Konzertbericht: International Music

Die besten Jahre sind vorbei

… oder fangen sie gerade erst an? Wenn man die Band International Music auf der Bühne sieht, dann macht das Trio nicht den Anschein, als würde es so bald damit aufhören wollen, was es mit ihrem Debütalbum „Die Besten Jahre“ im April begonnen hat.

Speziell - Das ist meine erste Assoziation mit der Band International Music. Das Trio aus Essen hat dieses Jahr mit „Die Besten Jahre“ ein mutiges Debüt abgeliefert, das voll von verschrobenen Songs mit abstrakten Texten ist. Da singen sie davon, dass sie nicht in die Schule gehen wollen und der Panik verfallen, wenn dann plötzlich der Rektor anruft. Der Hörer fragt sich währenddessen nur „Was wollen die mir damit bitte sagen?!“. Das Schöne: So wichtig scheint das gar nicht zu sein. Viel wichtiger als das „Was“ ist wohl eher das „Wie“ der Texte, denn was auch immer die drei Kerle uns da mitteilen wollen, an Witz fehlt es ihnen auf jeden Fall nicht. Wie man dieses Intermezzo aus deutschem Indie-Rock und Schlager auf eine Bühne bringen will, hat mich interessiert. Gut, dass die drei dem Café Wagner in Jena letzten Samstag einen Besuch abgestattet haben.

Von Brillen und anderen Dramen des Lebens 

Kurz nach 21 Uhr betritt die aus Leipzig stammende Band Holob die Bühne, um den schon reichlich gefüllten Raum für International Music in Stimmung zu bringen. In ihrem 40-minütigen Set vertont sie mit Gitarre, Bass und Synthesizer ihre Traumata, wie Erinnerungen an Star Wars oder - noch ernster - Brillenverlust. In prägnant betitelten Songs wie „Loch“ oder „Fahne“ spielt Holob Alternative-Rock mit Punk-Einflüssen, gemischt mit künstlichen Beats. Für International Music war die Band wohl nur eine kurze Affäre, die anderen Tourtermine werden von einer anderen Band supportet, aber trotzdem war Holob ein angemessener Einstieg in den Abend.

…und die Spannung steigt

20 Minuten vor International Music: Der publikumsgefüllte Raum wird von einem dicken Nebel bedeckt. Man bekommt das Gefühl, da kommt Großes auf einen zu.

10 Minuten vor International Music: Die obligatorischen Songs zwischen Support und Main-Act verstummen, an ihre Stelle tritt afrikanisch angehauchte Trommelmusik. Zuerst ganz leise und dann zunehmend lauter vereinnahmen die Beats das gespannte Publikum.

1 Minute vor International Music: Über den Köpfen der Wartenden sieht man zwei Gitarrenhälse, die sich ihren Weg zur Bühne bahnen.

Dann ist es so weit: International Music steht auf der Bühne, der Gitarrist und Sänger des Trios haucht beherrscht „Die besten Jahre sind vorbei“ ins Mikrofon und gibt damit den sanftesten Startschuss zu einer überdrehten und lauten Version von „Mont St. Michel“. Wer aufgrund der teils melancholischen Stimmung des Albums ein ruhiges Kuschelkonzert erwartet hat, weiß nun, dass das ganz bestimmt nicht das ist, was die drei im Sinn haben. So führt zwar auch in der Studioversion von „Kneipe“ das Schlagzeug durch den Song, doch live ist dieser Effekt noch um ein Vielfaches gesteigert und der Beat treibt stark nach vorne. Man hat keinen Zweifel daran, dass diese Band jeden Ort zu einer Kneipe verwandeln kann - auch das Café Wagner.

Die E-Zigarette unter den Nebelmaschinen 

 Mittlerweile ist der Raum so nebelig, dass man den Schlagzeuger nicht mal mehr erahnen kann und auch das Blickfeld der Band ist circa auf die vierte Reihe des Publikums beschränkt. Passend dazu stimmen sie „Nebel“ an, das mit einer neuen Energie aufgeladen wird. Während manche Songs wie „Country Girl“ oder „Farbiges Licht“ sehr nah am Original wiedergegeben werden, wird bei anderen mit dem Tempo experimentiert und so eine neue Dynamik erzeugt. So ist „Mama, Warum?“ während der Strophe ruhig, fast schon entschleunigt, um dann im Refrain zu voller Lautstärke zurückzukehren. Noch bemerkenswerter ist dieser Effekt bei „Tür“, bei dem durch dieses Spiel aus langsam und schnell, leise und laut, das Lied eine neue Intensität erhält. Gitarrist und Bassist (die zugleich die Sänger der Band sind) haben sichtlich Spaß, tänzeln zu „Du Hund“ über die Bühne und können sich das Mitwippen bei „Metallmädchen“ nicht verkneifen.

Alles hat ein Ende ...

 „Wir kriegen hier wirklich gute Energie von euch“ bedanken sie sich und das Publikum könnte dieses Kompliment nur zurückgeben. Als gegen Ende des Konzerts die ersten Takte von „Pfeffer“ erklingen, verdunkelt sich der Raum. Das Publikum hält inne und diese neu geschaffene Ruhe wird von Gesang durchbrochen. Ein Spotlight erhellt einzig das Gesicht des Sängers. Fast bedächtig wird die Stimmung, nur um dann in den letzten zwei Songs wieder zum Kochen gebracht zu werden. Als die Band dann die Bühne das erste Mal verlässt, lassen sie sich nicht lange um eine Zugabe bitten und sind kaum 20 Sekunden später schon wieder auf ihren Posten. Während der nächsten Minuten fragt man sich, wer sich gerade mehr über die angehängten Tracks freut: das tobende Publikum oder die Musiker selbst. Doch irgendwann muss ein jedes Konzert zu Ende gehen und so verabschieden sich International Music nach 16 Tracks von ihrem Publikum.

Fazit

International Music schafft es, ihr Album mitreisend zum Besten zu geben. Dabei verändern sie teils Energie und Tempo, ohne die Stimmung und Mystik ihrer Songs zu verlieren oder gar zu verraten. Dabei entwickelt ihre Show eine interessante Dynamik, die teils dem gekonnten Einsatz von Tontechnik („Danke Ludwig!“) zu verdanken ist, teils der offensichtlichen Freude der Band an dem, was sie tun. Unverhofft bin ich in eines meiner besten Konzerte dieses Jahres gestolpert, bei dem besonders spannende Song-Interpretationen, die bekannt cleveren Texte und die wohl höchste Nebeldichte, die mir je untergekommen ist, in Erinnerung bleiben werden.

 

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Website der Künstler

Setlist

1. Mont St. Michel

2. Country Girl

3. Kneipe

4. Mama, warum?

5. Nebel

6. Tür

7. Du Hund

8. -

9. Farbiges Licht

10. Metallmädchen

11. Pfeffer

12. Mein Schweiß

13. Für Alles

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14. Daddy

15. 5000 Saiten

16. Country Girl - Reprise