Literaturshow

Literarisches Schwarz-Rot-Gold

„Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ Nach wie vor scheint dieses inzwischen geflügelte Wort des deutschen Dichters Heinrich Heine Menschen in unserem Land zu bewegen – nicht zuletzt in der Literatur.
Die schlecht gemalte Deutschlandfahne
Die schlecht gemalte Deutschlandfahne

Keine Frage: Die Schriftstellerei ist eine zweischneidige Sache. Wer schreibt. hat einerseits die Möglichkeit, die eigenen Ideen in kunstvolle Geschichten zu verpacken – eine gewisse Art von Freiheit. Wer aber von diesem Handwerk leben will, muss sich andererseits auch Herausforderungen stellen. Vor allem gilt es etwa, die eigenen Werke Anderen schmackhaft zu machen, ein Publikum zu finden.

 

Der gesamte Beitrag zum Nachhören:

Ein Vorbericht von Frauke Siebels
Die schlecht gemalte Deutschlandfahne

Die beiden Schriftstellerinnen Isabelle Lehn und Rebecca Maria Salentin haben Erfahrung mit diesem Phänomen. Nachdem beide bereits mehrere eigene Bücher veröffentlicht haben, wurde sich nun ein gemeinsames Format überlegt.

Wir wollten etwas machen, was uns beiden auch ganz viel wert ist und sehr wichtig ist: Gute Literatur auf die Bühne zu bringen und mit Leuten zu sprechen, mit denen wir ohnehin gerne sprechen und über das zu sprechen, worüber wir eh am liebsten sprechen und das ist Literatur.

Isabelle Lehn, Schriftstellerin

Ein weites Feld, um es mit Thomas Manns Worten zu sagen. Deshalb haben die Literaturfreundinnen ihrem Projekt eine Überschrift gegeben. Ein Titel war in der Tat schnell gefunden, berichtet Rebecca Maria.

Der Anlass war ganz profan. Isabelle hat nämlich schwarze Haare, ich rote und eine Freundin blonde. Und wir saßen nebeneinander und dann habe ich gesagt: „Guck uns doch mal an; wir sehen aus wie eine schlecht gemalte Deutschlandfahne“.

Rebecca Maria Salentin, Schriftstellerin

Von Jux und Dollerei zur offiziellen Veranstaltung

Daraus haben die beiden etwas machen wollen. Und das taten sie. Endprodukt ist eine Literaturshow. Einmal im Monat laden die beiden Autorinnen eine Besuchsperson aus der Literaturszene ins Neue Schauspiel in Leipzig ein. Natürlich geht es dann um das schriftstellerische Werk, literarische Texte und darin verhandelte Themen. Das Format unterscheidet sich allerdings durchaus von einer klassischen Lesung. Gebürtig aus dem Rheinland, schätzen die Gastgeberinnen vor allem unterhaltende Momente. Neben der ernsthaften Auseinandersetzung mit Texten dürfe der Spaß an der Sache nicht zu kurz kommen. Durch Einbeziehen des Publikums soll die Veranstaltung interaktiv werden.

Angelehnt an die namensgebende Deutschlandfahne ist auch die Show in drei Teile gegliedert. Schwarz, Rot und Gold.

Block I: „Schwarz auf Weiß. Fakten, Fakten, Fakten“.

Die eingeladene Person, vorzugsweise ein Autor oder eine Autorin, wird vorgestellt. Unter die grundlegenden "Eckdaten" seiner Vita mischen die beiden Gastgeberinnen ein paar absurde Details. Außerdem verstecken sie unter die Fakten auch vereinzelte Fake-News. Das Publikum soll dann herausfinden, was denn nun Fakt und was Fiktion ist.

Block II: „Der Club der roten Lichter“

Da machen wir es ganz gemütlich und lassen uns vom Publikum einen Cocktail vorschlagen.

