Konzertbericht: Mac Demarco

Wie 'ne WG-Party auf der Eisenbahnstraße

Am 22. Oktober spielte Mac Demarco im WERK2, präsentiert von mephisto97.6. Einen wirklichen Anlass gab es nicht, dafür eine Menge Hipster und akustische Überraschungen.
Mac Demarco live im WERK 2

22. Oktober, 20 Uhr. Vielleicht der erste wirklich kalte Tag in diesem Jahr. Temperaturen irgendwo zwischen Kühl- und Gefrierschrank. Die alte Kinotafel vor dem WERK2 kündigt ihn an, den „Zahnlückenslacker“, Mac Demarco.

Wie bei einem Punk-Konzert, nur anders

Auf dem Connewitzer Kreuz haben sich bereits einige Leute versammelt. Was sie gemeinsam haben? Alles. Auf den ersten Blick wirkt das Publikum ungefähr so homogen wie bei einem Punk-Konzert. Doch statt schwarz in schwarz gibt es abgelatschte Sneaker, Retro-Trainingsjacken und Mützen, die den Kopf zu höchstens 30% berühren. Dazu irgendein Billigbier und ein Blick zwischen gelangweilt und cool, kombiniert mit gelegentlicher Freude in den Augen, wenn man mal wieder jemand Bekanntes entdeckt hat. Ich überlege, ob ich irgendwo schon mal eine so hohe Hipsterkonzentration gesehen habe. Habe ich nicht. Und alle wollen sie zum Konzert.

Mac Demarco ist das, was Alt-J vor vier oder fünf Jahren waren: DIE musikalische Koryphäe der Hipster, des Leipziger Ostens. Ich füge mich bestens in die Masse ein. Also trinke ich mein Billigbier aus, zieh die Mütze wieder fünf Zentimeter nach oben (denn es wurde schon angenehm warm am Kopf) und gehe rein.

WERK2, Halle A, die große also. Zwar lässt sich Mac Demarcos Musik in kein Genre pressen; dass sie hier nicht unbedingt hinpasst, ist trotzdem allen klar. Also, mal schauen.

Aufreizend lässig...

Ein Bier noch und dann geht’s los. Vorne gibt’s ein bisschen Gekreische, weiter hinten ein vorfreudiges Rumgestehe mit schüchternem Klatschen. Mac kommt auf die Bühne, keine Begrüßung, lieber erstmal einen Song. Er spielt „Salad Days“ von seinem gleichnamigen zweiten Album. Und es klingt gut, sehr gut sogar. Seine Stimme ist entspannt, auch seine vierköpfige Band wirkt aufreizend lässig. Das Publikum lockert sich, fängt an, in immer größer werdendem Radius hin und her zu wippen, bis der Song ausklingt. Applaus.

Dann die erste Ansage: Mac gibt offen zu, überhaupt keine Ahnung zu haben, ob er schon mal in Leipzig war. Niemand nimmt es ihm übel. Ich frage mich, ob er betrunken ist und kann es nicht beantworten. Statt des allseits beliebten „Hello Leipzig“ wählt er als Adressat seiner Ansagen lieber „Hello you crazy little motherfuckers“. Ich frag mich, ob ich das sympathisch finde und kann es ebenfalls nicht beantworten.

Doch dem Publikum gefällt es. In den kommenden 70 Minuten spielt Mac einen bunten Mix seiner drei Alben, dazwischen immer wieder Ansagen und kleine Geschichten. Dabei sind die Songs live deutlich rockiger als auf Platte, im Publikum entwickelt sich das Wippen vereinzelt zum Springen. Andere Gesichter mäandern zwischen irritiert und überfordert.

...aber langsam wird es seltsam

Denn auf der Bühne entwickelt sich das Konzert mit zunehmender Dauer immer mehr zum Jam à la Proberaum. Die letzte halbe Stunde verbringt Mac sitzend auf der Bassbox. Er trinkt ein Bier, während sein Gitarrist Andrew Charles White, natürlich oberkörperfrei, ein Medley an Cover-Versionen bekannter Rocksongs spielt. Nirvana zum Beispiel. Nach und nach tauschen die Bandmitglieder ihre Instrumente durch.

Während alle auf der Bühne daran sichtlich Spaß haben, wird das anfangs so homogene Publikum immer gespaltener. Einige feiern ihren Mac immer mehr, andere müssen sich zwingen, nicht alle drei Minuten aufs Handy zu schauen. Ich gehöre zu letzteren und kann mit diesem Karaoke-Jam herzlich wenig anfangen. Nach knapp 100 Minuten dann ein letztes „Good night you crazy little motherfuuuuuuckers“, vorbei.

Fazit

Was bleibt also zu sagen? Meine Befürchtung, dass Macs Musik zu ruhig für die große Halle sei, war völlig unbegründet. Aber eben nur, weil er zu einem Teil schlichtweg nicht seine Musik spielte. Das Konzert war wie eine WG-Party auf der Eisenbahnstraße: Viele Hipster, anfangs alle entspannt, dann immer lauter werdend, dann völlig drüber. Ich bin nur froh, dass man vor der Halle nicht seine Schuhe ausziehen musste. Denn wer hätte da die eigenen wiedererkannt?

 

Kommentieren