Leitkultur-Debatte

Haben wir eine "Idee von Deutschland"?

Ist Mülltrennung typisch deutsch? In jedem Fall würden wir Menschen, die sonst nicht hier leben, erklären, dass man das bei uns so macht. Mülltrennung ist nur eine von vielen Selbstverständlichkeiten. Ergeben sie zusammen eine "Leitkultur"?
Professor Werner Patzelt spricht im MdbK über Leitkultur.

"Wer braucht eine Leitkultur?" war das Thema eines Vortrags, zu dem die Konrad-Adenauer-Stiftung am Abend des 6.11. 2018 in das Museum der bildenden Künste in Leipzig einlud. Als Referent sprach der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt im gut gefüllten Foyer vor überwiegend betagtem Publikum.

Ausgangspunkt Patzelts war dabei die Überlegung, dass Selbstverständlichkeiten und Regeln das Zusammenleben unserer Gesellschaft ermöglichen. Diese sollten über die Sprache und das Grundgesetz hinausgehen. Dabei bezog er sich auf Charles de Gaulles, der eine "Idee von Frankreich" gehabt habe, die eben Geschichte, Literatur und typisch französische Besonderheiten umfasse. Genau so ließe sich das Konzept der Leitkultur verstehen, welches dann Ergebnis einer gesellschaftlichen Diskussion um die Frage "was zu uns gehört und was nicht" sei.

Die schönste implizite Definition zu Leitkultur hat Charles de Gaulle am Anfang seiner Memoiren gegeben. Da schreibt er, er habe immer eine Idee von Frankreich gehabt, die ihn genauso geleitet habe wie die Vernunft. Und zu dieser Idee von Frankreich gehörte für ihn natürlich auch französische Literatur, französische Musik, genauso wie die französische Geschichte, genau wie jene Selbstverständlichkeiten, die Frankreich so liebenswert machen.

Werner Patzelt, Politikwissenschaftler

Leitkultur als Teil einer Integrationspolitik

Patzelt bezog im Vortrag das Konzept der Leitkultur klar auf die Integration von Zugewanderten. Zwar sei nicht zu bezweifeln, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei; eine Leitkultur könne aber besonders Migrantinnen und Migranten ermöglichen, sich hier efolgreich in die Gesellschaft zu integrieren. Eine Leit- oder Rahmenkultur vesteht Patzelt, selbst bekennendes CDU-Mitglied, dabei als Gegenstück zu einer behaupteten, von linker und liberaler Seite betriebenen 'Multikulti-Politik', die sich auf die Rechtstreue und die deutsche Sprache beschränke.

Konkret gehöre zu deutscher Leitkultur, neben der Sprache und der demokratischen und rechtlichen Ordnung, Lehren aus der Geschichte, Gleichberechtigung von Frau und Mann und die Trennung von Religion und Staat. Damit richte sich Leitkultur eben auch nach innen. Die Debatte solle zudem die Frage, was deutsch sei, nicht den Rechten überlassen. 

Zur Leitkultur gehört praktizierter Pluralismus. Zur Leitkultur dieses Landes gehört das Recht auf Anderssein. Vom Aussehen her, von den Sitten und Gebräuchen und von den politischen Einstellungen her. Und zur Leitkultur gehört, dass man Streit friedlich austrägt.

Werner Patzelt

Eine Debatte ohne Mehrwert?

Damit blieb das Konzept einer Leitkultur dennoch recht diffus, wobei Patzelts Anliegen zunächst auch war, eine Annahme einer solchen Leitkultur argumentativ zu untermauern. Dennoch bleibt fraglich, wie und welche Selbstverständlichkeiten im Alltag eines großen, pluralen Landes tatsächlich zu einer Leitkultur zählen sollten. In der Diskussionsrunde wurde dann auch angemerkt, dass schon die Leitkulturdebatte in den 2000er Jahren keinen bleibenden Mehrwert brachte. Vielmehr bestehe immer die Gefahr, dass sich einzelne berufen fühlen, selbst festzulegen, was nun deutsch sei und anderes zu sanktionieren. 

Werner Patzelt stand selbst schon mehrfach in der Kritik, Pegida und rechtspopulistische Positionen zu verteidigen. Den Vortrag zu Leitkultur stellt er dann auch unter die Vorzeichen einer scheinbaren Bedrohung unserer Kultur durch Migration. Diese werde von einer überwiegend linken Elite mitunter sogar begrüßt, die eine deutsche Kultur nach der Erfahrung des Nazi-Regimes für nicht existent oder nicht förderungswürdig betrachteten. Solche Pauschalisierungen scheinen im Angesicht einer CDU geführten Bundes- wie Landesregierung kaum berechtigt.

 

Der gesamte Beitrag zum Nachhören:

Moderator Til Schäbitz im Gespräch mit Anton Walsch über den Vortrag zur Leitkultur.
0711_SG_Leitkultur

 

 

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Anton Walsch
08.11.2018 - 11:16