Rotes Sofa: Lars Fiske

„Surviving up to the next Holocaust“

George Grosz war einer der bekanntesten Karikaturisten der Weimarer Republik, konnte den Nazis knapp entkommen und lehrte schließlich Kunst in New York City. Seine turbulente Biographie ist nun Thema einer Graphic Novel.
Redakteur Max Enderling im Gespräch mit Autor Lars Fiske.
Redakteur Max Enderling im Gespräch mit Autor Lars Fiske.

Comiczeichner Lars Fiske hat scheinbar ein Ding für prominente, verstorbene Kollegen. Erst zeichnete er das Leben des norwegischen Malers, Grafikers und Karikaturisten Olaf Gulbransson, es folgte ein Band über den mit seinem „Merzbau“ zu einiger Bekanntheit gekommenen Kurt Schwitters und nun blickt er also unter dem simplen Titel „Grosz“ auf das Leben des gleichnamigen Künstlers. Gemeinsamkeiten zwischen Fiskes Protagonisten sind schnell gefunden, etwa die Arbeiten für die Satirezeitschrift Simplicissimus oder die Nähe zur Dada-Bewegung. Auch Lars Fiske selbst teilt stilistisch einiges mit ihnen. Bei näherem Anschauen wird klar, dass sie Vorreiter jener Kunstform sind, in der er sich heute visuell ausdrückt – vielleicht sogar seine Vorbilder. Beim portraitierten George Grosz in seiner neusten Graphic Novel etwa eröffnet sich damit eine faszinierende Metaebene: Ein Zeichner, der einen anderen Zeichner zeichnet, welcher ihn zeichnerisch geprägt hat… bezeichnender könnte man es kaum herunterdampfen. Fiske behält als letzte Instanz in diesem Modell dabei glücklicherweise die Zügel in der Hand.

Optisch gewagt

George Grosz (Mitte) sucht seinen Weg durch die Wirren seiner Zeit.
George Grosz (Mitte) sucht seinen Weg durch die Wirren seiner Zeit.

George Grosz‘ Einflüsse, von Neuer Sachlichkeit über Dada bis hin zum Futurismus, werden von Fiske spielerisch angewandt. Sie wirken nicht wie trocken aus dem Lehrbuch zu Papier gebracht, sondern wie eine freie visuelle Gestaltung nach ausführlicher Beschäftigung mit dem Werk des Künstlers. Das Chaos der Zwanziger und Dreißiger Jahre spricht aus den Zeichnungen, die Gestalten und Perspektiven sind verworren, verzerrt und verlieren sich ineinander. George Grosz selbst wird als unästhetischer Lustmolch dargestellt. Trotzdem wird er zu einer Art Lichtblick, wenn er sich weiß vom sonst vergilbten Hintergrund absetzt. Grosz als hedonistischer Anti-Held, Grosz als rotziger Kritiker des Nationalismus, Grosz als desperater Freigeist. Beinahe gänzlich ohne wörtlichen Dialog in den Comicpanels zu verwenden schafft es Lars Fiske, allein durch die Bildsprache eine vielschichtige Persönlichkeit zu vermitteln.

Ein Händchen für die Tragik

Fiske zeigt seinen Protagonisten nicht gröszer, als er war, im Gegenteil: die Jämmerlichkeit dessen Existenz und die Hilflosigkeit gegenüber der Gesellschaft und ihrer Einflüsse werden fast deutlicher, als die Relevanz Grosz‘ Vermächtnisses. Das mag zwar nicht für Feel-Good-Charakter sorgen, lässt einen jedoch mit anerkennendem Nicken zurück… und angesichts des nonchalant rauchenden Gevatters Tod im letzten Comicpanel vielleicht sogar mit einem morbiden Schmunzeln.

Auf der Leipziger Buchmesse 2019 war der Autor Lars Fiske auf unserem Roten Sofa zu Gast. Mit unserem Redakteur Max Enderling spricht er über sein neues Buch "GROSZ":

 

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Maximilian Enderling
25.03.2019 - 15:28
  Kultur

GROSZ ist Februar 2019 im Avant-Verlag erschienen. Für 25 Euro sind die 80 Seiten im Hardcover erhältlich.

Die am Rande erwähnten Bände Kurt Schwitters: Jetzt nenne ich mich selbst Merz. Herr Merz und Olaf G. Auf den Spuren Olaf Gulbranssons finden sich ebenfalls im Sortiment von Avant.