Filmkritik: Island Of The Hungry Ghosts

Das Paradies ist für sie die Hölle

Eindringlich veranschaulicht "Island of the Hungry Ghosts", welche hässlichen Kollateralschäden die rigide Flüchtlingspolitik Australiens produziert. Der lyrisch schöne Dokumentarfilm setzt ein Statement gegen Xenophobie und Abschottung.
Island of the Hungry Ghosts
Australiens restriktive Flüchtlingspolitik: "No Way" bzw. "One Way" in Abschiebehaft.

Nachtschwarz ist die Leinwand zu Beginn. So finster, dass man die Hand vor Augen nicht sehen könnte. Aber hören kann man. Das genügt auch, um den ungefähren filmischen Schauplatz zu erraten. Vogelgezwitscher, Grillenzirpen, unheimliches Knacken und Kreischen im Unterholz. Eine Sinfonie des verwunschenen Dschungels sozusagen. Später, nach der atemlosen Hetze einer geisterhaft verschwommenen Gestalt, gellt durch das dämmernde Dickicht ein durchdringender (Urwald)Schrei.

Nicht der eines tarzanähnlichen Affenmannes, sondern - wie wir bald erfahren - der gequälte oder befreiende (?) Aufschrei eines dahinscheidenen Häftlings. Sein tödlich endender Fluchtversuch lässt sich besser nachvollziehen, wenn man weiß, aus welchem infernalischen Gefängnis er entkommen wollte: Dem "Christmas Island Immigration Detention Centre", einem umstrittenen Flüchtlingsinternierungslager auf der australischen Weihnachtsinsel im indischen Ozean. Mittlerweile wurde das Camp wegen der sinkenden Belegungszahlen geschlossen

Der Schein trügt

Es entbehrt nicht einer gewissen bitteren Ironie, dass ausgerechnet eine Insel, die nach dem christlichen Fest der Nächstenliebe und Wohltätigkeit benannt wurde, einen solch grausamen Ort der Unterdrückung beherbergt.

Bedeckt ist die Insel von tropischem Regenwald; es gibt Palmen, malerische Sandstrände und spektakuläre Naturschauspiele wie die weltweit größte Krabbenwanderung zu bestaunen. Schrecken und Schönheit der Insel, beides existiert parallel. Für die Mehrheit der Bewohner stellt ihre Heimat ein friedliches Paradies dar. Für die dort in Einwanderungshaft genommenen Geflüchteten ist es dagegen die Hölle auf Erden. 

Seit Anfang der Jahrtausendwende betreibt die australische Regierung eine beispiellos strikte Asylpolitik (die sogenannte "No Way"-Kampagne zur Abschreckung von Einwanderern), um zu verhindern, dass Migranten ohne gültige Ausweispapiere ins Landesinnere gelangen. Stattdessen werden die unerwünschten "Boatpeople" auf entlegenen Inselgruppen in überfüllten Haftzentren weggesperrt - und das auf unbestimmte Zeit.

Island 2
Island of the Hungry Ghosts

Weder vor noch zurück 

Keine einzige Innenaufnahme des Flüchtlingscamps gewährt uns die Kamera; nur aus der Ferne erhaschen wir einen flüchtigen Blick auf das Hochsicherheitszentrum. Trotzdem vermittelt der Film einen erschreckend lebhaften Eindruck davon, wie es hinter den Mauern und im Innern der Lagerinsassen aussieht: Aus dem Off schildert ein Internierter etwa, wie sie gegen ihre permanente Unterbringung aufbegehren, in den Hungerstreik treten und sich die Lippen zunähen.

In den Sitzungen mit der engagierten, aber überforderten Traumatherapeutin Poh Lin berichten Asylsuchende von ihrer albtraumhaften Flucht übers Meer und der inhumanen Behandlung durch das Camppersonal. Unter Tränen erzählt ein junger Mann, wie sehr es schmerzt, hilflos mit ansehen zu müssen, wie die eigene Mutter unter den Haftbedingungen zu leiden hat, wie  sehr die ungewisse Verweildauer im Abschiebelager die Psyche zermürbt. Die Folge: Zum trostlosen Campalltag gehören Selbstverletzungen, gewaltvolle Unruhen und Suizidversuche.

Tiere werden besser behandelt

Gegenmontiert sind diese bedrückenden Szenen mit majestätischen Aufnahmen der unbeeindruckt kreuchenden und fleuchenden Natur. Ausführlich beobachtet die Kamera in statischen Einstellungen die Migration der endemischen, feuerroten Krabben, die im Gegensatz zur menschlichen ausdrücklich erwünscht und von den Inselbewohnern unnötigerweise überwacht und sogar erleichtert wird. Anstatt diese Zeit sinnvoll zu nutzen, indem man die wirklich notleidenen Flüchtlinge unterstützt, verwendet man sie paradoxerweise lieber auf die Weihnachtsinsel-Krabben, die gar keiner Hilfe bedürfen.

Fazit

"Island of the Hungry Ghosts" ist eine gespenstisch-surrealistische, von sphärischen Klängen begleitete Meditation über Migration, (fehlende) Menschlichkeit und Bleiberecht.

Australiens "Stoppt die Boote"-Politik mag potenzielle Migranten davon abhalten, die gefährliche Reise übers Meer anzutreten und bewirken, dass weniger Menschen bei der Überfahrt sterben. Derweil zeigt der Film genau: Nur weil man sich ganz nach dem Motto "Aus den Augen, aus dem Sinn" der Verantwortung entledigt hat, löst das keine Probleme. Sie existieren weiterhin - in den kriegsgebeutelten Heimatländern der Geflüchteten. Und: Der zu zahlende, moralische Preis - dass sich die vernachlässigten Asylanten in die titelgebenden, heimatlosen Geister verwandeln, die der Legende nach nachts rastlos auf der Insel umherstreifen - ist schlicht und ergreifend zu hoch.

Island of the Hungry Ghosts Filmclip

 

 

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Island of the Hungry Ghosts
Laufzeit: 98 Minuten
Regie: Gabrielle Brady