Filmkritik

Leaving Neverland: MJs Schatten

Es ist einer der kontroversesten Filme der vergangenen Jahre: Der Dokumentarfilm "Leaving Neverland" enthüllt den vermeintlichen Missbrauchsskandal um Michael Jackson und auch nach der deutschen Premiere reißen die Diskussionen nicht ab.
Szene aus "Leaving Neverland"
Michael Jackson mit dem kleinen Wade Robson

Der folgende Beitrag enthält explizite Beschreibungen sexuellen Handelns an Kindern. Die letzte Warnung, die das Fernsehpublikum kaum davon abgehalten haben dürfte, sich auf diesen Abend einzulassen. Zu groß war die Neugierde, was denn jetzt wirklich dran ist am großen Skandal, der seit Januar 2019 das Vermächtnis des "King of Pop" Michael Jackson in sich zusammenfallen lässt. Bei der Weltpremiere beim Sundance-Festival in Utah sorgte Leaving Neverland für entsetzte Reaktionen, nach dem Screening seien sogar Psychotherapeuten in der Lobby des Kinos anwesend gewesen für Menschen, die das Gezeigte nicht verkraften konnten.

Die Folge waren Todesdrohungen gegen den Regisseur Dan Reed, nach der Erstausstrahlung im amerikanischen Fernsehen kochten die Diskussionen um diesen Film regelrecht über. Natürlich war der Skandal dann auch in Deutschland perfekt, als der Privatsender ProSieben verkündete, den Film an einem Samstagabend zur Hauptsendezeit auszustrahlen. Die (dennoch durchaus guten) Quoten bleiben an diesem Abend mit rund einer Million Zuschauenden vielleicht etwas hinter den Erwartungen zurück, doch die Lehren und Fragen, die man aus ihm ziehen kann, sind enorm.

Neue alte Vorwürfe

In Leaving Neverland berichten Wade Robson und James Safechuck, wie sie im Kindesalter mit Michael Jackson in Kontakt kamen. Safechuck drehte im Alter von 10 Jahren ein Werbevideo mit dem King of Pop, während Robson bei einem Tanzwettbewerb ein Meet & Greet mit ihm gewann. Dass Jackson Merkmale des sogenannten Peter Pan - Syndroms aufwies und als schrille Kunstfigur vermutlich irgendwo in einem kindlichen Stadium hängen blieb, ist allgemein bekannt. Wie er immer häufiger Kinder um sich scharte und sich mit ihnen anfreundete, sorgte vermehrt für misstrauische Blicke. Doch wir erleben in diesem Dokumentarfilm zunächst ein Lehrstück über Ruhm und dessen Missbrauch.

Szene aus "Leaving Neverland"
Ein Familienportrait?

Wir sehen Michael Jackson als einen perfiden Verführer und Manipulator, der die Familien der beiden Jungen an sich bindet, ihnen Geschenke macht, sie zu sich nach Hause einlädt. Und wir sehen umgekehrt, welche enorme Wirkung der Popstar auf die Familien der Kinder gehabt haben muss und wie Glanz und Glamour zu fragwürdigen Entscheidungen führen. Besonders die Mütter sorgen hier für Fassungslosigkeit, die ihren Kindern erlaubt haben, bei ihrem Idol, einem fremden Mann, im Bett zu schlafen. Umgekehrt wirkt die Faszination dieses glamourösen Alltags erschreckend nachvollziehbar, wenn man plötzlich in das Leben eines Stars solchen Ranges eintauchen darf. Jackson unternimmt mit den Kindern Ausflüge, Reisen, macht sie emotional abhängig.

In Paris zeigte er mir das Masturbieren. So fing alles an.

Über sieben Jahre hinweg soll Michael Jackson die beiden Jungen schließlich sexuell missbraucht haben. Robson und Safechuck schildern die vermeintlichen Vorfälle minutiös, detailliert, vier Stunden lang. Nach Jahren brechen die beiden Männer das Schweigen, obwohl Wade Robson Anfang der 2000er noch für Jackson vor Gericht aussagte, er habe ihn nie missbraucht.

Ein Film über das Kino

Leaving Neverland ist der wohl wichtigste und prägendste Dokumentarfilm seit Joshua Oppenheimers The Act of Killing, in dem der Regisseur ehemalige Mörder ihre Taten nacherzählen und schließlich re-inszenieren ließ. Auch wenn der grundlegende inhaltliche Gegenstand nicht vergleichbar ist, sind doch beide Filme wichtige Auseinandersetzungen mit der Frage, was Kino in solchen heiklen Angelegenheiten überhaupt leisten darf, kann und sollte.

Szene aus "Leaving Neverland"
Wade Robson im Interview

Beide wurden für ihre vermeintliche Einseitigkeit kritisiert, dabei muss ein Film weder didaktisch sein, noch muss er irgendwelchen Ansprüchen genügen und schon gar nicht muss es sich um einen journalistischen Beitrag handeln. Tatsächlich kommt in Leaving Neverland die Gegenseite nicht zu Wort, wir hören nur die Aussagen der Opfer.

