Kolumne

Gefangen in der Sympathiefalle

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal Sophie Rauch über Make-Over, sprechende Spiegel und die Likeability Trap.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist diese Woche passiert? Unsere Kolumnisten und Kolumnistinnen haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören:

Die Kolumne von Sophie Rauch.
Die Kolumne von Sophie Rauch.

Spieglein, Spieglein,...

Willkommen in der Zukunft! Ich stehe vor meinem sprechenden Selfie-Spiegel, der jeden Morgen ein Selfie von mir macht, es auf Insta postet und gleich eine Umfrage startet wie likeable und fuckable ich heute bin. Ist das nicht praktisch?!

Diese Vorstellung wird Realität in der britischen TV-Show "100% Hotter". Fotos von den Teilnehmer*innen werden dem britischen Volk gezeigt und das darf ganz ungeniert über Aussehen herziehen und es danach auch noch bewerten. 

Gefangen in der Sympathiefalle

Und das zeigt mal wieder deutlich: Wie ich auf andere Menschen wirke, entscheidet über Sieg und Niederlage meiner privaten und beruflichen Rollen. Die US-amerikanische Juristin Joan C. Williams spricht deshalb von der Likeability Trap – zu Deutsch Sympathiefalle. Und hat richtig erkannt, dass "Frauen, die sich autoritär verhalten, Gefahr laufen als unerträgliche Zicken, pedantische Lehrerinnen oder als Hexen wahrgenommen zu werden."

Wow – nicht nur das ich als Frau* von 1-Mauerblümchen bis 10-Schlampe vom Aussehen bewertet werde, NEIN natürlich wird auch mein Verhalten und mein Auftreten genau unter die Lupe genommen. Da den perfekten Spagat zu finden, ist scheiß anstrengend.

Der tägliche Kampf

Williams spricht deshalb auch vom Gender Judo – vergleicht also die vom System erwartete weibliche Anpassungsfähigkeit mit einem Kampfsport. Wenn das nicht mal für sich steht… Und dann kommt noch hinzu, dass der Gewinn am Ende der ganzen Tortur einfach nur enttäuschend ist.

Gewinne ich den likeable-Contest im Büro, bekomme ich ein anerkennendes Nicken und ein: "Für eine Frau hast du das echt gut hinbekommen!" Was sagt mensch denn darauf? Wow danke!! Für einen Mann hast du das auch echt gut hinbekommen! 

Viel trauriger wird es beim fuckable-Contest – da bekommt Frau* einen anerkennenden Blick ins Dekolletee und einen wohldurchdachten Anmachspruch: "Na Schnitte schon belegt?!" Nein aber bedient!

Optimieren und Pimpen wie ein Auto

Kein Wunder, dass TV-Formate immer beliebter werden, in denen Frauen* ein Make-Over bekommen. Es geht also 40 Minuten nur darum wie die Frau* optimiert werden kann, damit sie besser in der Öffentlichkeit ankommt. Vor allem beim Thema Make-Up kommt es dann zu sehr paradoxen Aussagen: Okay, du bist eine natürliche Schönheit – ABER mit fünf Schichten Conturing können wir genau das unterstreichen. Ja ne ist klar!

Und so häuft sich eine Unsicherheit nach der Nächsten bei mir an – mein Fazit beim Blick in meinen sprechenden Selfie-Spiegel: 'Ich sollte in die Mülltonne zurückkriechen, aus der ich anscheinend komme.'

Ein System Make-Over

Während ich also warte, dass mein Insta-Post hochgeladen wird (ja, Breitbandausbau in Deutschland ist selbst zukünftig noch Zukunftsmusik), wird mir eines bewusst: 'Was zum Teufel mache ich hier eigentlich?'

Warum sollte ich MICH ändern? Wir Frauen* sollten einfach damit aufhören gefallen zu wollen und viel mehr dem System, das uns immer noch Minderwertigkeitsgefühle vermittelt, ein Make-Over verpassen.

 

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