Rebecca Maria Salentin, Schriftstellerin

Die Personen aus dem Publikum, die entweder die Fake-News als solche erkennen oder mit ihrem Cocktail-Vorschlag die Besuchsperson am meisten überzeugen, gewinnen ein Buch. Auf der Bühne mixt Rebecca Maria den ausgewählten Drink und serviert ihn der Besuchsperson und ihrer Mitgastgeberin Isabelle. Im Anschluss an die Veranstaltung erhält auch das Publikum die Möglichkeit, das Getränk zu kosten. Gemeinsam unterhalten sich die drei über das Werk der eingeladenen Person.

Block III: "Reden ist Silber, Lesen ist Gold."

Nun folgt der klassische Leseteil, in dem der Showgast einen Textausschnitt aus seinem Werk präsentiert. In diesem Rahmen solle des die Möglichkeit geben, ihm oder ihr Fragen zu stellen. Die Gastgeberinnen prämieren eine sogenannte Frage des Abends. Wer sie stellt, gewinnt wieder ein Buch.

Fakten + Fusel + Fiktion = Fun?

Bei allem Augenzwinkern und spielerischen Elementen der Show, bleibt der Schwerpunkt auf der Literatur. „Die schlecht gemalte Deutschlandfahne“ ist dabei gleichermaßen Name und Programm. Trotz Plauderton soll eine gehaltvolle Unterhaltung zu Stande kommen. Sie soll aktuelle Themen aufgreifen, die Menschen, in diesem Land beschäftigen und in Augenschein nehmen, wie die junge Gegenwartsliteratur diese verarbeitet.

Als erster Gast wird der aus Bosnien und Herzegowina stammende Bestsellerautor Saša Stanišić einen Impuls geben, kündigt Isabelle Lehn an. Sie weist darauf hin, wie vielfältig das Oberthema der Show ist.

Mit Saša Stanišić haben wir jemanden, der seine migrantische Herkunft und Sprachfindungsgeschichte erzählt, jemand, der über Sprache als Kulturschock spricht.

Isabelle Lehn, Schriftstellerin

Die für die nächsten Showtermine eingeladenen Personen würden weitere Zugänge zu demselben Thema schaffen. Peggy Mädeler beispielsweise habe einen Roman mit historischen Anteilen über die deutsche Geschichte geschrieben. Bei dem Werk von Svenja Gräfen handele es sich um eine Auseinandersetzung mit Genderthemen. Wesentliches Anliegen der Show ist es laut Isabelle, der Verkürzung kultivierter Begriffe etwas entgegenzusetzen und zu sagen, was unsere Gegenwart hier und heute auch alles sein kann. Das zu erfahren, sollte nach Meinung der Showmasterinnen keineswegs einer ausgewählten Zielgruppe vorbehalten sein. Vielmehr wollen sie ein möglichst buntes Publikum ansprechen, sagt Rebecca Maria.

Unsere große Hoffnung ist auch, dass wir über dieses Format auch ein paar Leute rankriegen, die vielleicht sonst zu einer reinen Lesung nicht gehen würden; die sagen: „Das ist mir zu ernst, vielleicht auch ein bisschen zu langweilig.“

Rebecca Maria Salentin, Schriftstellerin

Ausnahmslos eingeladen

Das Publikum ist unmittelbar Teil der Show, indem es aufgerufen wird, sich selbst aktiv daran zu beteiligen. Etwaige Befürchtungen möchte Rebecca Maria entschieden ausräumen. Es sei wirklich jeder und jede Eingeladen. Niemand werde gewzungen mitzumachen. Willkommen seien auch alle, die nur zuschauen wollen.

Und soviel ist sicher: Wer der Show beiwohnt, bekommt die Chance, Schwarz-Rot-Gold mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Und vielleicht hat ja der eine oder die andere am Ende des Tages einen neuen Blick auf die Farben der Deutschlandfahne.

 

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Die erste Veranstaltung fand am 09.01.2019 im Neuen Schauspiel statt. Weitere Informationen und Folgetermine finden sich im Internet.

http://www.literaturport.de/Isabelle.Lehn/

http://www.rebecca-salentin.de/