Rotes Sofa: Maxim Leo

Auf einmal Teil einer besonderen Familie

Was wissen Sie eigentlich von Ihren Vorfahren? Wer sie waren? Wo sie gelebt haben? Welche Geschichte sie umgibt? Maxim Leo hatte keine Ahnung, dass er Teil einer Großfamilie ist, bis ihm seine Mutter die ganz besondere Geschichte erzählte.
Maxim Leo auf der Buchmesse 2019
Maxim Leo im Interview

Das Gespräch zum Nachhören findet ihr hier:

Hilde, Ilse und Nina. Drei Frauen, die in den Dreißigern aus Berlin flüchten müssen. Drei Frauen, die verschiedener nicht sein könnten. Ilse, die ein französisches Internierungslager überlebt und dann nach Wien zieht. Nina, die relativ früh beschließt, nach Palästina zu gehen und sich mit ihrem Mann eine Existenz aufzubauen. Und Hilde, die ein schillerndes Leben als Schauspielerin lebt, wie man es in Babylon Berlin gezeigt bekommt. Sie heiratet einen Neurologen und bekommt einen Sohn. Sie werden zusammen nach Paris und dann nach England gehen.

Sie taucht ein in die wilde, aufregende Stadt, die nach Alkohol, Parfüm und Rum duftet. Sie taucht ein in die schummrige Welt der Künstler und Komparsen, der Magier, Tänzer und Feuerspucker. Sie sieht klassische Stücke im Deutschen Theater und in der Volksbühne und leichte Stücke in den Kabaretttheatern rund um die Friedrichsstraße.

"Wo wir zuhause sind. Die Geschichte meiner verschwundenen Familie"

Mit diesen drei Frauen aus der Generation seiner Großeltern beginnt Maxim Leos Buch "Wo wir zuhause sind. Die Geschichte meiner verschwundenen Familie". Alle drei werden nicht mehr nach Deutschland zurückkehren. Dafür aber ihre Enkel und Kinder. Hildes Sohn André zum Beispiel, der mit Mitte 80 beschließt, die Deutsche Staatsbürgerschaft wieder annehmen zu wollen.

Er erzählt, er sei erst vor einigen Tagen zur Deutschen Botschaft in London gegangen, um einen deutschen Reisepass zu beantragen. Er war nervös, weil er nicht wusste, wie die Beamten reagieren, wenn er 80 Jahre nach seiner Ausreise aus Deutschland seine Staatsbürgerschaft wieder haben will.

Wo wir zuhause sind. Die Geschichte meiner verschwundenen Familie.

Maxim Leos Buch erschien als Sachbuch. Beim Lesen hat man allerdings eher den Eindruck in einem historisch angehauchten Roman gefangen zu sein - und das im positiven Sinne. Das Buch schafft mühelos den Spagat zwischen teilweise bedrückenden, aber auch humorvollen Rückblicken und dem Gefühl bei Maxim Leo am Esstisch zu sitzen und sich von ihm die Geschichten selbst erzählen zu lassen.

Der Spagat gelingt

Durch Gespräche mit Kindern und Kindeskindern und Einblicke in persönliche Gegenstände entsteht ein detailgetreues Portrait der einzelnen Personen. Diese sind manchmal fast zu beeindruckend, um echt zu sein. So ist da zum Beispiel Leos Urgroßvater Wilhelm, der als Rechtsanwalt arbeitet und im November 1927 einem besonders gefährlichen Nazi als Gegner hat.

Es handelt sich um Joseph Goebbels, der zur Zeit des Prozesses noch ein recht unbekannter rechtsextremer Agitator war. In seinen Reden behauptete Goebbels damals, er sei im Jahre 1920 als Deutscher Patriot im Keller der französischen Kommandantur im besetzten Köln gefoltert worden. [...] Goebbels nannte den Namen eines französischen Generals, der angeblich Folterungen befohlen habe.

Wo wir zuhause sind. Die Geschichte meiner verschwundenen Familie.

Leo schreibt schon zu Beginn des Buches, er hätte sich immer eine große Familie gewünscht. Ein Wunsch, der ihm schließlich erfüllt wurde. Das merkt man auch in seinem Buch. Mit viel Mitgefühl, aber ohne Kitsch und künstliches Drama, erzählt er die ganz besondere Geschichte seiner Familie. Die derer, die nur noch in der Erinnerung ihrer Hinterbliebenen leben und die einer Großfamilie, die bei großen Ereignissen jetzt wieder zusammenkommt und sich über alte Zeiten unterhält.

 

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Maxim Leo: "Wo wir zuhause sind. Die Geschichte meiner verschwundenen Familie"

Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 22 Euro

ISBN: 9783462050813