Theater

Lazarus: Leipzigs Requiem für Bowie

Das Vermächtnis von Rock- und Poplegende David Bowie in einem knapp zweistündigen Bühnenspektakel. Sein verträumtes Musical "Lazarus" feierte zum Spielzeitabschluss Premiere am Schauspiel Leipzig und hat das Zeug zum Hit.
Lazarus
Is There Life On Mars?

"Ich bin ein Sterbender, der nicht sterben kann!", klagt Thomas Jerome Newton, jener Außerirdischer, der einst im Jahr 1976 in dem Science Fiction - Film Der Mann, der vom Himmel fiel auf der Erde strandete. Als Ausgestoßener sucht er rastlos nach einem Weg, auf seinen Heimatplaneten zurückkehren zu können, doch an der kapitalistischen Gesellschaft zerbricht er. Auf ewig gefangen in seiner menschlichen Hülle.

Lazarus
Newton sehnt sich nach Erlösung.

Keine Aussicht auf Rückkehr. Man muss durchaus fragen, ob das poetische Ende dieser wunderbaren und absolut zeitlosen Romanverfilmung von Nicolas Roeg überhaupt eine Fortsetzung gebraucht hätte. David Bowie und der irische Dramatiker Enda Walsh ließen den Mann, der vom Himmel fiel 2015 in einer Bühnenfassung dann tatsächlich zurückkehren.

30 Jahre nach der Originalgeschichte vegetiert Thomas Jerome Newton in seiner New Yorker Wohnung vor sich hin und wird von einer Reihe Erscheinungen heimgesucht, während er immer noch vom Bau einer neuen Rakete träumt, die ihn zurück nach Hause befördert. Angeführt werden die Gespenster des Vergangenen und Gegenwärtigen von einem namenlosen Mädchen in Weiß, gespielt von Anna Keil. Ihr Life On Mars, performt auf der Spitze des Gerüsts, zählt zu den emotionalen Höhepunkten des Abends. Die Frage nach dem Sinn einer Weitererzählung bleibt indes durchaus ein Problem, denn es entsteht das ernüchternde Gefühl, dass mit dem Roman von Walter Tevis und seiner Verfilmung durch Roeg schon alles gesagt ist. Es bleibt weitgehend beim Schwelgen in Erinnerungen und dem Wiederkauen altbekannter Probleme. Doch auf die traumwandlerische Reise lässt man sich gern ein, wenn sie so mitreißend gelingt wie in dieser Leipziger Bühnenfassung.

Janick Nolting im Gespräch mit Moderatorin Sophia Spyropoulos über "Lazarus"
Janick Nolting im Gespräch mit Moderatorin Sophia Spyropoulos über "Lazarus"

Broadway in Leipzig

Regisseur Hubert Wild weiß das gewaltige Bühnenbild von Susanne Münzner beeindruckend zu bespielen. Da steht auf der Drehscheibe der Apartment-Komplex als ein riesiges Metallgerüst voller Treppen, keine Rückzugsmöglichkeit, ständig präsent sind die Fernsehgeräte, deren leere Bilder auf Newton den ganzen Tag lang hereinprasseln. Immer wieder werden Videoprojektionen auf die Kulisse geworfen, mal in knalligen Farben, dann wieder leuchtet in Schwarz Weiß der steinige Heimatplanet des Außerirdischen auf. Lazarus gelingt die angekündigte fiebertraumartige Atmosphäre zweifellos. Die Inszenierung versprüht das Mysteriöse, das Traumhafte, erinnert in vielen Momenten an die surrealen filmischen Arbeiten von David Lynch, inklusive 70er und 80er Retro-Look. Ein direktes Lost Highway - Zitat darf nicht fehlen! 

Szene aus "Lazarus"
Todesengel Valentine

Sei es die verträumte Stimmung, die schrägen Gestalten, die der Einbildung der Hauptfigur entspringen und schließlich die Musik David Bowies, die immer wieder von der Band angestimmt wird, die unter dem Zimmer des Aliens auf den nächsten Einsatz wartet. Viel geerdeter, ohne die schrägen Effekte des Films und doch ähnlich verzaubernd. Lazarus wirkt wie ein Stück Broadway, das nach Leipzig gebracht wurde.

