Filmkritik

"Joker" IST ein gefährlicher Film

Man hätte es ja kaum für möglich gehalten, dass ausgerechnet ein Film aus den bekannten Superhelden-Universen noch einmal für solchen Zündstoff sorgen kann: In "Joker" erleben wir den Aufstieg des kultigen Oberschurken. Ein Angriff auf das Publikum.
Joker
Der Joker lädt zum Tanz auf Messers Schneide

Es erstaunt wenig, dass ein Film wie Joker im Jahr 2019 beim Festival in Venedig mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wird, wo doch gerade so ein Festival den Hang zum Kontroversen sucht, wo das Spiel mit Untergangsfantasien als Reaktion auf gegenwärtiges politisches Unvermögen allzu oft zu finden ist. Kann man Comic-Filme heute in Zeiten formelhafter Endlos-Franchises überhaupt noch ernst nehmen? Kaum! Christopher Nolan hat das zuletzt 2008 geschafft mit seinem Dark Knight und manchmal dauert es eben über zehn Jahre bis erneut ein solches Werk in die Kinos kommt, das nicht nur wie ein Schlag ins Gesicht wirkt, sondern regelrecht auf einen einprügelt. Joker ist so ein Film.

Joker
Arthur träumt vom Rampenlicht

Ironischerweise ist The Dark Knight ebenfalls nicht zuletzt wegen Heath Ledgers legendärem Auftritt als Verbrecher-Clown in die Filmgeschichte eingegangen, der aufgrund seines frühen Todes seine Auszeichnung mit dem Oscar für diese Leistung gar nicht mehr miterleben konnte. Nachdem sich der Sänger und Schauspieler Jared Leto zuletzt ebenfalls an der Rolle versuchte (und scheiterte), betritt nun Joaquin Phoenix die Bühne und verkörpert den Oberbösewicht am Beginn seiner Verbrecherkarriere.

Regisseur Todd Phillips hat daraus einen Albtraum von einem Comicfilm geschaffen, der diese zeitlose Strukturfigur, diesen bösen Harlekin mit einem Paukenschlag ins Hier und Jetzt holt. Dabei will man sich fast weigern, Joker überhaupt als Comicfilm zu bezeichnen. Phillips erzählt hier ein deprimierendes Psychodrama, eine verstörende Charakterstudie, die es mit einer solchen Dringlichkeit, einer solchen Direktheit und Radikalität selten so im Kino zu sehen gibt. Und im gleichen Moment ist es doch ein Psychodrama, das mit den brillanten Kameraeinstellungen und Retro-Bildern vom Gotham City der 80er Jahre diesen Albtraum wie in düsteren Panels, musikalisch perfekt untermalt, auf die Leinwand wirft und damit seine Verankerung in der Comicwelt nie verleugnet. Ja, man weiß, dass das die gleiche Welt ist, in der der Fledermausmann eines Tages gegen das Verbrechen zu Felde ziehen wird, doch die Welt, die wir in Joker zu sehen bekommen, ist die unsere.

Aufschrei der Elenden

Das Schlimmste an einer Geisteskrankheit ist, dass man immer so tun muss als hätte man sie nicht, schreibt Arthur Fleck in einer Szene sinngemäß in sein Notizbuch. Arthur träumt von einer Karriere als Komiker, doch die Gesellschaft lacht über ihn, das Lächeln ist entweder blutrot ins Gesicht geschminkt oder die Lippen werden mit den Händen zum Grinsen verzogen. Auch das Lachen ist nicht echt, Arthur leidet an einer Geisteskrankheit, bei der es immer wieder unerwartet, fast tourette-artig hervorbricht. Wie lange kann es ein Mensch ertragen, links liegen gelassen zu werden, wie lange lässt er sich belächeln, beschimpfen, verprügeln?

Joker
Arthur sucht nach Zuneigung

Dass das hier eine Abwärtsspirale ist, steht von Anfang an fest. Auch Arthurs ebenfalls geistig labile und pflegebedürftige Mutter kann die Entwicklung ihres Sohnes bis zum völligen psychischen Zusammenbruch nicht mehr aufhalten. Wenn sich Arthur in seiner Rolle des Clowns irgendwann wohfühlt, ist längst das erste Blut geflossen. Was wurde nun über diesen Abstieg in den Wahnsinn nicht schon alles diskutiert? Von Gewaltverherrlichung über den vermeintlichen Aufruf zu Ausschreitungen und der Legitimierung toxischer Männlichkeit. Joker ist tatsächlich ein gefährlicher Film, aber nicht aus diesen Gründen! Nicht etwa, weil er zur Gewalt aufruft, nein, dafür sind diese aggressiven Ausbrüche viel zu dreckig und verstörend inszeniert. Dieser Film ist überfordernd gefährlich, weil er eine verletzende Wirkung hat, von der man sich so schnell nicht erholt. Er ist gefährlich, weil dieser Joker vieles verkörpert, was heute gerne verdrängt und unter den Teppich gekehrt wird, aber hier irgendwann mit voller Wucht hervorbricht. Im Moment des Aufsteigs eines Verbrechers, der für kurze Zeit König sein darf, während wir nur hilflos zusehen können.

