DOK 2019

Dunkle Wolken über dem LAND DES HONIGS

In dem beim Sundance-Festival preisgekrönten "Land des Honigs" gerät eine Bienenhirtin mit einer benachbarten Familie aneinander. Ein bildgewaltiger Einblick in die mazedonische Bergwelt und eine ebenso faszinierende wie unbequeme Lebensrealität.
Honeyland
Hatidze kümmert sich fürsorglich um ihr Bienenvolk.

Manchmal passiert es, dass man einen Dokumentarfilm zu sehen bekommt, bei dem schon nach zwei Minuten klar ist, dass dieser Film auf die große Leinwand gehört. Land des Honigs ist so ein Werk. In überwältigenden Bildern folgt die Kamera Hatidze über einen steinigen Gebirgspfad auf dem Weg zu dem Bienenvolk, das die Frau behütet. Eine Hälfte für die Menschen, die andere Hälfte bleibt bei den Bienen. So lautet das Credo von Hatidze, wenn sie den begehrten Honig erntet. Eine ebenso simple wie inspirierende Botschaft rund um das Teilen, die Möglichkeit, dass es eine friedliche Koexistenz zwischen den Arten geben kann, die der Film da schon in den ersten Minuten erklärt.

Doch Land des Honigs oder Honeyland, wie er im Original heißt, ist keinesfalls einfach nur ein Film über die Honigernte oder die Funktion und das Sterben der Bienen geworden, so dringlich und gegenwärtig dieses konkrete Thema auch sein mag. Was sich hier entfaltet, ist nicht nur ein zutiefst faszinierender Einblick in eine ferne Lebensrealität, sondern eine epische Geschichte, deren Tragweite langsam, aber umso härter zuschlägt. 

Gleichgewicht in Gefahr 

Wenn Hatidze, die vom Leben und der Sonnenstrahlung gezeichnete Frau, ihre Reise vom Berg hinter sich gebracht hat, wartet zu Hause auf sie die nächste Arbeit. In der dunklen Hütte liegt ihre über 80 Jahre alte, kranke Mutter, die kaum noch etwas sehen und hören kann.

Honeyland
Im Haus geht die Arbeit für Hatidze weiter

Hatidze kümmert sich liebevoll um die Sterbende, die rund um die Uhr von lästigen Fliegen umschwirrt wird. Der Tod scheint bereits allgegenwärtig, das Sterben von Natur und Menschen verschwimmt in dieser Geschichte, selbst in solchen subtilen Ereignissen. Ab und zu nimmt Hatidze den Weg in die weit entfernte Stadt auf sich, um den Honig auf dem Markt zu verkaufen. Land des Honigs zeigt all diese Momente voller feinfühliger Beobachtungen, fängt die kleinen Gesten ein und blickt in einen Arbeitsalltag, der für eine deutsche Sicht nahezu unvorstellbar scheint und von dem man sich doch in Hinblick auf Mitmenschlichkeit und die Beziehung zur Natur einiges abschauen kann.

Als eine Nomadenfamilie mit mehreren Kindern und einer Kuhherde in der Nachbarschaft auftaucht, gerät Hatidzes friedlicher Alltag ins Wanken. Die Kinder toben umher, verhalten sich rüpelhaft, die Tiere sind nicht zu bändigen, die Eltern schauen weg und scheren sich für das Geld durch den Honighandel wenig um das Wohl der Umwelt. Hatidze arrangiert sich mit der neuen Situation, beobachtet, bleibt ruhig, kümmert sich um den ältesten Sohn ihrer neuen Nachbarn und ist doch hilflos. Bald ist ihre ganze Arbeit durch die Neuankömmlinge gefährdet.

Stille Beobachtung

Land des Honigs beobachtet, bezieht keine Stellung, verurteilt nicht. Das Bild der Kindererziehung, bei der auch vor körperlichen Bestrafungen nicht zurückgeschreckt wird, diese archaische Lebenswelt, die es hier zu sehen gibt, all das gipfelt mitunter in zutiefst beunruhigenden Szenen und doch ist das ein zutiefst menschlicher Film geworden, den man durch die Augen der tapferen Bienenhirtin erlebt. Man muss häufig mit dem Kopf schütteln, ist entsetzt, aber niemals respektlos oder komplett unverständlich gegenüber dem, was da auf der Leinwand geschieht. 

Tamara Kotevska und Ljuboomir Stefanov, die kreativen Köpfe hinter diesem beeindruckenden Werk, haben einen extrem cineastischen, einen teils atemberaubend schönen Film gedreht. Wie hier das Sonnenlicht in die dunkle Behausung der Protagonistin fällt, wie die Bienen bedrohlich überall im ganzen Kinosaal summen zu scheinen, wie man bei jedem Stich in den Kopf und die Hände nahezu selbst zusammenzuckt, das ist audiovisuell äußerst gekonnt in Szene gesetzt und montiert. Der Exodus durch die verschneite Winterlandschaft am Ende dieser Geschichte ist ein ebenso melancholischer wie konsequenter Schlusspunkt für diese Tragödie. Beeindruckendere und mitreißendere Dokumentarfilme gab es im Kinojahr 2019 selten zu sehen.

 

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Janick Nolting
30.10.2019 - 17:55
  Kultur

LAND DES HONIGS läuft unter dem Titel HONEYLAND in der Sektion "Spätlese" beim 62. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm. 

Am 21. November 2019 erscheint der Film regulär in den deutschen Kinos. 

Laufzeit: 90 Minuten

FSK 6 

Regie: Tamara Kotevska und Ljubomir Stefanov