Rotes Sofa: Peggy Mädler

Niemand stirbt für sich allein

Peggy Mädler erzählt in Ihrem Buch „Wohin wir gehen“ von Menschenleben, die durch die Mitmenschen geprägt werden. Doch egal wie eng Freunde zusammenstehen, am Ende bringt die Geschichte sie auseinander.
Janek Kronsteiner im Gespräch mit Autorin Peggy Mädler

Das Gespräch zum Nachhören findet hier:

Peggy Mädlers zweiter Roman „Wohin wir gehen“ dreht sich um zwei Familien, die ursprünglich aus der Tschechoslowakei stammen. Almut Horak ist Tschechin und ist nach der Annexion des Landstrichs durch die die Nazis plötzlich Feindbild ihrer Deutschen Mitmenschen. Rosa Heiser ist deutsche und Tochter bekennender Kommunisten.

Ihre gemeinsame Geschichte, beginnt schon im Kreissaal, weil sich ihrer Mütter im Krankenhaus ein Zimmer teilen. Am Tag, an dem Rosa zur Welt kommt, verliert Almuts Mutter ihr erstes Kind durch eine Fehlgeburt. Den Tod verarbeitet sie nie. Nach Kriegsende und Verlust ihres Mannes begeht Almuts Mutter Selbstmord.

Hoffnung des jungen Sozialismus

Almut findet eine neue Familie. Die Mutter von Rosa adoptiert sie und flieht nach Kriegsende in die sowjetbesetzte Zone Deutschlands. Die bekennenden Kommunisten sind zu dieser Zeit vom Siegeszug des Systems überzeugt. Und so blühen auch die beiden Mädchen in den ersten Jahren nach dem Krieg auf.

Im Ostdeutschen Dorf Kirchmöser betätigen sich Rosa und Almut schon jung im Kulturbeirat. Ihr Traum ist es, das Theaterstück Antigone auf die Bühne zu bringen.

Wie wäre es denn wenn alle zusammen den Chor übernähmen, und jeder dazu dann noch jeweils eine Figur? […] Alle Figuren treten überhaupt erst aus diesem Chor hervor, und anstatt von der Bühne abzugehen, kehren sie allesamt wieder dahin zurück. […] Wäre das nicht schön? Der Tod ist kein Endpunkt mehr!

 

Wohin wir gehen, S. 118

Doch die anerzogenen Sozialisten sind bald vom Pragmatismus der DDR ernüchtert. Noch als junge Erwachsene gehen die Freundinnen jeden Weg gemeinsam. Doch Anfang dreißig trifft Rosa eine Entscheidung, die Almut auch ihre zweite Familie kostet.

Die Mutter vererbt ein Trauma

Parallel wird eine Geschichte über zwei Künstlerinnen in der Jetzt-Zeit erzählt. Es stellt sich heraus, dass die eine Protagonistin Elli die Tochter von Almut ist. Die Verbindung bleibt wage, auch weil die Ehe, aus der Almuths Tochter entspringt, nur flüchtig erzählt wird. Der Fokus liegt auf den Freundschaften der Mädchen. Und hier werden einige Parallelen zwischen den Krisenzeiten im 20. Jahrhundert und der Jetzt-Zeit gezogen. Weniger mit Blick aufs große Ganze, mehr psychologisierend im Verhalten der Freundinnen.

Ihre Biografien hangeln sich an den Wohnorten der Protagonisten entlang. Nach eben diesen Orten sind auch die Kapitel im Buch benannt. Es ist als würde man Menschen quer über die Landkarte folgen - ohne, dass sie jemals ankommen.

Eine kleine deutsche Geschichte

„Wohin wir gehen“ nimmt sich für die einzelnen Abschnitte nicht viel Zeit. Auf 220 Seiten rennt die Geschichte vom ersten Weltkrieg in die Jetzt-Zeit. Die Handlung hätte gut und gerne doppelt so viel Platz brauchen können. Vor Allem, weil hier einige Biografien ineinandergreifen, sodass man aufmerksam auf die Namen der Personen achten muss. Der Editor hätte sicher weniger streichen können. Gerade, weil der kurzweilige Stil von Peggy Mädler auch schwere Emotionen präzise vermittelt.

 

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Dr. Peggy Mädler ist in Dresden geboren und arbeitet als Dramaturgin und Autorin. „Wohin wir gehen“ ist ihr zweiter Roman. Er ist bei Galiani Berlin erschienen und kostet 20 Euro.