudel aus Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit hineingezogen wird.

Die lichterloh brennende Skyline von Hiroshima, einer auf einen Schlag ausradierten Metropole. In Flammen aufgehende Leichenberge. Gliedmaßen, die wie Wachs dahinschmelzen. Verkohlte Hände, die beim Abbrechen ein Geräusch wie von knackendem Geäst verursachen. In "Obon" erwarten uns apokalyptische, grauenerregende Aufnahmen, die sich unauslöschlich ins Gedächtnis einbrennen. Am Ende bleibt das tröstliche Bild von behutsam streichelnden Händen, die bisher nur mit Schmerz assoziiert wurden.  

Carlotta's Face: Berliner Zuversicht

Man stelle sich vor: Morgens tritt man vor den Spiegel - und ein fremdes Gesicht blickt einem entgegen. Auch bei der Berlinerin Carlotta bleibt der Wiedererkennungseffekt der eigenen Gesichtspartie aus. Sie ist (wie knapp zwei Millionen Deutsche) gesichtsblind. Wegen dieser Wahrnehmungsstörung wurde sie in der Schule gemobbt. Doch Carlotta lässt sich nicht unterkriegen. Aus ihrem "Defizit" schöpft sie Kraft und erschafft Kunstwerke. Kreativ inszenierter Kurzfilm. 

Gerichtszeichner: Lars von Trier würd's feiern

Seit 25 Jahren wohnt der titelgebende Ich-Erzähler Gerichtsprozessen bei, hält sie in Form von angefertigten Skizzen fest. An einem verhängnisvollen Verhandlungstag auf der Anklagebank: Ohrenabschneider Scurano. Der größenwahnsinnige Sektenführer beruft sich auf die Religionsfreiheit. Plötzlich erhebt sich der Angeklagte von seinem Platz und fängt an zu beten. Bald schon finden sich unter den Zuschauern und Zuschauerinnen im Gerichtssaal zahlreiche Nachahmende; ein unheilvolles Summen kündigt die nahende Katastrophe an. 

Rules Of Play: Kopf-an-Kopf-Rennen

Die Welt als abstrakte Spielwiese, auf der alle vier Spielarten (Wettkampf, Rausch, Rollen- und Glücksspiel) zum Einsatz kommen. Bevölkert ist der Film von sprachlosen, Masken tragenden Wesen (erinnern an jene aus "Chihiros Reise ins Zauberland"). Bei Mondschein werden die sonst lethargischen Gestalten munter. Jeweils zwei ihrer Sippe treten in einem erleuchteten Quadrat gegeneinander an. Wer kippt als Erstes um und wer befindet sich auf einem Höhenflug? 

Sorge 87: Lokal- und Zeitkolorit der DDR - 60 gehortete Kilopakete Zucker im Bad

Familien-, Migrations- und Zeitgeschichte. 1987 wandern wegen des Arbeitskräftemangels vietnamesische Näherinnen und Näher in die wirtschaftlich noch florierende DDR ein, darunter in das sächsische Werdau. Zwei Ehepaare - deutscher und vietnamesischer Nationalität - entsinnen sich an humorvolle Anekdoten dieses Culture Clashs. Während die Werdauer "Neubürgerinnen und Neubürger" über die eigenwilligen "Küchenutensilien" der Bevölkerung Europas staunen, registrieren die Einheimischen ungläubig deren Konsumrausch und zahlreiche Carepaket-Verschickungen an Verwandte. Visualisiert ist das Erinnerungsalbum mittels ausgewählter Linolschnittbilder, vernäht mit rotem Faden der surrenden Nähmaschine. 

 

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Karen Müller
02.11.2018 - 11:31
  Kultur