Filmkritik

Mein Bruder heißt Robert: Frage der Zeit

Zwei Teenager erleben zwei verstörende Sommertage. Nach seiner Weltpremiere auf der Berlinale läuft das philosophische Drama "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot" nun auch regulär in den deutschen Kinos und wirft allerhand Fragen auf.
Szene aus "Mein Bruder heißt Robert..."
Elena und Robert kommen beim Lernen auf seltsame Ideen

Flirrende Sommerhitze, die Sonne brennt und die Grillen zirpen im Gras. Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot ist so ein Film, der nicht lange braucht, um sein Publikum in seiner sommerlichen Atmosphäre gefangen zu nehmen. An diesem Sommertag liegen zwei Jugendliche, Elena und Robert, in der Nähe einer Tankstelle auf der Wiese und pauken für die Abiturprüfung. Philosophie steht auf dem Plan und Robert will seiner kleinen Schwester Nachhilfe geben, was er sich mit Eis und kühlem Bier bezahlen lässt. Es beginnt ein Sinnieren über Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit, Leben und Tod. Zwischendurch kühlt man sich im See ab, bestaunt Grashüpfer und dann geht es auch schon weiter mit dem Kopfzerbrechen. Weil sich die beiden noch mitten in der Pubertät befinden, macht ihnen offenbar auch der Hormonstau zu schaffen und so kommt es zu einer verheerenden Wette: Elena soll ihre Unschuld verlieren. Wenn sie das bis zu ihrer Abiturprüfung schafft, bekommt sie von ihrem Bruder ein Auto geschenkt.

Fragen über Fragen 

Man kann dem neuen Werk von Philip Gröning, der für seinen letzten Film Die Frau des Polizisten in Venedig mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde, einen gewissen Reiz nicht absprechen. In seinem meditativ anmutenden Jugenddrama steht die Zeit offenbar still. Die Inszenierung schwankt zwischen poetischem Filmessay und verstörender Versuchsanordnung über eine leere jugendliche Existenz. Wie in Trance geben sich die beiden Hauptcharaktere ihren überbordenden Fragen hin. Wie war das doch gleich mit der Zeit und der Hoffnung? Wo stehen wir genau zwischen Zukunft und Vergangenheit?

Szene aus "Mein Bruder heißt Robert..."
Ein sommerlicher Transitraum

Heidegger und Augustinus sind die ständigen Wegbegleiter der beiden auf ihrer Suche nach dem Sinn des Lebens. Sein und Zeit sind hier die beiden wichtigsten Stichworte, wie auch jenes Werk von Martin Heidegger heißt. Nur 48 Stunden bleiben übrig, bis es von der Sommerwiese zurück ins Klassenzimmer zur bevorstehenden Prüfung geht. An dieser Stelle sei jedoch auf den großen Stolperstein hingewiesen, der diesen Film zu Fall bringt, nämlich die enorme Laufzeit von fast drei Stunden. Gröning schließt damit an seine bisherigen Werke an, die selten unter 120 Minuten lang gewesen sind. Das ließe sich mit dem sinnlich erlebbaren Lebensgefühl der Charaktere vereinbaren, wäre der Rest dieses Philosophie-Lehrstückes nicht so quälend sperrig geraten, für das es nach der Berlinale-Premiere so einige Buhrufe gab.  

Klischeehafter Zeitvertreib

Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot ist beeindruckend bebildert. Gröning filmt sich einmal quer durch die deutsche Wiesenflora und -fauna. Fährt durch das hohe Gras, taucht unter Wasser und lässt die Kamera auf kleinstes Krabbelgetier halten. Am faszinierendsten erscheint dabei die kleine Tankstelle, die hier beinahe zwischenweltlich in Szene gesetzt wird und als Transitraum fungiert, in dem sich die Figuren Ablenkung von ihren quälenden Gedanken verschaffen können und sich doch immer mehr in ihre eigene Welt hineinsteigern. Wenn sich tagsüber dann doch fremde Personen in diese Welt verirren, kommt es zu Konflikten und gewaltsamen Auseinandersetzungen. Nachts erstrahlt dieser Ort in gespenstischem roten Licht und kommt einem (alb)traumhaften Schauplatz eines David Lynch gleich. Hier wird es in der letzten Stunde des Films auch zur finalen Eskalation kommen, die noch so provozierend wirken kann, aber die Erzählung nur noch fragwürdiger wirken lässt, als sie ohnehin schon ist.

 

Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot
Krabbelgetier in Nahaufnahme

Gröning inszeniert keinesfalls hitzige Wortgefechte über Sein und Nicht-Sein. Nein, hier regieren Stillstand und leider oft genug Langeweile. Wenn man sich durch zwei Stunden monoton geflüsterte Fragestellungen gequält hat, bleiben verstörende, aber ebenso klischeehafte Konsequenzen. Die Teenanger, die sich ohne Hilfestellung und Anleitung den Kopf über die Welt zerbrechen, bis ihnen die Sinnlosigkeit des Daseins bewusst wird und sie durchdrehen. Die Langeweile vertreibt man sich mit sexuellen Experimenten und schließlich brutaler Gewalt, die hier am Ende ebenso überraschend wie sinnlos daherkommt. Ein beinahe klischeehaftes Jugendbild, das da gezeichnet wird und gleichzeitig erscheinen die beiden unsympathischen Hauptcharaktere zu sonderbar, als dass sie stellvertretend für ihre Generation stehen könnten. Das mag so gewollt sein und endet zugegebenermaßen auf einer gekonnt vieldeutigen Note, lässt aber zu viele Fragen offen, deren Beantwortung die Mühe wenig lohnt. Dafür schleicht sich die Langeweile zu oft in diesen wenig erkenntnisreichen Sommertag ein, der allerhand Sinnlichkeit, aber wenig Sinn bereithält.

Fazit

Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot ist angenehm andersartiges, stark bebildertes deutsches Nachdenk-Kino, das jedoch ebenso prätentiös wie verkopft geraten ist, um es bis zum Ende zu mögen.

 

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Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot

Regie: Philip Gröning

Kinostart: 22.11.2018 in ausgewählten Kinos

Laufzeit: 174 Minuten

FSK 16

Drehbuch: Philip Gröning und Sabine Timoteo

Cast: Julia Zange, Josef Mattes, Urs Jucker, Stefan Konarske und andere

Der Film feierte seine Weltpremiere im Rahmen der 68. Berlinale.