Wenn das die Vision des Regisseurs war, seinen Protagonisten diese alleinige Bühne zu geben, so ist das zu respektieren. Kritik üben kann man höchstens daran, dass es, wenn die Jackson-Anhänger in den letzten Minuten dann doch kurz ihre Stimme erheben dürfen, bei bloßer Hysterie bleibt. Heiß diskutiert wird natürlich der Wahrheitsgehalt der Geschichten mit Beweisen und Gegenbeweisen auf beiden Seiten, während einige Fehler in der Erzählung bereits korrigiert wurden. Was die beiden Männer hier detailliert schildern, ist jedoch in Kombination mit den Archivaufnahmen und -fotos so bizarr, so verstörend und innerhalb der Dramaturgie so schlüssig und glaubhaft, dass man sich schwer vorstellen kann, dass hier alles gelogen sein soll. Es kann ausreichen, wenn ein Film Anstöße zur Diskussion liefert. Der eigentliche Dialog, die Stellungnahme dazu muss außerhalb des Kinos stattfinden!

Ein TV-Gericht?

Offiziell galt der Fall als gelöst. Im Zweifel für den Angeklagten. Tritt nun die Kunst an die Stelle der Justiz? Leaving Neverland ist ein Opferbericht. Weder eine Gerichtsverhandlung noch die Hinrichtung eines Verstorbenen. Stattdessen handelt es sich um eine sehr sensible Annäherung an das Thema des sexuellen Missbrauchs, die auch dem Angeklagten eine gewisse Würde lässt, indem sich hier niemand zu irgendwelchen Erklärungsversuchen hinreißen lässt, warum Jackson diese Taten begangen haben soll.

Szene aus "Leaving Neverland"
Schrecken auf Neverland

Selbstverständlich ist Leaving Neverland auch eine Parabel über die Macht der Medien geworden, die zu einer regelrechten Hexenjagd und dem Untergang einer Person führen können, ohne an dieser Stelle zu beurteilen, ob dies berechtigt ist oder nicht. Diese Auseinandersetzung, dieser Dialog ist jedoch nicht möglich, wenn haufenweise User in den sozialen Netzwerken herausposaunen, sie würden diesen Film gar nicht erst schauen, weil er nur darauf abzielen würde, den Ruf des King of Pop zu ruinieren.

Egal, ob die Vorwürfe stimmen oder nicht: Dass die Opfer erst jetzt nach dem Tod Jacksons aussagen, ist psychologisch absolut nachvollziehbar und erklärbar. Was sich tatsächlich zugetragen hat, wird niemals jemand erfahren und das macht diesen Film so spannend und diskussionswürdig. Leaving Neverland ist eine medienkulturelle Zäsur, die die Diskussion um Fake News, das Kino und vor allem Diskussionen um sexuellen Missbrauch, Diskriminierung und das Ausnutzen der eigenen Macht so kompromisslos auf den Punkt bringt, wie es keinem anderen Film in den vergangenen Jahren gelungen ist.

Ein Vermächtnis

Darf man nun noch die Musik von Michael Jackson hören? Natürlich! Am Ende ist es doch so wie mit Kantorowiczs berühmten Zwei Körpern des Königs: Die Privatperson Michael Jackson ist nach diesem Film dekonstruiert und wird vermutlich nie wieder mit anderen Augen gesehen werden können, egal ob seine vermeintlichen Taten wahr sind oder nicht. Die öffentliche Kunstfigur Michael Jackson mit seinem musikalischen Vermächtnis und dem Einsatz als Wohltäter bleibt hingegen.

Vielleicht ist diese Doku am Ende sogar filmisch erschreckend unspektakulär geraten, immerhin stützt sie sich nur auf die Interviewpassagen und verlässt sich sonst auf wenige Archivbilder und dezenten musikalischen Einsatz. Und doch hat man gleichzeitig lange keinen so epochalen Dokumentarfilm gesehen, der allein mit Worten so fesselt und emotional angreift. Hier wird das Thema des sexuellen Missbrauchs zur Hauptsendezeit (sogar fast werbefrei) ins Bewusstsein gerückt. Leaving Neverland ist ein Film über das Zuhören.

Fazit

Diese vier Stunden haben es in sich! Leaving Neverland ist schwer zu ertragen und brennt sich ins Gedächtnis ein. Ein Dokumentarfilm, der bleiben wird.

 

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LEAVING NEVERLAND

Weltpremiere am 25.01.2019 beim Sundance Filmfestival

deutsche Erstausstrahlung am 06. April 2019 auf ProSieben

Laufzeit: 236 Minuten

Regie: Dan Reed

Der Film ist nach Ausstrahlung im TV kurze Zeit in der Mediathek von ProSieben zum Anschauen verfügbar.