Rotes Sofa: Tanja Maljartschuk

Gemeinsames Vergessen

Geschichte lohnt sich, auch wenn es manchmal weh tut. Tanja Maljartschuk erzählt von der Wiederentdeckung eines ukrainischen Vordenkers und von der zerissenen Vergangenheit ihres Landes. Auf dem roten Sofa spricht sie über ihr neues Buch.
Levin Schwarzkopf im Gespräch mit Autorin Tanja Maljartschuk

Rezension:

Lewin Schwarzkopfs Rezension zu "Der Blauwal der Erinnerung".
Blauwal Rezi

Das Gespräch zum Nachhören findet ihr hier:

Spätestens seit Juli letzten Jahres ist Tanja Maljartschuk in der Literaturwelt ein Begriff. Die ukrainische Schriftstellerin, die seit Langem in Wien lebt, hat den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Jetzt wurde ihr Roman „Blauwal der Erinnerung“ erstmals ins Deutsche übersetzt. 2016 ist er auf Ukrainisch unter dem Titel „Vergessenheit“ erschienen.

Eine faszinierende Figur

Gedenktafel mit dem Portrait von Wjatscheslaw Lypynskyj in seinem Heimatdorf Saturzi
Gedenktafel mit dem Portrait von Wjatscheslaw Lypynskyj in seinem Heimatdorf Saturzi

Die Autorin erzählt zwei Geschichten parallel: Die erste handelt von einer Schriftstellerin in der Ukraine von heute. Sie erforscht das Leben eines ukrainischen Patrioten Anfang des 20. Jahrhunderts, dessen Leben zum zweiten Erzählstrang des Romans wird: Wjatscheslaw Lypynskyj. In seiner Zeit ist an eine unabhängige Ukraine nicht zu denken. Lypynskyj, Sohn polnischer Landadeliger, ist fasziniert von der ukrainischen Sprache, die alle nur als bäuerlichen Dialekt bezeichnen. Er, der eigentlich Agrarwissenschaften studiert, taucht ein in die Geschichte der Ukraine. Als wortgewandter Intellektueller kämpft er sein Leben lang vergeblich für die Unabhängigkeit des seit Langem fremdbestimmten Landes.

Ein Blauwal, der alles verschlingt

Die Protagonistin sammelt akribisch immer mehr Details aus Lypypnskyjs Leben. Das Vergessen ist dabei ihr mächtigster Gegner. Wie ein Blauwal saugt es unzählige Lebensgeschichten ein. Das Handeln der Menschen, ihre Visionen, ihre Leiden sind in diesem Bild nichts anderes als winzige Plankton-Stückchen.

Der Wal lebt in seiner eigenen Walumgebung, die absolut und unveränderlich ist, in der es keine Notwenigkeit gibt, nachzudenken oder sich an etwas zu erinnern. Das Erinnern ist mein Luxus.

aus "Blauwal der Erinnerung"

Geschichte als Therapie

Die Beschäftigung mit ihm und mit der Geschichte ihres Landes ist für die Erzählerin auch eine Flucht. Immer wiederkehrende Panikattacken machen ihr ein normales Leben zunehmend unmöglich. Mit der Zeit entdeckt sie Gemeinsamkeiten zwischen sich und Lypynskyj. Wo seine Geschichte endet, nämlich 1931, knüpft die Erinnerung ihrer Großeltern an. Sie haben sowjetische Enteignungen erlebt, haben die grauenvolle Hungerkatastrophe "Holodomor" und den Zweiten Weltkrieg überstanden. Die Erzählerin deckt in ihrer und in Lypynskyjs Geschichte immer mehr Facetten der ukrainischen Geschichte auf. Dabei stößt sie oft auf eine verfehlte Aufarbeitung der Vergangenheit.

Hochaktuell

Die Schriftstellerin Tanja Maljartschuk 2016
Die Schriftstellerin Tanja Maljartschuk 2016

Tanja Maljartschuk schreibt neben Romanen auch Essays und Kolumnen, unter anderem für die ZEIT. Sie äußert sich immer wieder zum andauernden Krieg in der Ukraine, der hierzulande weitestgehend von der Bildfläche verschwunden ist. Zur diesjährigen Leipziger Buchmesse war sie auf dem roten Sofa von mephisto 97.6 zu Gast. Levin Schwarzkopf hat mit ihr über ukrainische Geschichte und Gegenwart, das Schreiben in zwei Sprachen und natürlich über „Blauwal der Erinnerung“ gesprochen.

 

 

 

 

 

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Tanja Maljartschuk wurde 1983 in Iwano-Frankiwsk im Westen der Ukraine geboren. Sie studierte Philologie an der dortigen Universität der Vorkarpaten. Nach einigen Jahren als Journalistin in Kiew zog sie 2011 nach Wien, wo sie seitdem lebt. Sie schreibt auf Ukrainisch und Deutsch. 2018 gewann sie mit dem Text "Frösche im Meer" den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Links:

Die Autorin auf der Website des Verlags Kiepenheuer & Witsch.

Tanja Maljartschuks Essays in der Rubrik "Freitext" auf ZEIT Online.

Videos: Maljartschuks Lesung beim Bachmannpreis in Klagenfurt und Jurydiskussion.

Für alle, die es nochmal etwas genauer wissen wollen: Ein Überblick über die Geschichte der Ukraine von der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB).