Rotes Sofa: Alex Rühle

Auf der Jagd nach den Träumen

Was würdet Ihr tun, wenn Ihr in die Träume anderer Menschen eindringen könntet? Um die ungeheure Wichtigkeit und die Gefahren des Träumens geht es in Alex Rühle´s neuem Jugendroman "Traumspringer".
Johannes Bundemann im Gespräch mit Autor Alex Rühle

Das Gespräch zum Nachhören findet ihr hier:

Eigentlich ist Leon ein ganz normaler Junge. Er geht zur Schule, trifft sich mit Freunden und ist heimlich in eine seiner Klassenkameradinnen verschossen. Als er aber eines Tages im Zoo den eigenartigen Morpheus trifft, ändert sich sein Leben schlagartig. Wie sich herausstellt ist Leon ein Traumspringer, der nachts seinen Körper verlässt und in die Träume anderer Menschen eindringen kann. Noch ehe er Zeit hat, sie ausreichend zu erproben, wird seine neue Fähigkeit bereits auf die Probe gestellt. Überall verschwinden plötzlich Menschen und eine unbekannte Macht schickt sich an, die Kraft der Träume anzuzapfen und damit die gesamte Traumwelt zu verwüsten. Gemeinsam mit Morpheus, dem Hüter der Träume und zwei seiner Mitschüler setzt Leon alles daran, die Welt des Schlafes zu retten. Doch wessen Träume bieten ihm die Antworten, die er sucht? Wie kämpft man gegen einen unsichtbaren, schier übermächtigen Feind? Und was hat dieses seltsame, neue Spiel mit all dem zu tun?

Einfache Figuren

Trotz des zunehmenden Einflusses der Traumwelt auf Leons Umfeld bleiben die Figuren und ihre Entscheidungen glaubhaft und konsistent. Besonders Leon wächst an seinen Aufgaben und wird vom zurückhaltenden Tagträumer mehr und mehr zu einem taffen Abenteurer. Die anderen Figuren in Leons Leben sind bis auf wenige Ausnahmen hingegen weniger vielschichtig. Insbesondere Leons Familie und Freunde bestehen aus bekannten Archetypen. Oft halten sie auch nur als Hindernis oder als Mittel, die Handlung voranzubringen her. In den meisten Fällen, ist das allerdings kein Problem, da die betreffenden Personen im Verlauf der Handlung immer seltener vorkommen und nicht viel Raum einnehmen.

Der einzige Fall, in dem eine tiefergehende Entwicklung des Charakters merklich fehlt ist der des Antagonisten Krato. Neben ein paar Kurzauftritten im Verlauf des Buches, tritt dieser persönlich nur am Ende in Erscheinung und entpuppt sich leider als flacher Klischeebösewicht. Das ist schade, denn besonders in Hinsicht auf die komplexeren Nebenfiguren, deren Motive zuweilen angenehm schleierhaft  und nicht zu offensichtlich sind. So fühlt sich Krato noch mehr wie eine verpasste Chance für einen nuancierten, vielschichtigen Antagonisten an, mit dem man  vielleicht sogar hätte sympathisieren können.

Traumwelt

Die Welt, die Rühle erschafft ist so bodenständig wie fantastisch. Dabei schreckt er auch nicht vor den mondänen Aspekten im Leben seines Protagonisten zurück. Gekonnt kombiniert er die Sorgen und Nöte der Pubertät auf angenehm ungezwungene Weise mit genretypischen Fantasyelementen. Durch einen logischen, nachvollziehbar erklärten Aufbau und bildhafte Beschreibungen hat man den Eindruck, die Welt auch nach einem flüchtigen Eindruck zu verstehen. Durch die Verwendung beliebter und eigens erdachter Mythologie kommt einem die Welt der Träume seltsam bekannt vor. Dies macht sie nicht nur glaubhafter, sondern zeigt dadurch auch, wie Träume etwas Allumfassendes und Wichtiges sind, eine der Hauptbotschaften des Werkes.

Fazit

"Traumspringer" ist ein guter Fantasyroman für jüngere Teenager. Mit einigem Witz und einer nicht zu komplizierten Mythologie lässt Alex Rühle seine Welt lebendig werden. Das Traumreich ist magisch, fantasievoll und liebevoll gestaltet, darüber hinaus aber nicht sonderlich komplex. Die wichtigsten Figuren sind gut geschrieben, vollführen eine Entwicklung und sind für einen Jugendroman angenehm vielschichtig. Der Protagonist ist als in sich gekehrter Tagträumer nachvollziehbar und konsequent, wächst aber im Verlauf der Geschichte auch an seinen Aufgaben. Nebenfiguren kommen dabei jedoch leider etwas zu kurz und wirken oft zu flach, was leider auch auf den Bösewicht zutrifft, doch durch eine ganze Reihe spannender Wendungen, die Leon an immer neue, zunehmend gefährliche Schauplätze führt, nimmt die Handlung gerade im letzten Drittel nochmal gehörig an Fahrt auf. Alles in allem ist "Traumspringer" eine spannende, kurzweilige Geschichte und für Heranwachsende ein empfehlenswerter Einstieg in die Welt der Urban Fantasy-Romane. 

 

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Über den Autor:

Alex Rühle wurde 1969 in München geboren. Er studierte Französisch, Theologie, Philosophie, sowie angewandte und vergleichende Literaturwissenschaft. Seit 2001 ist er als Journalist bei der Süddeutschen Zeitung tätig.

Im Jahr 2010 veröffentlichte er sein erstes Buch "Ohne Netz - Mein halbes Jahr offline".