Konzertbericht: Frank Turner

„You guys want some fucking mandolin?“

Der englische Folk-Rocker Frank Turner kehrt nach fast drei Jahren mit den Sleeping Souls ins Werk2 zurück. Am 14.11. stellte er sein neuestes Album "Be More Kind" vor. Neuen und alten Fans bot die Show zwei Stunden zum Mitschreien und -tanzen.
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Frank Turner live im Werk 2

Als Frank Turner am 14.11.18 die Bühne im Werk2 verlässt, hat er seine zweitausendzweihundertsiebenundfünfzigste Live-Show hinter sich. 2275 Gigs in vierzehn Jahren. Frank Turner ist ein Wahnsinniger, ein Arbeitstier, ein Künstler, der für die Musik lebt, für die Konzerte, in denen du Musik mit hunderten Menschen in einem derartigen Fokus und einer Intensität erlebst, dass du für dein Leben nichts anderes mehr machen willst. Seit über 17 Jahren ist Frank Turner fast ununterbrochen auf Tour. Bis 2005 mit seiner Post-Hardcore-Band Million Dead und schon seit 2004 spielte Frank Turner solo ca. jeden zweiten Tag eine Live-Show. 

"I want this to be a fucking punk rock show!"

Es fällt zeitweise schwer, Turner im Jahre 2018 die Punk-Rock-Attitüde noch abzunehmen. Vor allem die Lieder des aktuellen Albums „Be More Kind“ (mit Ausnahme des Openers „1933“) schaffen es nicht, im ersten Viertel des Konzerts wirklich für Stimmung zu sorgen. Wiederholt animiert Turner das Publikum zum Mitklatschen und lauterem Mitsingen; doch wenn nach einem mitreißenden Song wie „Recovery“ die flockigen Glöckchentöne zum Schubidu-Lied „Little Changes“ vom neuen Album ertönen, fällt das Energielevel im Raum vom zehnten Stock in den Keller.

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Frank Turner live im Werk 2

So sehr man sich als langjähriger Fan von Frank Turner und seinen Live-Shows zynisch über das neue Album auslassen könnte, ist die Entwicklung Turners weg vom dauerwütenden und resigniert-pessimistischen und gleichzeitig trotzig-optimistischen Folk-Punk-Rocker nachvollziehbar. Alte Songs wie „Jet Lag“, „Plain Sailing Weather“ oder „I Am Disappeared” stehen thematisch und lyrisch in krassem Kontrast zu Titeln wie „Brave Face“, „Don’t Worry“ oder „Be More Kind“. Es scheint, dass Turner seine eigenen dunklen Dämonen, die ihn ehemals zu so roh-emotionalen Ausbrüchen inspirierten, überwunden und sich ein gesetzteres und stabileres Privatleben aufgebaut hat. Also wie der Lieblingsonkel, der verrückte Geschichten von früher erzählt, aber mittlerweile weise genug ist, um einem die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu erklären: Seid verdammt noch mal nett, seid einfühlsam und verändert die kleinen Dinge, denn an den großen verzweifelt man sowieso.

Ein Walzer in der Menge und Harmonika zum Geburtstag

Deshalb seien ihm die leichteren Lieder, zu denen man gut hin und her schunkeln kann, ohne sich die Seele aus dem Leid zu singen, auch verziehen. Dennoch fühlt es sich wie Balsam auf der Seele des langjährigen Fans an, wenn gen Mitte des Konzerts die altbekannten Lieder im Minutentakt kommen. Der Raum scheint sich aufzuwärmen und Turner zeigt seine klassische Performance-Persona: In einem Moment lässt er sich auf Händen quer durch die Halle tragen, im anderen tanzt er mitten im Publikum mit einer Auserwählten den Walzer. Ein Geburtstagskind holt er auf die Bühne und lässt sie im nächsten Song die Mundharmonika spielen. Seit jeher ist und bleibt Frank Turner ein Künstler, der sich nicht von Berührungsängsten oder starren Musiker-Publikum-Rollenverteilungen beeinflussen lässt.

 

 

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Hanna Kormann
20.11.2018 - 14:14
  Kultur

Setlist:

1. 1933

2. Blackout

3. Get Better

4. Recovery

5. Little Changes

6. Next Storm

7. Brave Face

8. Plain Sailing Weather

9. The Way I Tend To Be

10. Be More Kind

11. Eulogy (German)

12. If Ever I Stray

13. Try This At Home

14. I Am Disappeared

15. The Opening Act of Spring

16. Dan's Song

17. Jet Lag

18. The Ballad of Me and My Friends

19. I Knew Prufrock Before He Got Famous

20. Out Of Breath

21. Photosynthesis

22. Don't Worry 

23. I Still Believe

24. Four Simple Words

25. Polaroid Pictures