Mitleid für den Kriminellen

Das ist hier nicht mehr der undurchsichtige Teufels-Clown, den Heath Ledger verkörpert hat, und dem man bestens unterhalten zugesehen hat. Dieser neue Joker ist ein Psychopath, den wir plötzlich verstehen können, der einen diese Wut und Trauer spüren lässt. Den man im einen Moment in den Arm nehmen will und der einen im nächsten Moment angsterfüllt in den Kinosessel drückt. Dieser Film ist gefährlich, weil er uns an sensibelsten Stellen trifft, weil er gegenwärtige politische Ängste und Terrorängste schürt und explizit thematisiert.

Das hinterfragt keine expliziten politischen Zusammenhänge, all das findet auf einer viel emotionaleren Ebene statt. Man kann dieser Zuspitzung selbstverständlich ideologiekritisch begegnen und sich an gewissen Gesellschaftsvorstellungen aufhängen, doch ist es nicht die Aufgabe der Kunst, eine Anleitung für die Auseinandersetzung mit sich selbst zu liefern. Manchmal reicht die Provokation, der Exzess! In dieser Geschichte ist gar keine Zeit mehr für politische Debatten, das ganze System ist bereits irreparabel beschädigt. Die Frage nach dem "Darf man das?" wäre eine unsinnige Dämonisierung des Mediums und ein Einknicken vor der Auseinandersetzung mit dem düsteren Spiegelbild, das uns dieser Film vorhalten will.

Alles Clowns?

Man kann sich natürlich darüber beschweren, wie plump diese Systemkritik im großen Finale ausformuliert und herausposaunt wird, doch ist nicht diese häufig allzu plumpe Radikalisierung genau das, was gerade an vielen Stellen des öffentlichen Diskurses geschehen ist? Joker beobachtet sehr genau, was auf kommunikativer Ebene in der Welt passiert und zeigt eine verkommene Gesellschaft, die sich mit der Frage konfrontiert sieht, was passiert, wenn die Abgehängten und Missachteten plötzlich ihre Hemmungen verlieren und sich zu wehren beginnen.

Joker
Put On A Happy Face!

Dieses Aufbegehren, das bis ins Apokalyptische hochgeschaukelt wird, ist so beklemmend in Szene gesetzt, dass es mitten ins Herz trifft. Joker IST ein politischer Film, beobachtet aus der Sicht einer kranken Seele. Todd Phillips hat in diesem herausragenden Meisterwerk die Motive des New Hollywood mit dem Gegenwartskino des 21. Jahrhunderts kollidieren lassen. Das ist in seiner erzählerischen Struktur stark an Taxi Driver, The King of Comedy und Network angelehnt, doch wagt der Film diese Adaptionen nicht ohne Grund. Er setzt die bekannten Motive in ein Verhältnis zu unserer Gegenwart, spitzt sie zu und fragt erneut nach dem inszenierten Sterben als ultimativen Angriff, nach dem Aufschrei nach Zuneigung, nach dem selbstbestimmten, würdevollen Verrücktwerden. Dass all diese Fragen nichts an ihrer brennenden Aktualität verloren haben, zeigen die Debatten um den Film.

Ein brillantes Schauspiel

Joaquin Phoenix vereint als unfreiwillige Symbolfigur des Klassenkampfes all diese Pein, all diese Wut und Sehnsucht, all diese Todtraurigkeit in einer brillianten Schmerzensperformance, die Heath Ledgers Leistung in nichts nachsteht, schließlich ist die Figur in dieser Verfilmung psychologisch noch breitgefächerter. Dieser abgemagerte, wahnhaft lachende Körper, aus dem zugleich die verzweifelten Tränen hervorbrechen. Dieser Getriebene, der sich in seinem eigenen Kühlschrank einsperrt, um der Welt da draußen zu entfliehen.

Dieser Anarchische, der mit sieben verschiedenen Medikamenten ruhiggestellt werden soll und sich irgendwann dazu entschließt, diese abzusetzen und mit seinen tänzelnden Bewegungen dem Wahnsinn freien Lauf zu lassen. All das sind Momente, die sich ins Gedächtnis brennen und die einen auch Stunden nach dem Kinobesuch noch mit einem Kloß im Hals zurücklassen. Joker ist ein eindringliches, wuchtiges Pulverfass von einem Film und Ja, es wird explodieren!

 

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Janick Nolting
11.10.2019 - 12:51
  Kultur

JOKER

Regie: Todd Phillips

Kinostart: 10. Oktober 2019

FSK 16

Laufzeit: 122 Minuten

Drehbuch: Todd Phillips, Scott Silver

Cast: Joaquin Phoenix, Frances Conroy, Robert De Niro, Zazie Beetz und weitere