Die Songs sind musicaluntypisch zwar in die Handlung integriert, treiben diese aber selten voran, kommentieren, erweitern stattdessen und eröffnen den Stimmungsraum für diesen Abend. Fast ganz ohne Tanzeinlagen! Musikalisch, gesanglich ist das erstaunlich gut gelungen, schauspielerisch ebenso. Luise Schubert überzeugt als Haushälterin Elly, die sich nach einem Ausbruch aus ihrem tristen Alltag sehnt und zu einer Art Reinkarnation der früheren Geliebten ihres außerirdischen Bosses wird. Schade, dass ihre interessante Figur mit einem wortwörtlichen, klischeehaften Schrei nach Liebe aus der Handlung verabschiedet wird. Das erinnert zugegeben etwas an (Stichwort: Broadway) angestaubte Boulevarddramen. Sowieso gelingt nicht jeder Charakterstrang gleich überzeugend. Aber was spielt das schon für eine Rolle? In diesem Stück ist ohnehin alles ständig in Bewegung, Figuren kommen und gehen, klettern in schwindelerrender Höhe über die Metallstangen. Ja man kann sich nicht einmal sicher sein, ob sie überhaupt existieren. Wie beispielsweise der von Dirk Lange mit vollem Einsatz gespielte Valentine, der als ein dunkler Amor gleichermaßen die Liebe und den Tod mitbringt. Für seine Darbietung von Bowies Love Is Lost gibt´s den ersten Szenenapplaus dieses Premierenabends. 

Ein Getriebener

Lazarus ist das Vermächtnis von David Bowie, kurze Zeit nach der Uraufführung stirbt er an Krebs. Sein Geist schwebt über diesem Stück. Das Exzentrische, aber auch das Zerbrechliche der Musik-Ikone ist jederzeit greifbar, auch wenn das Spiel des Künstlers mit Sexualität und Geschlecht hier nur am Rande in Erscheinung tritt. Und doch ist Lazarus entgegen des Titels keine Totenerweckung. Man braucht an diesem Abend einige Minuten, um sich von Bowies Darstellung zu verabschieden, die in der Filmvorlage so einen großen Eindruck hinterlassen hat. Ohne ihn ist der Stoff zunächst zwar schwer denkbar, aber dennoch voneinander zu trennen. Eine bloße Kopie des Popstars wäre fatal gewesen. 

Lazarus
Traumwandeln im Gerüstbau

Christopher Nell schlüpft in Leipzig in die Hauptrolle (sein erster großer Auftritt am Leipziger Schauspiel) und gelingt eine nicht minder beeindruckende Darbietung des ruhelosen Außerirdischen, fügt der Rolle eine Kindlichkeit und Verzweiflung bis zum Wahnsinn hinzu, der am Ende des Films erst noch bevorstand.

Der Mann, der vom Himmel fiel handelte natürlich in gewisser Weise von Bowie selbst, der seinen eigenen, von Drogen geprägten Tiefpunkt auf der Leinwand darbot. Und doch ist weder der Film noch das Musical eine reine Geschichte über ihn, lässt sie sich doch als Erzählung über das Anderssein, über Sexualität, als Gesellschaftsdiagnose lesen und ist wesentlich komplexer als nur seine Charakterstudie.

Dem hat der Theaterabend, wie bereits erwähnt, nichts Neues hinzuzufügen, bringt die komplexen Kerngedanken des Stoffes aber noch einmal auf den Punkt. Manchmal muss der eigene Fall akzeptiert werden, um wieder aufsteigen zu können, so das ebenso hoffnungsvolle wie melancholische Fazit nach den kurzweiligen zwei Stunden. Ansonsten hebt das erlösende Raumschiff womöglich ohne einen ab. Ein inhaltlich nicht einwandfreier, aber makellos inszenierter Abend, der ebenso schwebend-uneindeutig endet wie er beginnt. Diese Spielzeit am Schauspiel Leipzig unter dem Motto Ich Ich Ich Ich Ich, die im September 2018 mit dem Faust begann, endet mit einem Gebrochenen, einem verkannten guten Wesen, das lernt, sich seinem Schicksal zu stellen. Zu einer ruhigen Version von Heroes schwebt das grell leuchtende Zimmer von Newton über die Bühne. Begeistertes Premierenpublikum. Ein Gänsehaut-Finale für diese Spielzeit.

Fazit

Mit den nächsten Aufführungen von Lazarus dürfte dem Schauspiel Leipzig auch in der kommenden Spielzeit noch oft ein volles Haus bevorstehen. Zu Recht! Das ist nach all der Verzweiflung der Figuren ein ungeheuer trostvoller, atmosphärisch dichter Abend, der spätestens im Finale ins Herz trifft. Starkes Musiktheater!

 

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LAZARUS

Musical von David Bowie und Enda Walsh

nach dem Roman "The Man Who Fell To Earth" von Walter Tevis und dem Film "Der Mann, der vom Himmel fiel" von Nicolas Roeg

Premiere: 15.6.2019 am Schauspiel Leipzig

Regie: Hubert Wild

Bühne: Susanne Münzner

Musikalische Leitung: Stephan König

mit Christopher Nell, Tilo Krügel, Anna Keil, Luise Schubert, Dirk Lange und weiteren

Spieldauer: 1h 50min, keine Pause

nächste Aufführungen am 21.+26. Juni, 4. Juli, 14.+15. September

weitere Infos gibt´s hier